„Es ging gar nicht um Sport“: Wie ein Politologe das Sommermärchen 2006 zu Nationalismus umdeutet
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Wie kann man eine Verbindung zwischen dem „Sommermärchen“ 2006 und der Entstehung von Pegida ziehen? Ein Format der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) stützt sich auf die steile These eines linken Politikwissenschaftlers.
„Sind Poldi, Klinsi & Co. schuld am Rechtsruck in Deutschland?" Diese bizarre Frage wurde in einem Video des Formats „Politik raus aus den Stadien“ gestellt (NIUS berichtete), dessen Projektträger die Faeser-Behörde ist. Wenn man „edgy“ sein wolle, könne man das schon mal fragen, so die Moderatorin mit Problemponyfrisur. Den Worten der bpb zufolge soll „die junge Zielgruppe der 16- bis 30-Jährigen durch ein Kurzvideoformat mit zehn Episoden an verschiedene politische Momente der vergangenen Jahrzehnte heranführen, die sich vor dem Hintergrund von Sportgroßveranstaltungen abspielten.“
Durch welche Brille diese Momente gesehen werden, wurde schon vorher deutlich: Am 14. Juni fragte dasselbe Format: „Hat der europäische Fußball ein Rassismus-Problem?“, spekulierte etwa darüber, inwiefern „rassistische Stereotype“ die Besetzung der verschiedenen Spielerpositionen beeinflussen. Penibel wurde gezählt, wie viele von 967 Spielern aus der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga in der Saison 2020/21 als dunkelhäutige Spieler kategorisiert würden (20,6 Prozent): „Es gab aber keinen einzigen Schwarzen Torwart.“
Was aber können Poldi, Klinsi & Co. für die Entstehung rechter Bewegungen oder Parteien? Sie spielen doch nur Fußball, denkt der arglose Fußballfreund. Eben nicht!, würde da der Politikwissenschaftler Clemens Heni widersprechen, der über Antisemitismus nach 1945 und die Neue Rechte in Deutschland forscht und publiziert. Er hat schon vor etlichen Jahren die abenteuerliche These aufgestellt, bei der WM 2006 sei es gar nicht um Sport gegangen, sondern um das „von Anfang an geplante deutsch-nationale Event“, also noch unter der für ihren Nationaltaumel bekannten Kanzlerin Angela Merkel.

Fußballbegeisterung oder roher Nationalismus? Das Sommermärchen 2006.
„Innerer Reichsparteitag“ – shocking!
Zwei Beispiele nannte Heni der Frankfurter Rundschau bereits 2017. Bundestrainer Jürgen Klinsmann habe gesagt: „Das ist unser Spiel. Das lassen wir uns von niemanden nehmen! Schon gar nicht von Polen. Die stehen mit dem Rücken zur Wand und wir knallen sie durch die Wand hindurch!“ Da wittert Heni einen Hauch von 1939, als Wehrmachtssoldaten die Schlagbäume an der Grenze beseitigen. Und: Die ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein habe vom „inneren Reichsparteitag“ gesprochen, den Torschütze Miroslaw Klose gehabt haben soll. Alles klar, Herr Politkommissar!

Politikwissenschaftler Clemens Heni: „Texte wie 1937“.
Heni barmte, sogar Teile der deutschen Intellektuellen hätten im schwarz-rot-goldenen Rausch jener Tage „mitgemacht“, die Deutschen mit der Fahne ihre nationale Identität gefeiert. Noch schlimmer: „Es gab unzählige Autoren, die von der Gemeinschaft des Volkes fabulierten, da hörten sich Texte teils so an, als wären sie 1937 geschrieben worden.“ Stürmer also nicht nur auf dem Platz, jedenfalls für den Herrn Politologen.
Hitlergruß im Deutschlandtrikot
Dass Fußball den Nationalismus befördere, gilt im Lager der Linksdenker als ausgemachte Sache, auch wenn Fans verschiedener Nationalmannschaften fröhlich miteinander feiern. Dann steht der hinter jedem Baum einen Faschisten vermutende Bedenkenträger daneben und nimmt übel.
Den Weltmeistertitel 1990 und die fremdenfeindlichen Krawalle in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen denkt er – wohl wegen des Betrunkenen im Deutschlandtrikot mit deutschem Gruß – ebenso zusammen wie den Titelgewinn von 2014 und den Aufstieg der AfD. Und das nicht zeitlich, sondern vor allem kausal. Belastbar scheinen solche Thesen allerdings kaum.
Fest steht allerdings: Nicht nur der Grünen Katrin Göring-Eckardt wird der DFB-Kader von 2016 entschieden zu weiß gewesen sein: Mit Gerald Asamoah und David Odonkor spielten seinerzeit ganze zwei dunkelhäutige Kicker für Deutschland, dazu zwei polnischstämmige: Miroslaw Klose und Lukas Podolski – jener „Poldi“, der mitschuldig sein soll am Erstarken der Rechten im Lande. Wie der Rest des Teams, aus dem niemand durch Erdogan-Ergebenheitsadressen oder Tauhid-Finger auffiel, also wohl einfach nur im schwarz-weißen Dress spielen wollte, egal was welche Eierköpfe aus dem Elfenbeinturm dahinter vermuteten. Es waren noch normale Zeiten.
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