Die Video-Analyse zu Grevesmühlen: Alles beginnt mit einem Tritt der Mutter...
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Die Nachricht über einen Polizeieinsatz in Grevesmühlen brachte halb Deutschland auf den Plan: Von einem rassistischen Angriff auf zwei ghanaische Mädchen war die Rede. Die Polizei hatte berichtet, dass eine Gruppe von etwa 20 Jugendlichen die Mädchen im Alter von acht und zehn Jahren angegriffen und rassistisch beleidigt, der Jüngeren gar ins Gesicht getreten haben sollen. Auch der Vater der Mädchen sei leicht verletzt worden und wie seine jüngere Tochter ins Krankenhaus gebracht worden.
Die Bild-Zeitung hatte exklusiv mit dem Vater gesprochen und behauptet, er und seine Tochter seien „verprügelt“, die Tochter „schwer verletzt“ worden. Zahlreiche Politiker drückten in dramatischen Worten ihr Entsetzen aus. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig (SPD) sprach von einem „brutalen Angriff“. Innenministerin Nancy Faeser schrieb auf X: „Kinder rassistisch zu beschimpfen und brutal zu attackieren, zeugt von dumpfem Hass und unfassbarer Unmenschlichkeit.“
Doch nun rudert die Polizei zurück, nachdem sie Video-Material des Vorfalls gesichtet hat. In einer zweiten Pressemitteilung schrieb sie am Montagabend: „Nach derzeitigem Ermittlungsstand hat das achtjährige Mädchen keine körperlichen Verletzungen erlitten, die auf die in der Erstmeldung geschilderte Tathandlung hindeuten.“ Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen habe ein Jugendlicher einem der Mädchen beim Rollerfahren den Weg versperrt. Die Kinder hätten sich an ihre Eltern gewandt. Diese stellten eine Gruppe Jugendlicher zur Rede, die sich in dem Bereich aufhielt.
Die NIUS-Videoanalyse beweist: Gewalt geht sowohl von der Mutter als auch vom Vater aus. Beide tragen immer wieder dazu bei, die Situation eskalieren zu lassen. Was wirklich geschah — Bild für Bild analysiert.
Auch die Polizei ermittelt inzwischen gegen den Vater wegen des Verdachts der leichten Körperverletzung, wie eine Sprecherin der Jungen Freiheit mitteilte.
Hier können Sie das gesamte Video sehen:
Die NIUS-Videoanalyse
Das Video des Vorfalls, das in den sozialen Netzwerken kursiert, setzt in einer Situation ein, in der der Vater gerade die Jugendlichen zur Rede stellt. Der Vater (weißes Shirt) befindet sich links im Gespräch, die ältere Tochter (pinke Jacke) kreist um die Gruppe.

Hinter der Tochter taucht die Mutter auf (rote Hose, helle Jacke), die sich zuvor hinter der Gruppe befunden hat. Im Hintergrund hört man die Rufe: „Entspann dich, entspannt euch!“ Offenbar versuchen einige der Jugendlichen, die Situation zu beruhigen.

Während der Vater sich weiter im Gespräch befindet, rennt die Mutter um die Gruppe herum und stellt einen der Jugendlichen (grüne Jacke) zur Rede (rechts im Bild):

Die Mutter tritt einen Schritt zurück, um dann das Bein hoch in die Luft zu heben. Sie tritt in Richtung des Jugendlichen:

Hier noch einmal die Szene im Video:
Es ist also die Mutter, die auf dem Video als erste erkennbar Gewalt anwendet.
Die gesamte Gruppe verlagert sich nach rechts. Die Mutter verlässt entschlossenen Schritts den Ort des Geschehens:

Auf dem Video ist zu erkennen, dass einige der Jugendliche Kleidung tragen, die als Erkennungszeichen des rechten bis rechtsextremen Milieus gilt, etwa eine Jacke der Marke Pitbull sowie eine Tarnhose und Springerstiefel. Andere unter ihnen tragen gewöhnliche Kleidung wie Jeans und T-Shirt:

Das Gespräch zwischen den Jugendlichen und dem Vater läuft eine Weile vergleichsweise ruhig. Es ist zu hören, dass sie sich über Uhrzeiten unterhalten („Um wie viel Uhr?“ – „19 Uhr 30, da waren wir schon längst hier oben, machen Sie das mal präziser“). Dann hört man den Ruf eines Jugendlichen: „Ey, hört auf, lasst ihn das ganz normal klären.“ Worauf sich das bezieht, ist unklar.
Die Mutter kommt wieder. An der Hand hält sie die jüngere Tochter, die sie zur Gruppe führt. Die jüngere Tochter taucht hier zum ersten Mal auf, die Mutter hat sie anscheinend extra hergeholt.

Anstatt also ihre zehnjährige Tochter vor der aufgeheizten Situation zu beschützen, holt die Mutter sie absichtlich hinzu. Sie trägt also nicht nur dazu bei, die Situation eskalieren zu lassen, sondern mutet ihrer jungen Tochter auch zu, sich ebenfalls in die eskalierende Situation zu begeben.
Die ältere Tochter stellt sich zwischen die Mutter und die Gruppe der Jugendlichen und streckt den Arm aus, als wolle sie dadurch Distanz schaffen und deeskalieren. Der Vater unterhält sich unterdessen weiter mit den Jugendlichen:

Dann ist eine Schlag-Bewegung des Vaters in Richtung der Jugendlichen zu sehen. Hier auf dem Video zu erkennen:
Auch vom Vater geht also, den Bildern nach zu urteilen, Gewalt gegen die Jugendlichen aus.
Die Mutter geht dazwischen:

Einer der Jugendlichen wird von den anderen Jugendlichen beim Namen gerufen, sie halten ihn zurück. Hier ist im Hintergrund zu erkennen, wie einer der Jugendlichen ihn mit dem Arm zurückhält:

Jetzt sind laute Rufe und Schreie zu hören. Die ältere Tochter wird von einem der Jugendlichen an der Jacke gezogen. Ein Jugendlicher ruft: „Scheiß Nigger-Schwein!“ Im Hintergrund ringen die Jugendlichen einen ihrer Freunde nieder, verhindern so, dass er auf den Vater losgehen kann.
Die Jugendlichen verprügeln den Vater und seine Tochter also nicht, so legt zumindest das Video nahe. Vielmehr verhindern sie, dass einer aus ihrer Gruppe den Vater angreift. Die Töchter werden – bis auf das Ziehen an der Jacke – während des gesamten Videos kein einziges Mal erkennbar von einem der Jugendlichen angegriffen. Sie bewegen sich frei in der Gruppe.
Hier ist zu sehen, wie die Tochter an der Jacke gezogen wird:

Die Jugendlichen rufen rassistische Beschimpfungen. Die Mutter tritt daraufhin erneut in Richtung der Jugendlichen, hier auf dem Video zu sehen:
Zweimal also ist zu erkennen, wie die Mutter die Jugendlichen tritt. Ausgerechnet die Eltern jedoch hatten den Vorwurf erhoben, ihre Tochter sei von den Jugendlichen getreten worden – eine Behauptung, die sich durch das Video nicht erhärtet.
Es wird weiter laut gerufen, zu hören sind die Worte: „So ein schwarzer Hurensohn!“ Die Mutter verliert völlig die Fassung, kreischt und hüpft. Dann läuft sie in Richtung der Jugendlichen, die jüngere Tochter versucht mit aller Kraft, sie zurückzuhalten:

Die Mutter kann sich vom Arm ihrer Tochter befreien, rennt auf die Stelle zu, an der der aggressive Jugendliche von seinen Kumpels zurückgehalten wird.

Die Polizei ermittelt inzwischen gegen alle Streitparteien.
Dort kommt es möglicherweise zu einem Gerangel, das auf der Aufnahme allerdings nicht eindeutig zu erkennen ist. Die Mutter läuft wieder in die andere Richtung, scheint einen Nervenzusammenbruch zu haben, läuft kreischend herum. Die jüngere Tochter versucht, sie zu beruhigen.

Jemand ruft: „Warum du schlage meine Frau?“ Während die Mutter weiter kreischt und wilde Bewegungen macht, redet einer der Jugendlichen auf sie ein: „Beruhigen Sie sich.“ Einige der Jugendlichen verlassen den Ort. Zuletzt ist eine Stimme zu hören, die sagt: „Die Bullen kommen gleich.“
Das Video zeigt keinen „brutalen Angriff“ auf die Kinder. Die Jugendlichen rufen durchaus hasserfüllte rassistische Beschimpfungen. Gleichzeitig aber greifen die Eltern die Jugendlichen körperlich an und sorgen immer wieder dafür, die Stimmung anzuheizen. Die Mutter holt ihre jüngere Tochter gezielt zum Ort des Geschehens, was sie wohl kaum getan hätte, wenn sie Furcht vor gewalttätigen Übergriffen gehabt hätte. Die Jugendlichen hingegen versuchen immer wieder, zu deeskalieren. Einen aggressiven Jugendlichen halten sie davon ab, anzugreifen.
Von der Erzählung eines einseitigen, brutalen Angriffs auf die Mädchen bleibt also nicht viel.
Unklar bleibt, weshalb die Polizei in ihrer Pressemitteilung nicht klar benennt, dass von den Eltern körperliche Aggressionen gegen die Jugendlichen ausgehen. Eine Anfrage an die Polizei zu den genauen Hintergründen des Vorfalls blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
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Pauline Voss
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