Migration, Energie, Wirtschaft: Deutschland nimmt Schaden, weil die Realität ignoriert wurde
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- Wir schalten die letzten Kernkraftwerke ab, können auch kein billiges Erdgas mehr importieren, und beklagen nun, dass es – gerade wegen steigender Energiepreise – eine spürbare Teuerung gibt.
- Wir verzehren jahrzehntelang die „Friedensdividende“ und tun jetzt erschrocken, weil die Bundeswehr kaum mehr einsatzfähig ist.
- Wir erklären es im Jahr 2015 für unmöglich, die Zuwanderung nach Deutschland zu verringern, und wundern uns heute, dass Kommunalpolitiker quer übers Land unsere Aufnahmemöglichkeiten für erschöpft erklären.
- Wir behaupten, Terror von Muslimen hätte nichts mit ihrer Religion zu tun, hören aber regelmäßig, dass islamistische Morde vom Ruf „Allahu Akbar“ begleitet werden.
- Wir nehmen so, als wäre das eine unumstößliche Pflicht, jährlich Zehntausende von jungen Arabern auf, die im Hass auf Israel erzogen werden, und geben uns davon überrascht, dass sich inzwischen noch mehr Antisemitismus im Lande des Holocaust verbreitet.
- Wir überziehen unsere Wirtschaft mit Tausenden von Vorschriften so, wie die Liliputaner einst Gulliver fesselten, und fragen tatsächlich, warum sie nicht mehr so läuft wie in früheren Zeiten.
- Wir senken die Leistungsstandards und verpönen Wettbewerb an den Schulen, um dann darüber zu rätseln, warum sich Abiturienten vom Studium überfordert fühlen.
- Und wir behandeln Handwerker gegenüber Akademikern als zweitklassig – und jammern nun, dass wir auf deren unverzichtbaren Dienstleistungen so lange warten müssen.
Eigentlich könnten auch ziemlich Beschränkte die Folgen solcher Maßnahmen erkennen, bevor sie jeweils eintreten. Dennoch werden die Erfinder, Beklatscher, Vorantreiber und Verursacher solcher Politik allenfalls – wenn überhaupt – durch jenen Schaden klug, den sie angerichtet haben, und dessen Folgen sich irgendwann nicht mehr verbergen lassen: das Scheitern unserer leichtfertigen Migrations- und Energiepolitik, der Niedergang von Bildung, der Verlust von wirtschaftlicher und militärischer Wettbewerbsfähigkeit.
Der berühmte österreichisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter (1883-1950) brachte das einst auf die Formel, es sei schon erstaunlich, wie sehr die geistige Leistungsfähigkeit auch kluger Menschen absinke, sobald sie sich mit Politik beschäftigten.

Palästinenser-Demo in München: Jährlich nimmt Deutschland Zehntausende junge Araber auf, die im Hass auf Israel erzogen wurden.
Nachweislich hat Schumpeter damit recht. Doch weshalb ist das so? Nur auf drei von vielen Gründen sei hingewiesen. Sie haben alle den Vorzug, dass sich jeder selbst an ihnen abarbeiten kann.
Erstens halten viele Leute die politische Wirklichkeit für etwas, das man – bei gutem Willen und ausreichendem Können – so formen könne wie Plastilin. Es braucht dann nur eine anziehende Vorstellung vom politisch Guten und idealerweise auch Schönen, um die eigenen Anstrengungen ganz auf die Verwirklichung sogar von reinen Illusionen auszurichten. Gar nicht gerne hören solche Leute den Einwand, die politische Wirklichkeit wäre wie ein Biotop, das man durch gutgemeinte Eingriffe zwar leicht zerstören, doch kaum anders wieder zum Leben bringen kann, als indem man sich auf jene Funktionslogik der Wirklichkeit einlässt, die unserem Handeln nun einmal vorgegeben ist.
Wie vernünftig ist es dann aber, bei der Energie-, Sicherheits-, Migrations-, Wirtschafts- oder Bildungspolitik zunächst einmal die aus der Geschichte bekannte Funktionslogik der Wirklichkeit zu ignorieren? Und zwar meist wider vielerlei Warnungen?
Warum nur muss sich Kassandras Geschichte so oft wiederholen, wonach man das zerstörerische Eindringen der Griechen nach Troja erst dann für möglich hält, wenn die Stadt bereits brennt?

Die Energiewende wurde auf dem Rücken der Bürger umgesetzt, die jetzt unter immensen Preissteigerungen leiden. Wer wundert sich da noch über katastrophale Umfragewerte der Regierungsparteien?
Zweitens fehlt es den allermeisten schlicht an tauglichen Geschichtskenntnissen. Die aber sind die Voraussetzung dafür, eigene Zukunftshoffnungen im Licht gemachter Erfahrungen hinterfragen zu können.
Denn wer nur wenige Worte einer Sprache kennt, wird kein in dieser Sprache vorgetragenes Argument begreifen; und wer von der Geschichte, außer der eigenen Lebensspanne, nur die Zeiten seiner Eltern kennt, dem nützt das viel weniger beim politischen Denken als jemandem, der die Grammatik, Syntax und das „Ereignisvokabular“ von sehr vielen, vergleichend überblickten historischen Handlungssträngen kennt. Doch sogar Leute, die großes Geschichtswissen haben, versperren sich oft die eigentlich zugänglichen Einsichten, indem sie ihr Denken durch drei Floskeln in Sackgassen lenken: Die Geschichte lehre nur, dass Menschen nichts aus ihr lernten; in der Geschichte wiederhole sich nichts, weshalb man aus Vergangenem wirklich nichts lernen könne; und so etwas wie „historische Tatsachen“ gäbe es gar nicht, denn über bloße „Geschichtserzählungen“ – auf Bildungshochdeutsch: über „Narrative“ – käme niemand hinaus.
Tatsächlich scheint unsere Politiker-, Journalisten-, Akademiker- und Bürgerschaft sehr wenig aus der Geschichte von staatlicher Wirtschaftslenkung, aufgenötigter Zuwanderung oder von Krieg und Frieden gelernt zu haben.

An immer mehr deutschen Schulen gilt Wettbewerb als verpönt – stattdessen wird viel über Klimaschutz gesprochen.
Drittens ist Politik sowohl komplex als sich real entwickelnder Sachverhalt als auch kompliziert als zu durchschauender Gegenstand. Auch Geschichtskenntnisse helfen ja nur dann, wenn man sie institutionenanalytisch, ökonomisch, soziologisch, psychologisch und geopolitisch auszuwerten versteht. Wer das nicht kann, gelangt rasch an seine Verstehensgrenzen. Oft unterstellt man die bei anderen als ebenso eng. Also will man keine Erklärungen oder Richtigstellungen annehmen, falls diese den persönlichen Intuitionen widersprechen. Deshalb redet man über Politik am liebsten mit solchen Leuten, die den eigenen Aussagen auch dann zustimmen, wenn man selbst weiß, dass man weder deren Richtigkeitsbedingungen noch die logischen Folgeargumentationen durchschaut.
In dieser Lage hält man sich sicherheitshalber an im Umlauf befindliche Argumentationsformeln gerade so, wie man mit den Münzen oder Geldscheinen einer Landeswährung umgeht: Man weiß zwar nicht, warum sie als wertvoll behandelt werden, kann sich aber darauf verlassen, dass sie angenommen und gegen erwünschte Dienstleistungen eingetauscht werden. Beispielsweise redet man je nach Gesprächsbedarf vom Faschismus und Rassismus, von humanitären Verpflichtungen oder von rechtlicher Alternativlosigkeit, und verwahrt sich gegen jene, die den bequemen kommunikativen Zahlungsverkehr stören. Die sind dann wahlweise „Rechtspopulisten“, „linksgrün versifft“ oder „Querdenker“.
Es ist also kein Wunder, dass die meisten beim Begreifen und Kritisieren, beim Entwerfen und Planen von Politik nicht auf der Höhe ihres Gegenstandes sind. Deshalb muss auch nicht erstaunen, dass so viele Leute – trotz besten Willens – regelmäßig höchst üble politische Folgen verschulden.
Zwar kann an diesem Wirkungszusammenhang niemand etwas aus eigener Kraft ändern. Doch die eigenen Fähigkeiten zur Politikanalyse kann man sehr wohl verbessern. Dann lässt sich auch dazu beitragen, dass wenigstens in die politischen Urteile des eigenen Umfelds etwas mehr Vernunft gelangt.
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Werner J. Patzelt
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