Wie viel Sauerländer steckt eigentlich noch in Friedrich Merz?
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Friedrich Merz inszeniert sich gern als bodenständiger Sauerländer – doch passt sein politisches Handeln noch zu diesem Bild? Ein Blick auf die Charakterausprägungen der Menschen in seiner Heimatregion zeigt, dass das politische Handeln des Kanzlers nicht gerade die feine sauerländische Art ist – und warum er sich schnell auf seine Wurzeln zurückbesinnen sollte.
„In Bonn sagen die Leute, im Sauerland gibt es nur Jäger und Förster. In Bonn sagen die Leute immer, im Sauerland sei die Zeit stehen geblieben. In Bonn glauben die Leute sogar, im Sauerland sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht.“ Lauter alte Vorurteile über die wirtschaftsstarke Region im Südosten Westfalens – präsentiert von Friedrich Merz im ersten Bundestagswahlkampfvideo aus dem Jahr 1994.

Im ersten Wahlkampfvideo von Merz präsentierte er sich vor Feldern, Wiesen und Wäldern. Von seinen politischen Standpunkten ist ähnlich viel geblieben wie von seiner Haarpracht.
In dem ulkigen Spot präsentiert sich der gebürtige Briloner als nahbarer Sauerländer, wird von den vorbeischlendernden Jägern mit „Horrido, Friedrich“ und „Guten Tach, Herr Merz“ gegrüßt. „Einer von uns“ sollte sich wohl der damalige Wähler denken. Eine Taktik, die er auch heute noch nutzt.
Das ist nicht verwunderlich: Eine tiefe Verbundenheit zum eigenen Wahlkreis, eine gewisse Bodenständigkeit, lässt sich im Politalltag bekanntermaßen als großer Pluspunkt verkaufen. Vor allem, wenn man wie Friedrich Merz das zweithöchste Amt in diesem Staat bekleidet. Die Frage lautet daher: Agiert Merz auch wie ein echter Sauerländer oder ist das Handeln nicht mehr mit seinen Wurzeln vereinbar?
Um das beurteilen zu können, lohnt sich ein Blick darauf, wie die Menschen in seiner Heimatregion – abseits alter Bonner Vorurteile – wirklich gestrickt sind. Wütend sind sie in der Regel jedenfalls nicht, auch wenn der Name das vielleicht vermuten lässt.
Alles andere als „sauer“
Der Name des eigenartigen Völkchens im westfälischen Mittelgebirge stammt vielmehr vom Begriff „Suiderland“ oder „Suderland“ und bedeutet südliches Land. Wieder eine Version bezieht sich auf den Begriff „Sud“ für Sumpf, übersetzt also „sumpfiges Land“.
Was auf jeden Fall geklärt ist: Von umliegenden Völkchen, etwa dem Rheinländer, unterscheidet sich der Sauerländer deutlich. Ist ersterer meist stimmungsvoll und offenherzig, bleibt der Sauerländer meist ruhig und zurückhaltend. Leicht begeistern lässt er sich nicht. Schnellschüsse liegen ihm fern. Er hört lieber erst einmal zu, beobachtet, wartet.

Zeigt sich gern heimatverbunden: Merz mit Alexander Dobrindt im sauerländischen Schmallenberg.
Die erste Eigenschaft, von der sich der Kanzler eine Scheibe abschneiden könnte. Während seiner Amtszeit machte er häufiger mit Äußerungen auf sich aufmerksam, die im Nachhinein unüberlegt, gar emotionsgeleitet wirkten. Man denke etwa zurück an die Aussage, ukrainische Flüchtlinge betrieben „Sozialtourismus“ oder rufe sich noch einmal die Aussagen zur Veränderung des deutschen „Stadtbilds“ oder den „kleinen Paschas“ ins Gedächtnis.
Anstatt infolge des medialen Echos zu grübeln, wie man die vorausgeeilte Botschaft doch noch auf den inhaltlichen Kern herunterbrechen könnte, setzt er seine Kommunikation in derselben Weise fort. „Fragen Sie mal Ihre Töchter …“
Wenn der Sauerländer dann doch mal so auf Temperatur kommt, wie Merz in diesen Momenten, dann hat er ihm eines voraus. Unverschnörkelt trägt er die Wahrheit in die Welt. Merz bellt nur, der Sauerländer beißt. Und manchmal beißt er sich sogar fest.
Der Sauerländer ist nicht „larmoyant und wehleidig“
Das könnte man als Sturheit bezeichnen, die man im Sauerland aber eher als Standfestigkeit versteht. Der Sauerländer knickt nicht sofort ein, nur weil der Gegenwind stärker wird. Nicht immer so „larmoyant und wehleidig“ zu sein, das würde der Sauerländer in solchen Momenten auch von Friedrich Merz erwarten – so wie der Kanzler es von Bevölkerung und Wirtschaft erwartet. „Das Stadtbild? Natürlich haben wir damit ein Problem! An jeder Ecke ist Verwahrlosung zu beobachten, Junkies lungern herum und halbstarke, männliche Migrantengruppen stören nicht nur in den Abendstunden das Sicherheitsgefühl.“ So oder so ähnlich wäre die Beurteilung des Ist-Zustandes wohl an fast jeder Theke in Friedrichs Heimat ausgefallen.

Auf dem Schützenfest in seinem Heimatort Niedereimer dürfte die Kritik an Merz nach ein paar frischen Pils wenig zurückhaltend ausfallen.
Apropos Einknicken. Standhaft und stur zu sein, bedeutet ins Politische übersetzt natürlich nicht nur, seine eigenen Positionen in aller Direktheit zu verkünden, sondern auch auf ihnen zu beharren. Nachdem sich die Merz-Union auf eine Koalition mit den Sozialdemokraten eingelassen hatte, schien davon nicht mehr viel übrig. Es waren kaum alle Stimmen ausgezählt, da läutete der Kanzler zur Kehrtwende in der Schuldenpolitik. Nicht nur, dass er seine Position ohne dringende Notwendigkeit aufgab: Im ZDF-Politbarometer aus dem März dieses Jahres äußerten 73 Prozent der Befragten, Merz und die Union hätten mit ihrer Zustimmung zur Aufnahme hoher neuer Schulden die Wähler sogar getäuscht.
Es ist nicht das einzige Wahlversprechen, das ihm die Sozialdemokraten schnell wieder ausgetrieben haben: Man denke an Migrationswende, Steuern oder das Bürgergeld. Dabei konnte auch der Normalbürger zeitweise erahnen, dass der inhaltliche Wandel durch die Einflüstereien der Sozialdemokraten nur eine Frage der Zeit war. Sah man die SPD-Chefs Lars Klingbeil und Bärbel Bas nach den Kabinettssitzungen mit einem breiten Grinsen in die Pressekameras lächeln, war das drohende Unheil zu erahnen: Merz war wieder umgeknickt.

Bas lacht, Merz schaut niedergeschlagen: Die Zeichen konnte jeder Bürger deuten.
Sauerländer erahnen das Unheil, Merz verursacht es
Unheil vorausahnen zu können, wird dem Sauerländer ebenso nachgesagt. Im Land der 1000 Berge, wie das Sauerland auch bezeichnet wird, nennt man das Bauernschläue. Das meint nicht etwa oberflächliches Wissen, sondern die Fähigkeit, kommendes Übel früh zu erfassen, noch bevor es offen sichtbar wird – eine Art alltagsnaher Weitblick. Es ist die Haltung: „Ich kann es noch nicht beweisen, aber ich sehe, wohin das führt.“
Eine weise Vorausahnung schien Merz in der Vergangenheit nicht immer zu haben. Weder in Zusammenarbeit mit seinem sozialdemokratischen Koalitionspartner noch, als er damals davon sprach, die AfD als Konkurrenz halbieren zu wollen.

Anfang Dezember lag die AfD drei Prozentpunkte vor der Union. (Quelle: x.com/Wahlrecht_de)
Heute wissen wir, dass er seine Ziele nicht erreichen konnte. Die Umfragen der vergangenen Wochen und Monate sahen die Konkurrenzpartei zeitweise um mehrere Prozentpunkte vor der Union. Die Gründe für die wachsenden AfD-Prozente hätte eigentlich aber auch Merz erkennen können. Migration, Energie, Verwahrlosung, die Steuerlast ... Die Motivationen zur Wahl der AfD sind vielfältig, aber nicht schwer zu erkennen.
Ob in markigen Aussagen zur AfD oder bei seinen Wahlversprechen: Der Briloner hat sich mittlerweile einen Namen als Wortbruch-Kanzler gemacht. Im Sauerland, wo das gesagte Wort und die damit verbundene Absichtserklärung noch eine sehr hohe Bedeutung einnehmen, ist das Verhalten des CDU-Chefs eigentlich ein No-Go.
Der hart erkämpfte Vertrauensbonus schwindet langsam
Aber: Merz hat Glück. Hat man einmal das Vertrauen der Sauerländer gewonnen, stehen sie fest an der Seite – selbst an der des Kanzlers. Mit seinen Leitideen tourte er noch vor seiner Kanzlerschaft jahrelang von Schützenhalle zu Schützenhalle, von Dorffest zu Dorffest und konnte sich dort mit seinen markigen Reden in das Herz vieler Sauerländer motzen. In der eher konservativ denkenden sauerländischen Landbevölkerung kam Merz gerade nach den Merkel-Jahren immer gut an.

„Mehr Sauerland für Deutschland“, propagierte Merz noch im vergangenen Winter – geblieben ist davon nicht viel.
Als sich NIUS vor wenigen Wochen in der Heimat von Merz umhörte, wie man dort zur Politik des Kanzlers steht, zeigte sich ein zwiegespaltenes Meinungsbild. Während sich in seiner Wahlheimat Arnsberg vor allem die älteren Wählergenerationen hinter ihren Friedrich stellten, zeigte sich bei den jüngeren Sauerländern eine deutliche Ablehnung seiner Politik.
Der Rückhalt bröckelt also: Wenn schon an der Heimatbasis, dann ganz sicher in Berlin. Für 2026 könnte es sich für den Kanzler also lohnen, auf die Tugenden seiner sauerländischen Artverwandten zu blicken. Denn: Sollte Merz so weitermachen, läuft er Gefahr, dass ihm Fuchs und Hase bald auch politisch „Gute Nacht“ sagen.
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Eric Steinberg
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