Unter 5 Prozent, kein Direktmandat: Der grüne Abend des Grauens
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Ein erneutes Desaster für Ricarda Lang und die Grünen: Sie fliegen hochkant aus dem Brandenburger Landtag. Dabei hatte ein ZDF-Reporter kurz nach 18:00 Uhr noch von einem „Sieg auf der ganzen Linie“ gesprochen ...
Kurz nach der Prognose um 18.00 Uhr meldet sich ZDF-Reporter Carsten Behrendt von der Wahlparty der Grünen: Er spricht von „sehr viel Optimismus“, die Spannung habe sich „in Jubel aufgelöst“, es werde „erleichtert gejubelt“, man sei sich gewiss, dass man auch das Direktmandat in Potsdam hole. Und dann versteigt sich Behrendt zu einem abenteuerlichen Fazit: „Ein Sieg auf der ganzen Linie.“
Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus, als der enthusiastische ZDF-Mann die Zuschauer glauben machen will: Tatsächlich haben die Grünen dramatisch verloren, sind von 10,8 Prozent bei der Landtagswahl 2019 auf um die fünf Prozent abgestürzt, haben also mehr als die Hälfte ihrer Wähler verloren. Das große Zittern beginnt, die Prognosen sehen sie bei 5 Prozent (ARD) bzw. 4,5 Prozent (ZDF). Spitzenkandidatin Antje Töpfer räumt ein: „Wir werden bangen“, es werde ein langer Abend.

Ein Sieg auf der ganzen Linie? Sieger sehen eigentlich anders aus ...
Ricarda Lang: „Wir sind unter die Räder gekommen“
Satte 42.000 Grünen-Wähler sind zur SPD abgewandert, die Taktik von Ministerpräsident Woidke hat die ohnehin gebeutelten Grünen noch einmal viele Stimmen gekostet, das gibt die Parteivorsitzende Ricarda Lang gegenüber Bettina Schausten zu. Die taktische Wahl der SPD, um einen Wahlsieg der AfD zu verhindern, ist für sie einer der Gründe, warum ihre Partei derart „unter die Räder gekommen“ ist. Grund 2 und 3: Viele Menschen fühlten sich nicht gehört, die Grünen müssten wieder „näher an die Lebensrealität der Menschen“ insbesondere im Osten rücken – und der allgemein negative Trend.
Im Interview mit der ARD wiederholt sie diese Punkte wörtlich und sagt, es sei klar, „dass dieser Abend eine herbe Enttäuschung für uns ist“. Es reiche nicht aus, sich auf den Kampf gegen rechts zu versteifen. Und das gebetsmühlenartige „Wir müssen unsere Politik besser erklären“ könnten die Leute auch nicht mehr hören. Hört, hört!

Neben den üblichen Ausreden räumte Ricarda Lang auch Fehler ein.
Die drei Punkte hat Lang übrigens gut mit ihrem Co-Vorsitzenden Omid Nouripour abgesprochen. Dieser variiert nur die Reihenfolge, ansonsten bemüht er die Untertreibung „Der Bundestrend hat uns nicht unbedingt geholfen“. Man wolle nun „Vertrauen zurückgewinnen, näher an die Lebensrealität der Leute“. Und: Woidkes Taktik habe die Grünen „einen Preis gekostet“. Alle drei Punkte abgehakt. Aber: „Wenn es so bleibt, sind wir erleichtert.“
Das ist allerdings die große Frage. Die Hochrechnung im ZDF sieht die schwer gerupften Grünen um 19:21 Uhr gerade mal bei 4,6 Prozent, ebenso die ARD um 20.00 Uhr. Und ob ihre Kandidatin in Potsdam, die Landtagsabgeordnete Marie Schäffer, das Direktmandat holen kann, steht zu diesem Zeitpunkt auch noch in den Sternen. Die Flucht weg von den Grünen findet übrigens in alle Richtungen statt: Zu den erwähnten 42.000 Grünen-Wählern, die zur SPD abwanderten, kommen – nach vorläufigen Zahlen von Infratest dimap – 5000, die diesmal CDU wählten, 4000, die beim Bündnis Sahra Wagenknecht ihr Kreuz machten, und 3000, die sich für die AfD entschieden. „Nazis“, die vorher Grüne wählten?

Früh sprachen die Grünen bei X von einem „schwierigen Abend“.
Auf der Plattform X postet der Social-Media-Account der Partei: „In Brandenburg sieht es heute nach einem langen, schwierigen Abend aus. (…) Für uns wird es sehr knapp und das grüne Ergebnis ist erstmal eine Enttäuschung.“ Und: „Im schlimmsten Fall hieße es, dass viele Stimmen & Anliegen nicht mehr im Landtag vertreten wären.“ Im schlimmsten Fall für die Grünen, nicht für Brandenburg.
Laut vorläufigem amtlichen Endergebnis kurz nach Mitternacht landen die Grünen bei 4,1 Prozent. Das war's, 6,6 Prozentpunkte haben sie gegenüber 2019 eingebüßt, sind also weit mehr als halbiert worden. Ein desaströses Ergebnis für Ricarda Langs Partei. Ein Jahr vor der Bundestagswahl geht es für die Grünen nur noch eine Richtung: südwärts. Es gibt sie noch, die guten Nachrichten.
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Claudio Casula
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