Das Märchen vom israelischen Hamas-Aufbau – und wie damit antisemitische Schuldumkehr betrieben wird
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Nach dem 7. Oktober macht wieder das Gerücht die Runde, Israel habe die Hamas aufgebaut. Fakt ist: Die Hamas entstand 1987 aus der Muslimbruderschaft, nicht durch Israel. Unter Netanyahu wurde die Organisation jedoch indirekt gestärkt – durch Duldung der Finanzierung durch Katar sowie eine Politik des „Teile und herrsche“. So blieb die Palästinensische Autonomiebehörde geschwächt, während die Hamas mitunter als nützliches Gegengewicht galt, die eine geeinte palästinensische Führung unter der Palästinensische Autonomiebehörde verhindert. In den sozialen Medien wird die zionistische Kritik daran irreführend verdreht und in ein antisemitisches Narrativ der Schuldumkehr verwandelt.
Es ist ein Satz, der seit Jahren kursiert – und nach dem 7. Oktober 2023 wieder lauter wird: Israel hat die Hamas selbst aufgebaut. Auf X und in den Kommentarspalten wird diese These regelmäßig bemüht, um Benjamin Netanyahu und die israelische Politik insgesamt für das Massaker der Hamas am 7. Oktober verantwortlich zu machen.
Oft taucht dazu ein Text der – pro-zionistischen – Nachrichtenseite Times of Israel in den sozialen Medien auf. Sein Titel: „For years, Netanyahu propped up Hamas. Now it’s blown up in our faces.“ Zu Deutsch: „Jahrelang hat Netanjahu die Hamas gestützt. Jetzt fliegt sie uns um die Ohren.“
Man erkennt hier schon: „gestützt“ ist etwas anderes als „unterstützt“ oder gar „finanziert“. Was steht in dem Text also wirklich? Und wie verhält sich das zu dem Gerücht vom israelischen „Aufbau“ der Hamas?

Am 8. Oktober 2023 analysierte die Times of Israel Netanjahus Hamas-Politik.
Was die Times of Israel schreibt
Die Kolumnistin Tal Schneider zeichnet in ihrem Text ein Bild von Netanyahus jahrelanger Gaza-Politik:
- Katar-Gelder wurden seit 2018 unter israelischer Duldung kofferweise in den Gazastreifen gebracht.
- Arbeitsgenehmigungen für Gazaner wurden stark ausgeweitet – zuletzt bis nahe 20.000.
- Raketenbeschuss und Brandballons wurden lange hingenommen.
Die Begründung: Hamas sollte als Gegengewicht zur Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) dienen. Schneider fasst es so zusammen: „Meistens behandelte Israel die Palästinensische Autonomiebehörde wie ein Problem – und die Hamas wie ein nützliches Instrument.“
Ihr Urteil: Diese Politik sei als strategischer Fehler explodiert – „it blew up in our faces“.

Am ersten Jahrestag, dem 7.10.2024, trauerten Juden weltweit um die von Hamas Ermordeten.
Direkte vs. indirekte Unterstützung
Hier ist der Knackpunkt. Hier liegt der Hase im Pfeffer.
- Direkter Aufbau würde heißen: Gründung, Bewaffnung oder Ausbildung von der Hamas durch Israel. Das ist historisch falsch. Die Hamas entstand 1987 als Ableger der Muslimbruderschaft. Israel hat die Organisation nicht erschaffen.
- Indirekte Stärkung bedeutet: Duldung, wirtschaftliche Erleichterungen, Zulassen von Katar-Geldern – all das, um kurzfristig Ruhe zu kaufen und die PA zu schwächen. Genau das kritisiert der Times of Israel-Kommentar.
Im ausführlichen Wortlaut der Times of Israel:
„Über Jahre hinweg setzten die von Benjamin Netanyahu geführten Regierungen auf eine Politik, die die Macht zwischen Gazastreifen und Westjordanland bewusst spaltete: Während Präsident Mahmud Abbas und die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland geschwächt wurden, erhielten die Hamas im Gazastreifen indirekte Stütze.
Die Logik dahinter: Abbas – oder ein möglicher Nachfolger – sollte daran gehindert werden, Schritte in Richtung eines palästinensischen Staates einzuleiten. So wurde Hamas im Zuge dieser Strategie von einer reinen Terrororganisation zu einem Akteur aufgewertet, mit dem Israel über Ägypten indirekt verhandelte – und dem man zugleich erlaubte, Geld aus dem Ausland zu beziehen.“
Weiter heißt es:
„Teil dieser Politik war auch, Hamas in Gespräche über die Ausweitung von Arbeitsgenehmigungen für Gazaner einzubeziehen. Diese Genehmigungen brachten Geld in den Gazastreifen, sicherten Familien das tägliche Brot und ermöglichten den Kauf lebensnotwendiger Güter.
Nach Darstellung israelischer Regierungsvertreter waren die Genehmigungen ein wirksames Instrument, um Ruhe zu bewahren – da die Arbeiter in Israel deutlich mehr verdienten, als es im Gazastreifen möglich gewesen wäre.“
Ein komplexes Kalkül
Netanyahus Kalkül beruhte auf einer klassischen „Teile-und-herrsche“-Logik: Solange die Hamas im Gazastreifen stark blieb, blieb die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland geschwächt und eine innerpalästinensische Einigung in weiter Ferne. Für Netanyahu und Teile der israelischen Rechten war das strategisch vorteilhaft, weil eine geeinte palästinensische Führung den internationalen Druck für Verhandlungen über einen eigenen Staat erhöht hätte.
Die Hamas hingegen gilt in großen Teilen der Welt als Terrororganisation, was es Israel erleichterte, internationale Kritik abzuwehren. Kurzfristige Ruhe durch Katar-Gelder und Arbeitsgenehmigungen wurde also in Kauf genommen, um langfristig die Zweistaatenlösung, die auf einen islamistischen antiisraelischen Unstaat hinausliefe, zu blockieren – ein Kalkül, das sich im Nachhinein als hochriskant und folgenschwer erwiesen hat. Diese komplexe Strategie wird jedoch verkürzt – und genau hier beginnt die Entstehung des Gerüchts.
Besagter Artikel wird auf X vielfach geteilt – auch von Rechten in Deutschland und Europa, die traditionell nicht „palästinasolidarisch“ sind. Sie nutzen ihn, um zu behaupten, Netanyahu habe die Hamas selbst vorangebracht und trage damit selbst Schuld bis hin zum 7. Oktober.
Das Gerücht, Israel habe die Hamas aufgebaut, wird mit diesem Text befeuert. Aber: The Times of Israel ist eine zionistische Nachrichtenseite und argumentiert letztlich nicht, dass ein direkter Aufbau stattfand, sondern dass die Hamas nicht entschlossen genug bekämpft wurde.
Antisemitismus als „Gerücht über Juden“
Der Philosoph Theodor W. Adorno hat Antisemitismus einmal prägnant auf den Begriff gebracht: „Antisemitismus ist das Gerücht über Juden.“ Genau dieses Muster ist hier erkennbar. Ein Kommentar, der eigentlich eine Kritik an Netanyahus Duldungspolitik ist, wird verdreht und missgedeutet – und verwandelt sich in ein Gerücht, das Israelfeindschaft transportiert: Die Juden hätten die Massaker an sich selbst letztlich selbst zu verantworten.

Zu seinem 100. Geburtstag, im Jahr 2003, wurde Adorno mit einer Briefmarke gewürdigt.
Ein Beispiel dafür liefert der deutsche Rechtsanwalt Markus Haintz. Er postete den Artikel auf X und kommentierte: „Müsste sich Israel nicht selbst bombardieren, weil es die Hamas finanziert und aufgebaut hat?“
Das ist Schuldumkehr und Israelfeindschaft in Reinform.
Zusammenfassend ist zu sagen: Das Gerücht, Israel habe die Hamas aufgebaut, hält einer faktischen Prüfung nicht stand. Richtig ist: Unter Netanyahu wurde die Hamas nicht zerschlagen, sondern indirekt stabilisiert – mit fatalen Folgen. Die Verdrehung dieses Befundes zu einem angeblichen „Aufbau durch Israel“ ist nichts anderes als ein antisemitisches Gerücht.
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