Parade statt Performance: In Indien bleibt Friedrich Merz der Außenkanzler, der er eigentlich nicht mehr sein wollte
Ein Beitrag von
Es gibt Bilder, die passen einfach nicht in die Zeit. Ein Störgefühl, das aus einer anderen Wirklichkeit herüberscheint. Man merkt auf, zögert und wendet sich wieder dem Alltag zu. Bis das Bild wieder auftaucht, weil es nicht in die Reihe passt. Kanzler Friedrich Merz (CDU) im offenen, blumengeschmückten Wagen mit Regenten-Geste, generös winkend, neben Indiens Premierminister Narenda Modi. Beide mit traditionellem Gujarat-Schal und Sonnenbrille. Herrscher-Pose. Auch in Indien stehen sie nicht freiwillig an der Straße.

Unglückliche Geste von Friedrich Merz in Indien. Der Griff nach der Drachenleine wirkt wie eine Diktator-Geste
Ein Bild, das nicht nur mit seinen Farben im grauen Berlin einen eigentümlichen Kontrast bildet. Deutschland, ein Wintermärchen von der anderen Seite des Globus. Grüße ans Volk, wie sie für Modi zum Zeremoniell gehören und hierzulande aus der demokratischen Mode gekommen sind.
Kanzler-Reisen sind minutiös im Voraus geplant. Die Protokollabteilungen von Botschaft und Kanzleramt, die Sicherheitsleute und Mitarbeiter vom Bundespresseamt reisen Monate zuvor die Route ab, schreiben minutengenau die Zeiten und Strecken auf für alle Teilnehmer der Delegation. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Auch solche Auftritte und Autofahrten nicht. Den Schal als Geste der Freundschaft kann Merz nicht ablehnen, Fahrten im offenen Wagen, die an Gaddafi oder das Papamobil erinnern, schon.
Bilder und ihre Botschaften
Die Kontrolle der Bilder ist DER Hauptjob von Pressestab und Beratern. Welche Botschaft senden wir? Ist die unnahbare Sonnenbrille wirklich eine gute Idee? Keine Aufnahmen beim Essen, kein umständliches Kraxeln auf Fahrersitze oder technisches Gerät. Kanzlerin a.D. Angela Merkel (CDU) verbat sich Fotos von der Seite, im Wind oder im Urlaub.

Friedrich Merz und Premier Narenda Modi im Papamobil bei der Eröffnung eines Drachen-Festivals.
Merz weiß, dass seine Koalition daheim nicht vorankommt, dass Deutschland einen Aufbruch braucht, keinen Aufmarsch auf Prachtstraßen in Indien. Das Protokoll kann die Begrüßung in Absprache mit dem Gastgeber im Innenhof einer Residenz planen, würdevoll ohne Pomp. Oder eben die Fahrt im offenen Wagen. Indien ist ohne Zweifel ein wichtiger Handelspartner und ein immerhin demokratischer Gegenspieler Chinas. Bilder von Werksbesichtigungen und Vertragsunterzeichnungen könnten das illustrieren. Prachtstraßen weniger.
Merz muss nicht in Sack und Asche gehen, muss nicht auf internationale Kontakte verzichten. Die Botschaft der Bilder bedenken darf er schon. Handelsabkommen mit Indien können der deutschen Wirtschaft helfen, inszenierte Macht, wie sie anderswo üblich ist, hilft ganz sicher nicht. Der heimischen Koalition läuft die Zeit davon, die noch bleibt, bevor der nächste Wahlkampf beginnt. Im Umfeld der fünf Landtagswahlen in diesem Jahr dürfte das Regieren auch in Berlin nicht leichter werden. In Sachsen-Anhalt tauschen sie aus Angst vor der AfD gerade den Ministerpräsidenten aus. In Baden-Württemberg will sich CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel zum Sieg zittern und wenigstens mit der Union als stärkste Kraft ins Ziel gehen. Was danach kommt, ist ungewiss. Nur, dass die Union auch dort keinen Politikwechsel wird liefern können, ist sicher.
Zum Jahresauftakt hat die Union ihren Willen gezeigt, Vollgas für die Wirtschaft zu geben, die SPD will dagegen Reiche besteuern. Wenn dieses Puppentheater so weitergeht, wird nicht nur die Union von Merz untergehen, sondern Deutschland weiter in den Konjunktur-Abgrund taumeln. Diese Dringlichkeit strahlen die Bilder von der Indien-Reise des Kanzlers nicht aus. Seine Wahlkämpfer werden es zu spüren bekommen.
Mehr NIUS:
Friedrich Merz glänzt in Indien: „Ich sehe da ganz klar eine Flucht ins Ausland“
Mehr NIUS:
Bundeshauptstadt des Bürgergelds: Ausgerechnet Bremen schmeißt den kritischen Jobcenter-Mitarbeiter raus
Merz bringt Merkels fatale Migrations-Parole: „Wir schaffen das!“
Verfassungsschutz: Extremisten in Berlin immer jünger, linker und islamistischer
Keir Starmer kniete für George Floyd, schwieg aber monatelang zu Henry Nowak
Merz’ katastrophale Kommunikation – die große Analyse
Wie die EU mit dem „Democracy Shield“ den Generalangriff auf die neuen Medien plant
Nach Champions-League-Finale: Paris siegt, Paris brennt
Liberal & Remmidemmi: Wie die FDP zurückkommen will, in Köpfe und Parlamente
Mehr NIUS:
Keir Starmer kniete für George Floyd, schwieg aber monatelang zu Henry Nowak
Merz’ katastrophale Kommunikation – die große Analyse
Wie die EU mit dem „Democracy Shield“ den Generalangriff auf die neuen Medien plant
Nach Champions-League-Finale: Paris siegt, Paris brennt
Liberal & Remmidemmi: Wie die FDP zurückkommen will, in Köpfe und Parlamente
„Wärmster Sommer seit 2000 Jahren“ – die faulen Tricks hinter den Klima-Superlativen
„Burn the old white men“ soll keine Volksverhetzung sein, weil die Parole sich „nicht gegen einen bestimmten Bevölkerungsteil“ richte
Grüne Klimaideologie: So werden die Menschen in den Entwicklungsländern ärmer
Ralf Schuler
Artikel teilen
Kommentare