Iran nach der Erschöpfung: Über eine Revolution, die niemand zu Ende bringt
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Ein Gastbeitrag von Nasrin Amirsedghi
In den vergangenen sechs Tagen gingen in zahlreichen iranischen Städten Zehntausende auf die Straße: in Teheran, Isfahan, Maschhad, Schiras, Tabriz. Zeitweise kam es zu kampfähnlichen Szenen: Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, Demonstranten errichteten Barrikaden, Videos zeigen brennende Müllcontainer und zerstreute Menschenmengen, die sich immer wieder neu formieren. Der offizielle Grund: die steigenden Lebensmittelpreise. Auf Transparenten steht aber nichts von Inflation oder Subventionen, sondern: „Tod dem Diktator“, „Dieses Jahr ist das Jahr des Sturzes“ – oder: „Nicht für Gaza, nicht für Libanon, mein Leben für Iran“.

Demonstranten protestieren gegen die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen in Teheran.
Die Demonstranten sind überwiegend junge Menschen: zahlreiche Frauen ohne Kopftuch, Studenten, Arbeiter, Angestellte. Sie tragen Jeans, Turnschuhe, Alltagskleidung – nichts Revolutionäres, nichts Inszeniertes. Gerade darin liegt die Provokation. Diese Proteste sind keine folkloristische Opposition, sondern der Ausdruck eines Alltags, der sich der religiösen Kontrolle entzieht.
Der Iran befindet sich wieder einmal in einem Zustand des Dazwischen. Große Demonstrationen erschüttern Städte, Universitäten, Fabriken und Randbezirke. Parolen gegen das Regime hallen durch Straßen, die längst gelernt haben, wie schnell Hoffnung in Blut umschlägt. Das Volk leidet seit fast einem halben Jahrhundert unter einer religiösen Herrschaft, die sich nicht reformieren lässt, weil sie strukturell auf Unterwerfung beruht. Und doch bleibt das internationale Echo auffallend gedämpft.
Ahvaz im Süden von Iran gehen einige bewaffnet auf die Straße und protestieren offen gegen das Mullah-Regime. In Regionen wie Kurdistan, Ahvaz und Balochistan ist es historisch und gesellschaftlich üblich, dass Teile der Bevölkerung bewaffnet sind. #Iran pic.twitter.com/rHxSeaNgzf
— Iman Sefati (@ISefati) January 1, 2026
Das Schweigen im Walde – und die Hoffnung auf Regime Change
Die deutschen Medien berichten sparsam, und wenn überhaupt, dann über Inflation, Währungskrise, Arbeitslosigkeit, Sanktionen. Sie berichten über Zahlen – aber nicht die generelle Ablehnung. Über Preise – aber nicht über Prinzipien. Was fast vollständig ausgeblendet wird, ist die fundamentale Zurückweisung des Systems selbst.
Dabei ist genau diese Ablehnung der eigentliche Kern der iranischen Proteste. Es geht nicht mehr um Brotpreise, nicht um Subventionen, nicht mehr um ökonomische Stellschrauben. Es geht um die vollständige Delegitimierung einer religiösen Macht, die sich seit 1979 als moralische Instanz inszeniert und längst nur noch als nackter Zwang existiert. Die Steigerung der Lebensmittelpreise mag ein Katalysator sein, die Ursachen sind aber weitgehend tiefer.
In Qom skandieren Demonstranten: „Die Mullahs sollen verschwinden – es lebe der Schah!“
So hält auch die Behauptung, es gehe bei den aktuellen Protesten primär um wirtschaftliche Not, einer näheren Betrachtung nicht stand. Die zentralen Parolen richten sich nicht an Minister oder gegen Preise, sondern an die Spitze des Systems. „Tod dem Diktator“, „Nieder mit der Islamischen Republik“, „Wir wollen keinen islamischen Staat“ – diese Rufe sind seit Jahren wiederkehrend. Auch prominente iranische Journalisten und Aktivisten betonen, dass die Proteste keinen reformistischen Charakter mehr haben. „Die Gesellschaft hat die Idee der Reform hinter sich gelassen“, sagte kürzlich ein Exiljournalist. „Was wir erleben, ist eine Absage an das System als Ganzes.“

Wechselkurse in der iranischen Hauptstadt Teheran: Wirtschaftliche Nöte als Katalysator, aber nicht einzige Ursache.
Der Basar als gesellschaftliches Stimmungsbarometer
Selbst Streiks und Geschäftsschließungen folgen dieser Logik: Sie sind kein ökonomischer Protest, sondern eine Form zivilen Ungehorsams. Wer seinen Laden schließt, erklärt symbolisch den Rückzug aus einem System, das er nicht mehr legitimiert. Das ist keine Forderung nach besseren Bedingungen – es ist die Verweigerung der Teilnahme.
Was derzeit im Iran geschieht, ist weder ein spontaner Aufruhr noch ein isolierter Protest. In zahlreichen Städten bleiben Geschäfte geschlossen, Basare verriegeln ihre Tore, Werkstätten arbeiten nicht. Diese geschlossenen Läden sind kein ökonomisches Detail, sondern ein politisches Signal. Der Basar war historisch stets ein Seismograph gesellschaftlicher Umbrüche. Wenn Händler schließen, riskieren sie nicht nur Einkommen, sondern Repression. Die Geste ist still, aber eindeutig: Verweigerung.
Auf den Straßen versammeln sich vor allem junge Menschen, Frauen, Studenten, Arbeiter. Sie protestieren nicht für Reformen, sondern gegen das System selbst. Die Parolen richten sich gegen den obersten Führer, gegen die Revolutionsgarden, gegen die religiöse Bevormundung des Alltags. Es geht um Kleidungsvorschriften, um Polizeigewalt, um allgegenwärtige Kontrolle – und letztlich um das Recht, ein normales Leben zu führen.

In den vergangenen Tagen blieben vielerorts im Iran die Läden geschlossen.
Diese Proteste folgen keinem zentralen Kommando, keiner Partei, keinem Führer. Gerade das macht sie schwer zu zerschlagen – und zugleich schwer zu vollenden. Sie entstehen aus Erschöpfung, aus Wut, aus dem Gefühl, dass ein halbes Jahrhundert verloren gegangen ist. Wer heute auf die Straße geht, weiß, dass er verhaftet, misshandelt oder getötet werden kann. Dennoch gehen sie. Nicht, weil sie an den Sieg glauben, sondern weil sie die Fortsetzung des Status quo nicht mehr ertragen.
Der Iran wirkt in diesen Tagen weniger wie ein handlungsfähiger Staat als wie eine Maschine, die sich nur noch aus Trägheit bewegt. Die Institutionen funktionieren formal, aber nicht mehr organisch. Entscheidungen werden getroffen, ohne dass jemand an ihre Wirksamkeit glaubt. Repression wird ausgeübt, ohne noch Loyalität zu erzeugen. Die Islamische Republik lebt nicht mehr – sie rotiert. Und niemand weiß, wo sich der Ausschalter befindet oder wer ihn zu betätigen wagt.
Die Zersplitterung der Opposition
Doch so schwach das Regime wirkt, so sehr muss auch der Zustand der Opposition betrüben. Diese ist zersplittert, fragmentiert, oft eitel, oft ideologisch verkrustet, häufig mit sich selbst beschäftigt. Exilgruppen konkurrieren um Aufmerksamkeit, Deutungshoheit, Spendengelder. Die Zersplitterung der iranischen Opposition ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Geschichte, Exil und Misstrauen. Wenn man von „der Opposition“ spricht, sollte ohnehin klar sein: Sie besteht aus liberalen Republikanern, linken säkularen Gruppen, ethnischen Minderheitenbewegungen, Monarchisten, ehemaligen Reformern, Studenteninitiativen, Gewerkschaftsnetzwerken – und einer großen, politisch heimatlosen Masse.
Viele dieser Gruppen eint nur eines: die Ablehnung der Islamischen Republik. Über das Danach herrscht Uneinigkeit. Jede Strömung reklamiert moralische Reinheit für sich, während sie der anderen Verrat, Opportunismus oder historische Schuld vorwirft. Diese Opposition ist laut, aber selten wirksam. Sie produziert Narrative, aber kaum Strukturen.
Jahrzehnte der Repression haben politische Organisation zerstört, Führungspersönlichkeiten eliminiert oder ins Exil gezwungen. Wer überlebt hat, lebt oft außerhalb des Landes – fern von der sozialen Realität, aber nah an ideologischen Grabenkämpfen. Misstrauen ist zum Grundmodus geworden. Jede Struktur wird sofort als potenziell autoritär verdächtigt, jede Führungsfigur als latent verräterisch. So reproduziert die Opposition ungewollt genau das, was sie überwinden will: politische Lähmung.

Pahlavi lebt im Ausland im Exil – gilt aber vielerorts als Hoffnungsträger.
Der Name Reza Pahlavi ist in dieses Vakuum zurückgekehrt – nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Störsignal. Jahrzehntelang fungierte er als Projektionsfläche monarchistischer Sehnsucht oder als Reizfigur revolutionärer Orthodoxien. Heute erscheint er in einem anderen Licht: als möglicher Fixpunkt in einem politischen Niemandsland. Viele Iraner suchen nicht den Schah als Figur, sondern als Chiffre für Ordnung. Sie suchen ein Gesicht, an dem sich die Vorstellung eines Danach bündeln lässt. Vielleicht eine Übergangsfigur. Einen Organisator. Ein Symbol für nationale Kontinuität jenseits des klerikalen Projekts.
Das ist kein monarchistischer Reflex, sondern ein politischer. Revolutionen scheitern nicht selten daran, dass sie keinen Adressaten haben. Der Iran hat keinen Mandela, keinen Havel, keinen Wałęsa. Er hat Millionen mutiger Menschen – aber keine Figur, die den Übergang verkörpert. Reza Pahlavi füllt dieses Vakuum nicht durch Programm, sondern durch Abwesenheit: unbefleckt von der Islamischen Republik, nicht belastet durch Repression, nicht kompromittiert durch Kollaboration. Das macht ihn angreifbar – und zugleich relevant.
In Pahlavis Abwesenheit liegt eine Chance – und doch auch eine Schwäche
Doch genau hier beginnt das Dilemma der iranischen Opposition. Jede mögliche Klammer wird sofort dekonstruiert, jede Figur zerlegt, bevor sie Wirkung entfalten kann. Kritik ersetzt Strategie. Historische Abrechnung ersetzt Zukunftsentwurf. Man hat gelernt, gegen Macht zu sein – nicht, Macht zu organisieren. Das Regime weiß das. Es überlebt nicht durch Stärke, sondern durch die Schwäche seiner Gegner.
Ein weiterer neuralgischer Punkt bleibt unausgesprochen: Alle paar Jahre geht man auf die Straße – und zieht sich wieder zurück. Der Mut ist real, das Risiko enorm, die Opfer zahlreich. Und doch fehlt der letzte Schritt. Der Punkt, an dem man weiß, dass es kein Zurück mehr gibt. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine tragische Konstante. Wer Jahrzehnte unter Terror lebt, lernt, Grenzen nicht zu überschreiten. Das Regime hat diese Grenze bewusst blutig gezogen. Die Opposition weiß das – und zögert.

Andernorts (wie hier in Teheran) halten Regimetreue Plakate des verstorbenen Kommandeurs der Expeditionsstreitkraft General Qassem Soleimani hoch.
Dieses innere Zögern trifft auf ein äußeres Versagen. Die Appeasement-Politik des Westens ist kein Missverständnis, sondern Kalkül. Europa will Stabilität, nicht Freiheit. Verlässliche Gesprächspartner, nicht Umbrüche. Man fürchtet Chaos, Migration, Unsicherheit – und akzeptiert dafür ein Regime, das seine eigene Bevölkerung terrorisiert. Man spricht von Dialog, während Menschen erschossen werden. Man spricht von Diplomatie, während Frauen zu Tode geprügelt werden.
Die Desillusionierung ist tief. Auch weil selbst Momente historischer Möglichkeit ungenutzt verstreichen. Als Israel das iranische Regime militärisch unter Druck setzte, hätte sich ein Fenster öffnen können. Stattdessen wurde gebremst, moderiert, verhindert. Die Angst vor Eskalation wog schwerer als die Aussicht auf Befreiung. Für viele Iraner war das ein weiterer Beweis dafür, dass sie letztlich allein sind.
Wie gut vernetzt sind Iraner im Exil?
Hinzu kommt die geopolitische Ablenkung. Europa ist mit sich selbst beschäftigt: Ukraine, Russland, Energiekrise, innere Fragmentierung. Der Iran ist wieder einmal Randnotiz. Ein Störfaktor, kein zentrales Thema. Dabei wäre gerade jetzt Klarheit notwendig. Ein klares Bekenntnis zur Delegitimierung des Regimes. Eine klare Unterscheidung zwischen Volk und Macht. Doch stattdessen herrscht diplomatische Grauzone.
Die Zukunft Irans entscheidet sich nicht allein in Teheran, Isfahan oder Maschhad. Sie entscheidet sich auch in Berlin, Paris, Washington. Vor allem aber entscheidet sie sich in der Fähigkeit der Opposition, aus moralischer Empörung politische Form zu machen. Eine Revolution ist kein Ereignis, sondern ein Prozess. Und Prozesse brauchen Struktur, Geduld, Führung – und den Mut, unvollkommen zu sein.
Der Iran steht an einem Punkt, an dem das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch nicht sichtbar ist. Das Regime ist ideologisch tot, aber institutionell lebendig. Die Gesellschaft ist innerlich frei, aber äußerlich gefesselt. Die Opposition ist laut, aber ungerichtet. Und der Westen ist müde, berechnend, vorsichtig bis zur Komplizenschaft.
Vielleicht ist das die bittere Wahrheit: Der Iran wird nicht befreit, solange alle darauf warten, dass jemand anders den ersten irreversiblen Schritt geht. Solange das Volk auf den Westen hofft, der Westen auf Stabilität und die Opposition auf die perfekte Konstellation. Geschichte aber kennt keine perfekten Lagen. Sie kennt nur Momente, in denen man handelt – oder sie verpasst.
Die Islamische Republik wird nicht ewig rotieren. Jede Maschine verschleißt. Die Frage ist nicht, ob sie endet, sondern wie. Im Chaos – oder in einem Übergang, der vorbereitet wurde. Die Zukunft Irans hängt weniger von der Stärke des Regimes ab als von der Fähigkeit seiner Gegner, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für den Sturz – sondern für das Danach.
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Die Autorin Nasrin Amirsedghi ist Deutsch-Iranerin und Sprachdozentin in Berlin. Sie lebt seit 42 Jahren im Exil in Deutschland.
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