Rohstoffe, Macht und Abhängigkeit: Warum Deutschland in China keine Rolle mehr spielt
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In der letzten Oktoberwoche des Jahres 2025 liegt das Augenmerk der Welt noch einmal auf China. In Asien laufen einige der derzeit wild über den Globus gespannten Fäden zusammen. Ein geplantes Treffen zwischen US-Präsident Trump und Chinas Machthaber Xi Jinping bildet nun den erwarteten Höhepunkt einer Reihe von Konferenzen und Besuchen geprägten Tagen.
Und während die Entscheider über Krieg und Frieden, Militärausgaben, Zölle und Seltene Erden verhandeln werden, musste Deutschlands Außenminister Wadephul seinen China-Besuch verschieben, weil ihn dort niemand so wirklich sprechen will.
Anlass genug, um einmal einen analytischen Blick auf die Lage zu werfen, beginnend mit der wirtschaftlichen Dimension.

Bereits 2017 trafen die zwei geopolitischen Schwergewichte aufeinander.
Märkte, Mächte, Rohstoffe: Peking plant, Europa schläft
1886 wurde in der Grube Himmelsfürst in Brand-Erbisdorf im Erzgebirge ein neues Mineral gefunden, das für seine halbleitenden Eigenschaften bekannt ist. Es heißt Germanium und wird verwendet, um Computerchips und allerhand technischen Firlefanz herzustellen, ohne den die moderne Wirtschaft nicht mehr funktioniert. Wie der Deutsche selbst ist Germanium glänzend grau, hart und spröde. Dabei müsste man es eigentlich „Chinesium“ nennen, denn der Großteil der weltweiten Vorkommen wird in der Volksrepublik vermutet. Im Rahmen der sich global aufbauenden Handelskonflikte will China den Germanen das für die Industrie so wichtige und nach ihnen benannte Germanium zunehmend vorenthalten oder wenigstens so richtig abkassieren. Auch das ist Geostrategie.
Gegenüber Peking kommen Berlin und Brüssel einfach nicht so richtig in die Gänge. Die Halbleiter, da sind sich alle einig, sind zwar von elementarer Bedeutung für Künstliche Intelligenz, erneuerbare Energien und moderne Waffen und spielen im alltäglichen (Über-)leben Europas eine immer größere Rolle. Doch so richtig weiß man dem chinesischen Giganten nichts entgegenzusetzen.
Durch eine weitsichtige Strategie sichert sich das rote Reich der Mitte bereits seit langem einen Zugriff auf die wichtigeren Rohstoffe der Welt, allen voran Seltene Erden. Bei Forschung und Entwicklung, Ausbildung und Industrieproduktion zieht China an Europa geschwind vorbei, während es gleichzeitig munter aufrüstet. Billige Energie und ein weltweites Netzwerk an Einflussnahme und Machtprojektion machen es, ungeachtet der hauseigenen antiliberalen Ideologie zum Trotz, möglich. Dumm gelaufen.
Zu der wachsenden und zurecht beunruhigenden Kontrolle Pekings über zentrale Rohstoffvorkommen gesellen sich weitere Negativ-Daten und strategische Fehlentwicklungen. Dass China seit Jahren erfolgreich durch gezielte Investitionen kleinere Partner auf der ganzen Welt an sich bindet, ist bekannt. Ebenfalls weiß der geneigte Leser, dass China auch in Europa und Deutschland Anteile an Containerhäfen erwirbt, mittelständische Betriebe kauft und, zumeist nach deren schleichender Schließung, eimerweise Know-how nach Hause transferiert.
China weiß die deutsche Defensive optimal zu nutzen
Inzwischen verdichten sich auch die Belege dafür, dass China westliche Klima-Bewegungen finanziert, um die Deindustrialisierung in unserer Hemisphäre zu beschleunigen. Gleichzeitig steigern sie so die Nachfrage nach Produkten aus eigener Produktion: vom Elektroauto über „smarte“ Technologie bis hin zu Solar- und Windkraftanlagen. Chinesische Produkte profitiert dabei von niedrigen Arbeits- und Energiekosten, da dort im Wochentakt neue Atom- und Kohlekraftwerke ans Netz gehen, und von der bereits erwähnten Marktmacht im Bereich der Seltenen Erden. Es ist schon bemerkenswert, dass über russische Desinformation und illegale Parteienfinanzierung im Rahmen einer „hybriden Kriegsführung“ so viel und laut nachgedacht wird, die Klima-Unterstützung aus Peking es aber kaum in die Schlagzeilen und Sonntagsreden schafft.
Dieser Offensive steht eine derart schwache deutsche Defensive gegenüber – rapide schrumpfende Industrieproduktion, gigantische Energiekosten, weltweites Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum – das nicht mehr rational zu erklären ist, wieso Unternehmer und Bevölkerung nicht längst in Heerscharen für einen Wechsel der Wirtschaftspolitik demonstrieren. China ist nicht schuld an der Misere der deutschen Ökonomie, weiß aber, diese für seine geopolitischen Ambitionen zu nutzen. Was tun?

Inzwischen verdichten sich auch die Belege dafür, dass China westliche Klima-Bewegungen finanziert, um die Deindustrialisierung in unserer Hemisphäre zu beschleunigen.
Ausgerechnet Trump
Aus dem Erzgebirge stammt nicht nur das spröde Element Germanium, sondern auch der Joachimsthaler Silber-Taler, der, wenn man ihn im 16. Jahrhundert niederdeutsch ausspricht, zum „Dollar“ werden wird. Leider gibt es im Erzgebirge heute so wenige Dollars, wie es Seltene Erden gibt. Die meisten Dollars findet man, Gott sei Dank, nicht auch noch in China, sondern in den USA. Die wird von Donald Trump regiert, der ausnahmsweise nicht aus dem Erzgebirge, dafür aber wenigstens aus der Pfalz stammt. Donald Trump kann, was in Deutschland niemand mehr kann: Sich mit China anlegen, um die Interessen seines Landes durchzusetzen.
Der US-Präsident gilt den Deutschen als „erratisch“ und als Clown, da sie die US-Politik durch einen harten medialen Filter konsumieren, der jede Regung Trumps auf das Allerdümmste oder Allergefährlichste verengt. Insbesondere öffentlich-rechtliche oder bildungsbürgerliche Redaktionen dichten Trump gerne eine von jähzornigen Launen geprägten Schlingerkurs an, Erfolge oder ernstzunehmende Versuche seiner Politik lassen sie dabei unter den Tisch fallen. Dabei ist Trumps Strategie weder besonders inkonsistent, noch unverständlich, noch herausragend neu: Er will aus einer Position der Stärke sein Gegenüber zur Annahme bestimmter Konditionen bewegen, deren Umsetzung wiederum durch Stärke abgesichert wird. Das ist so subtil wie das New Yorker Baugewerbe. Dafür ist es aber wenigstens nicht auf so feinsinnige Weise wirkungslos wie die ebenfalls in New York stattfindende Formaldiplomatie der UN.
Als Geo- und Außenpolitiker hat Trump mit diesem Ansatz beträchtlichen Erfolg. Zwischen Thailand und Kambodscha hat er einen Waffenstillstand vermittelt (vielleicht auch: ein wenig erzwungen), zu dessen Unterzeichnung er eigens nach Malaysia reiste. Am Montag flog die Air Force One weiter nach Japan, Amerikas wichtigstem Verbündeten in Ostasien.
Das Spiel mit den Muskeln
Nun will er mit Chinas Präsident Xi am Donnerstag eine Einigung im Zollstreit aushandeln, für den beide Staaten bisher eine ordentliche Drohkulisse aufgebaut hatten. China übt, pünktlich vor dem angekündigten Spitzentreffen, derzeit noch einmal mit einem großen Militärmanöver die Einnahme Taiwans, lässt seine Muskeln spielen. In den Verhandlungen mit China können die USA wirtschaftliche und militärische Pfründe in die Waagschale werfen, die den Europäern gänzlich abgehen.
Außenminister Johann Wadephul musste zu Beginn der Woche lernen, dass Deutschland in China inzwischen nicht mehr ernst genug genommen wird, um ausreichend Termine und Begegnungen für eine diplomatisch akzeptable Reise zusammenzukratzen. Dabei wäre es bitter nötig, europäischen Herstellern den Zugang zu Rohstoffen und Märkten zu sichern, um nach harten Reformjahren vielleicht einmal wieder Spitzenprodukte exportieren zu können. Alle paar Jahre schicken wir eine einzelne Fregatte müde zu einem stillen Protest im chinesischen Meer, ein absurdes Bild angesichts der sich entwickelnden Kräfteverhältnisse. Europa hat sich mit einer beispiellosen Überheblichkeit außenpolitisch verzettelt – Klima-Rettung, Entwicklungshilfe, handelspolitisches Opponieren gegenüber den USA, Aufrüstung gegenüber Russland und Ukraine-Krieg und vieles mehr – dass ihm schlichtweg die Ressourcen fehlen, in Asien noch so etwas wie Interessen durchzusetzen. Unsere beste Hoffnung besteht derzeit darin, dass China sich machtpolitisch einfach selbst ein wenig bremst, um Diskussionen um „Decoupling“, also wirtschaftliche Entflechtung, nicht zu stark anzuheizen. Dabei hilft die Stärke der USA.

Außenminister Johann Wadephul (CDU)
Warum kommt Deutschland im Umgang mit Peking nicht in die Gänge?
Politik und Bevölkerung scheinen in einem ganz bestimmten China-Bild gefangen. Die pfeilschnell als Verschwörungstheorie abgestempelte Idee, ein gewisses Virus könne wenigstens versehentlich einem Labor in Wuhan entschlüpft sein, gilt inzwischen als offiziell wahrscheinlich. Wochenlang verheimlichten die chinesischen Behörden die sich ausbreitende Infektion vor der Weltöffentlichkeit, weigerten sich über Jahre, Rohdaten zur Untersuchung herauszugeben. Seltsamerweise kommt bis heute niemand im Westen auf die Idee, den chinesischen Entscheidern das wenigstens mal ein bisschen anzukreiden.
Peking betreibt ebenfalls eine aggressive staatliche Assimilations- und Kontrollpolitik gegenüber der muslimischen Minderheit der Uiguren in seiner Provinz Xinjiang. Die Existenz zahlreicher Umerziehungslager ist unstrittig, und doch empört sich kaum jemand in der „Free Palestine!“ rufenden Meute junger Linker auch nur für die Dauer eines Augenblickes über die gewaltsame kulturelle Auflösung eines ganzen Volkes. An die scheinbar immerwährende Teilung Koreas hat man sich in Europa ebenso schulterzuckend gewöhnt wie an die Tatsache, dass China schon beinahe rituell Drohungen gegenüber sämtlichen westlich orientierten Nachbarstaaten in Asien ausspricht. Es ist schwer, sich noch irgendeinen chinesischen Schachzug oder auch einen Fehltritt vorzustellen, den die deutsche Öffentlichkeit und politische Klasse ernsthaft registriert und strategisch beantworten will. Irgendetwas hat China an sich – ist es die Entfernung, die Fremdartigkeit der Kultur, eine gewisse Faszination für deren Neopreußentum? – das China selbst in der sicheren Atmosphäre des heimischen Küchentischs vor allzu scharfen Urteilen bewahrt. Dazu kommt, dass viele Deutsche noch immer nicht begriffen haben, wie entsetzlich überholt ihr China-Bild aus den 1990er Jahren ist.
So sieht also die Situation aus: Wir brauchen ein aus dem Erzgebirge stammendes Metall, um in Berlin erfundene Rechenmaschinen und in Mannheim konstruierte Kraftfahrwagen zu bauen. Damit können wir die aus dem Erzgebirge kommenden Dollars verdienen. Unsere beste Hoffnung, China in seinen Ambitionen noch zu bremsen, ist ein deutschstämmiger US-Präsident. Eigentlich, könnte man meinen, bringt Deutschland alles mit, was es für eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte benötigt. Jetzt brauchen wir nur noch eine vernünftige Regierungspolitik.
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Chris Becker
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