Kein Volk, keine Flagge, keine Zukunft: Was soll man eigentlich noch mit der Waffe in der Hand verteidigen?
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Die Diskussion um das Thema Landesverteidigung erlebt gerade mal wieder Hochkonjunktur. Während man bei der SPD mit Verteidigungsminister Boris Pistorius weiterhin darauf hofft, die Zahl der Streitkräfte langfristig über Freiwilligkeit zu erhöhen, ist man bei der Union eher vom verpflichtenden Dienst an der Waffe überzeugt. Die Christdemokraten erhoffen sich einen Sprung in die Zeit von vor 2011, als man sich im rosigen Merkel-Deutschland erlaubte, die Wehrpflicht einfach abzuschaffen. Das Problem ist nur: Noch nie hat es Deutschland seinem Volk so schwer gemacht, aus eigenem Antrieb wehrhaft zu werden.
Das war mal anders: Als sich in Deutschland 1813 erneut der Kampf gegen Napoleon in den Befreiungskriegen entzündet, steht Deutschlands Schicksal auf dem Spiel: Es gilt, die seit den Niederlagen von 1806 bei Auerstedt und Jena gefestigte französische Fremdherrschaft endlich zu brechen. Aus dem gesamten ehemaligen Reich finden sich Freiwillige im Lützowschen Freikorps zusammen. Viele von ihnen sind Studenten, Intellektuelle, Bürgerliche und ehemalige Soldaten der preußischen Armee.
So verschieden die jungen Freiheitskämpfer auch gewesen sein mögen, angetrieben wurden sie doch alle von einem gemeinschaftlichen Gedanken: Deutschland, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Nationalstaat besteht, muss vom Joch der französischen Fremdherrschaft befreit werden. Nationale Dichter wie Ernst Moritz Arndt oder Johann Gottlieb Fichte lieferten damals die passenden Schriften und Lieder zum Wir-Gefühl. Für ein höheres Ideal zur Waffe zu greifen, ist nicht nur für die Lützower Jäger eine Selbstverständlichkeit.

Dem Lützowschen Freikorps ging es vor allem um die Befreiung von den Franzosen.
Die Schicksalsgemeinschaft wird erneut herausgefordert
In der Bevölkerung muss die Idee einer Schicksalsgemeinschaft, die sich gegen äußere und innere Bedrohungen zur Wehr setzt, nicht erst erklärt werden. Den Mut der Soldaten ließ man später sogar in die Nationalfarben einfließen. Schwarz war die Uniform, rot die Nähte und gülden die Knöpfe.
Über 200 Jahre später soll der junge Deutsche erneut das Gewehr in die Hand nehmen – zumindest wenn es nach einigen Politikern geht. Eine französische Bedrohung gibt es jedoch mittlerweile ebenso wenig wie ein gemeinschaftliches Gefühl zur Landesverteidigung. Die Schicksalsgemeinschaft: Sie existiert nicht mehr, beziehungsweise lebt sie nur noch in den Köpfen träumender Rechter weiter. Und Spoiler: Um sie flächendeckend wiederherzustellen, braucht es neben den politischen Bemühungen auch ein gesellschaftliches Umdenken. Die kleinen Stellschrauben zu bewegen, reicht nicht mehr aus.
Die Problematik beginnt nämlich bereits damit, dass das „Volk“ als Grundlage der Schicksalsgemeinschaft überhaupt nicht mehr herangezogen werden kann – zumindest nicht in dem Sinne sogenannter „Biodeutscher“. „Es gibt kein Volk, und es gibt deshalb auch keinen Verrat am Volk“, wusste 2018 bereits der ehemalige Wirtschaftsminister Robert Habeck, als er danach gefragt wurde, was er mit dem Begriff „Volksverräter“ verbinde.
Nach Ethnie bemisst zwar auch das Grundgesetz, etwa bei russischen Spätaussiedlern. Diese Unterscheidung nach Herkunft jedoch auch auf andere gesellschaftliche Fragen anzuwenden, gilt mittlerweile als verdächtig. Bei der AfD reicht sie gar zur Einstufung als „gesichert rechtsextremistisch“.

Der Verfassungsschutz hat die AfD vor allem wegen ihres ethnischen Volksbegriffs im Visier.
Nicht nur Linke tragen Schuld
Zugegeben: Beispiele von Linken, die sich in der Vergangenheit daran abarbeiteten, abfällig über Volk und Nation zu reden, gibt es genügend – und sie wurden genügend diskutiert. Linke Außenseiter wie Habeck oder Claudia Roth, die zur Wendezeit hinter einem Banner mit der Aufschrift „Nie wieder Deutschland“ marschierte, bekämpfen das Deutsche schon seit dessen Existenz, sind aber nicht das größte Problem für die Schicksalsgemeinschaft. Die Massen beeinflussen sie mit ihren verbalen Ausfällen nicht.
Die Zerstörung des Gemeinsamen erfolgt nicht nach radikalen Aussagen einzelner Hardliner. Nicht selten sind es subtile Handlungen und Aktionen, die das Nationalgefühl über längere Zeit erodieren. Ebenso wie fehlender Widerstand der vernunftbasierten Kräfte und deren Desinteresse.
So konnten wir etwa zur Fußballweltmeisterschaft 2006 noch gemeinsam im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer auf der Fanmeile baden. Unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ war man damals nicht nur anderen Nationalitäten freundlich gesinnt, sondern auch der eigenen Identität.
Sieben Jahre später, im September 2013, ist die Flagge nicht einmal mehr so viel wert, dass sie der neu gewählten Bundeskanzlerin Angela Merkel zumindest noch als Party-Utensil dienen konnte. Als der damalige CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe neben Merkel anfängt, das Fähnchen zu schwenken, nimmt sie ihm das Accessoire aus der Hand. Jedoch nicht etwa, weil sie sich als frisch gebackene Kanzlerin selbst dem nationalen Fahnentaumel ergeben möchte, sondern, um sie mit einem an Gröhe gerichteten Kopfschütteln von der Bühne zu entfernen.

Merkel gibt sich nach ihrem Wahlsieg zufrieden, nur ihre eigene Nationalflagge schien sie zu stören.
Gröhe dürfte den Fahnenklau in dem Moment vermutlich schnell vergessen haben, ihre Symbolik bleibt bis heute haften. Dort, wo selbst die vermeintlich konservativen Kräfte wie die CDU den Kampf um ihre eigene Identität nicht führen, sondern untätig bleiben, fehlt heute ein gemeinschaftlicher Kern. Ein paar Fähnchen weniger hier, ein bisschen Identitätsverachtung dort: Ein kleines Schrittchen in Richtung der linken Zersetzer wird schon keinen Untergang bedeuten, mag man damals wohl gedacht haben.
Weg von den alten Symbolen?
Braucht es die Fahne, braucht es unsere Hymne überhaupt noch? Über ihre Abschaffung oder Neugestaltung zu sinnieren, ist mittlerweile die logische Konsequenz der beschriebenen konservativen Untätigkeit. Änderungsideen gab es bereits zuhauf. So schlug erst im September Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Bodo Ramelow vor, man könne über die Nationalfarben ebenso wie über die Hymne noch einmal abstimmen. Denn: Es gebe ein „Fremdeln“ mit der schwarz-rot-goldenen Flagge, viele Menschen empfänden angesichts der Symbole ein „Unbehagen“.
Konkret sieht man an solch zweifelhaften Vorschlägen: Von dem gemeinsamen Erbe, das den Deutschen in die Wiege gelegt wurde, ist nach den Jahren der Vielfalt-Republik nur noch wenig übrig geblieben. Dass der Deutsche sich in seinem Kampf gegen das Unrecht oder den äußeren Feind nicht mehr auf seine ursprünglichen Ideale berufen kann, ist das stolze Werk untätiger Konservativer und das Resultat langjähriger linker Berieselungstaktiken. Gemeinschaftsstiftend im historischen Sinne sind für die Deutschen in dieser Hinsicht lediglich noch die Schrecken des Nationalsozialismus – und vor allem das Gedenken daran.
Für den Mut zur Waffe braucht es Verwurzelung
Zugegeben: Bei Schicksalsfragen immer nur den Blick in die Vergangenheit zu richten, könnte der Zukunft ebenso nicht gerade zuträglich sein. Außerdem gehört zur Wahrheit, dass sich die Beantwortung der Frage, ob man zur Waffe greift, häufig vom direkten Umfeld abhängig macht. Habe ich ein Haus, eine Familie, Verwurzelung durch Freunde und Vereine, die es zu schützen gilt, wird das Verhältnis zur eigenen Heimat eben häufig doch von mehr Schutzwillen begleitet.
Doch selbst hier setzte der Staat in den vergangenen Jahren die Sense an. Die klassische Familie als Rückgrat unserer Gesellschaft sollte nach und nach aufgeweicht werden. Der Vater verkam zum Erzeuger, unübliche Familienkonstellationen fanden ihren Weg in die Biologie-Bücher deutscher Klassenräume. Die Familie als tiefster Ursprung alter Wehrhaftigkeit soll damit ebenso im Keim erstickt werden.

Omnipräsent ist sie mittlerweile. Doch taugt die Regenbogenfahne auch als verbindendes Element im Abwehrkampf?
Immerhin: Zumindest fehlt es nicht an neuer Symbolik, die zumindest in der Theorie für die Vielfalt des Ganzen, also des Passvolkes, stehen soll. Die Regenbogenfahne etwa hat die Nationalbeflaggung beispielsweise in Ämtern zum Teil schon ersetzt, in NRW soll sie laut den neuen Vorgaben des Bildungsministeriums bald ausdrücklich als Teil der „gelebten Vielfalt“ wehen. Doch wie die Politik der vergangenen Jahre steht auch sie für die Durchsetzung von Partikularinteressen. Aus der vermeintlichen Vielfalt ist nichts Gemeinsames erwachsen. Im Gegenteil: Dort, wo beispielsweise die Pride-Flagge hängt, sorgt sie eher noch für Kontroversen und Spaltung.
Die Gesellschaft spielt sich im Mikrokosmos ab
Die Menschen existieren häufig nur noch in ihrem eigenen, kleinen Kosmos. Die Schicksalsgemeinschaft im Sinne des Volkes ist nicht selten der Schicksalsgemeinschaft der Communitys gewichen – sei sie nun queer, klimaorientiert, christlich, poporientiert oder – zu einem nicht unerheblichen Teil – eben migrantisch.
Nach einer Erhebung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen aus dem vergangenen Jahr wünschte sich etwa jeder zweite jugendliche Muslim in dem Bundesland einen Gottesstaat. Auf ganz Deutschland ausgeweitet, dürften sich wohl ähnliche Ergebnisse zeigen. Wie diese Jugendlichen – zum Teil bereits Mitbürger – bald vom Dienst für Deutschland begeistert werden sollen, bleibt äußerst fraglich. Was mit denen geschieht, die sich zwar seit Jahren auf Staatskosten eingenistet haben, jedoch auf absehbare Zeit keinen nennenswerten Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten werden, bleibt dabei noch gänzlich außen vor.
Geeint ist das Land aktuell nur noch in der Sprache, nicht aber mehr im Geist. Um diese Einigkeit wiederherzustellen, bedarf es einer gemeinsamen gesellschaftlichen Idee, gemeinsamer Ziele – und die gibt es nicht mehr. Dass ein steigender Leidensdruck durch wirtschaftlichen Abschwung und Co. in den kommenden Jahren daran nochmal etwas ändert, ist aber durchaus möglich.
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Eric Steinberg
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