Zwischen Schweinsteigers blutender Wange und Rüdigers Zeigefinger liegen Hochmut und Fall der deutschen Nation
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In der Stunde seines größten Triumphs rinnt Blut an der Wange von Bastian Schweinsteiger herab. Es ist der 13. Juli 2014. Die deutsche Nationalmannschaft kämpft im Maracaña-Stadion in Rio de Janeiro um den Titel des Fußballweltmeisters. Auf dem Team lasten Erwartungen, die sich über Jahre aufgebaut haben. 2006 bezauberte die Mannschaft beim Sommermärchen im eigenen Land, und obwohl sie nur Dritter wurde, fühlte es sich fast wie ein Sieg an. Auf einmal musste man sich nicht mehr schämen, Deutscher zu sein. Vier Jahre später kam die Mannschaft in Südafrika erneut nur auf Platz drei – aber wie schön sie spielte!
Im Jahr 2014 jedoch spürt das ganze Land: Wenn der neue Nationalstolz mehr sein soll als eine Behauptung, dann müssen die Spieler liefern. Und sie liefern.
Schweinsteiger zieht sich in der Verlängerung des Finalspiels in einem Zweikampf eine Platzwunde zu, lässt sie am Spielfeldrand nähen, geht wieder auf den Platz. Am Ende steht ein 1:0 gegen Argentinien und eine deutsche Mannschaft, die den Pokal in die Luft reckt.

Bundestrainer Jogi Löw und sein Sieger-Team.
Schweinsteigers blutverschmierte Wange, die ihn nicht vom Spielen abhält, erscheint heute wie ein Bild aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der die Selbsteinschätzung Deutschlands noch an die Realität gekoppelt war. In der das Land sich über Leistung definierte und nicht über Behauptungen. In der Deutschland sein Selbstbild kritisch im Spiegel prüfte – und sich noch nicht angewöhnt hatte, die Spiegel so lange zu demolieren, bis sie nur noch die erwünschten Zerrbilder der Realität zeigen.

Bastian Schweinsteiger im Finale gegen Argentinien 2014.
Das beliebteste Land der Welt
Deutschland entwickelt nach dem Sieg von 2014 ein neues Selbstbewusstsein. Nicht allen ist das geheuer: „2010 hat Deutschland den ESC gewonnen, wenn das Land jetzt noch die WM gewinnt, dann fängt es bald einen neuen Weltkrieg an“ – eine damals halb scherzhaft, halb ängstlich geäußerte Bemerkung einer Bekannten mit Migrationshintergrund.
Doch Deutschland beginnt keinen Krieg, berauscht sich stattdessen an Umfragen, laut denen es das „beliebteste Land der Welt“ ist. Im Konflikt mit dem hochverschuldeten Griechenland setzt Deutschland seine Position nicht nur durch, es tritt auch auf wie ein Schulmeister („Am 28., 24 Uhr, isch over“, warnt der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble Anfang 2015 die Griechen.) In klimapolitischen Fragen heißt es nun immer öfter, dass Deutschland vorangehen müsse und die Welt diesem strahlenden Vorbild folgen werde. Die folgenreichste Entscheidung aber trifft Angela Merkel im September 2015: Als in Budapest tausende Flüchtlinge auf die Weiterfahrt gen Norden hoffen, entscheidet sie, die deutschen Grenzen nicht zu schließen.

Flüchtlinge am Bahnhof von Budapest am 2. September 2015.
Größenwahn und Selbsthass
Mehr als alle anderen politischen Entscheidungen seit 2014 steht die Migrationspolitik für deutschen Größenwahn und zugleich für deutschen Selbsthass. „Wir schaffen das“, verkündet die Kanzlerin. Jedem vernünftig denkenden Menschen ist von Beginn an klar, dass wir das nicht schaffen, gar nicht schaffen können. Wer aber diese Befürchtung öffentlich äußert, auf den wird rhetorisch eingedroschen. Während das Land in den folgenden Jahren sichtbar zu kollabieren beginnt, während Flüchtlingsunterkünfte an Grenzen stoßen und Schulen überfordert sind, während die Sozialausgaben steigen und die freien Wohnungen immer knapper werden, behauptet die Politik einfach, die Situation im Griff zu haben.
Der Krieg, den Deutschland nach seinem Fußballsieg entfachte, war schließlich kein Krieg gegen die Welt. Es war ein Krieg gegen sich selbst. In diesem Krieg lässt sich in den Folgejahren eine bemerkenswerte Korrelation zwischen Fußball und Migrationspolitik beobachten. Die Entwicklungen im Fußball gleichen jenen in der Migrationsdebatte: Die Leistung der Mannschaft nimmt erkennbar ab. 2018 scheidet das Team in der Vorrunde aus, als Gruppenletzter. Vier Jahre später kommt es erneut nicht über die Vorrunde hinaus.
Es ist offensichtlich, dass diese sportliche Schwäche auch mit dem eigenen Selbstbild zusammenhängt. Immer wieder liegt die Mannschaft in Führung und fällt dann in sich zusammen, als wollte sie sich selbst ein Bein stellen. Und dennoch stehen allerorten Kommentatoren bereit, die sich selbst und dem Publikum die blamablen Leistungen schönreden. Bei jeder neuen, eigentlich absehbaren Niederlage gegen schwache Gegner wirken Sportexperten und DFB wie vor den Kopf gestoßen. Jedes halbwegs vertretbare Ergebnis gegen schwache Gegner wird als Trendwende, Erfolg, Triumph verkauft. Auch der deutsche Fußball ist in diesen Jahren nicht mehr viel als eine Behauptung, die den Realitätscheck nicht übersteht.
Kanaken und Kartoffeln
Die Migrationsdebatte und die Debatte um den Fußball verschränken sich zeitgleich auch inhaltlich immer mehr. Ausführlich wird diskutiert, ob es vertretbar ist, wenn Spieler mit Migrationshintergrund die Hymne nicht mitsingen. 2018 posieren die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem autokratisch regierenden türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Özil ist nicht bereit, sich für das Foto zu entschuldigen. Nach der verpatzten WM tritt er als Nationalspieler zurück und beklagt Rassismus. In Medienberichten ist derweil davon die Rede, dass ein kultureller Riss durch die Mannschaft gehe. Das Team teile sich in „Kanaken“ und „Kartoffeln“.

Ilkay Gundogan, Mesut Özil und Cenk Tosun posieren mit Recep Tayyip Erdogan.
In der Politik wie im Sport zeigt sich: Je hartnäckiger die Konflikte durch Migration geleugnet werden, desto zerrissener und gelähmter ist das Land. Und doch reagiert der politische und mediale Mainstream stets mit noch entschlossenerer Leugnung. Die Lücke, die zwischen Anspruch und Realität klafft, wird so groß, dass sie nur noch auf diese Weise erträglich bleibt.
Mittlerweile hat Deutschland die Strategie der Leugnung derart perfektioniert, dass es vor der offensichtlich islamistischen Geste eines Nationalspielers die Augen verschließt und sie zu einer spirituellen Geste umdeutet. Obwohl der in die Luft gereckte Zeigefinger die Broschüren des Verfassungsschutzes zu Islamismus ziert, darf Antonio Rüdiger ungestört mit ebendieser Geste für die FIFA posieren.
Das marodeste Deutschland aller Zeiten
Das „beste Deutschland aller Zeiten“, wie es Wirtschaftsminister Robert Habeck bei jeder sich bietenden Gelegenheit beschwört, existiert nur noch in der Fantasie der Regierung. Was die Fans aus aller Welt in diesen Wochen erleben, ist das marodeste Deutschland aller Zeiten. Die New York Times schreibt anlässlich des Fußball-Turniers: „Vergessen Sie alles, was Sie über deutsche Effizienz gedacht haben“.
Die Financial Times bezeichnet das Land als „Reise-Hölle“ und beschreibt, wie Turnierdirektor Philipp Lahm einen Fernsehauftritt verpasste, weil sein Zug Verspätung hatte; oder wie ein Zug mit Journalisten an Bord, denen die Bahn ihre neuen Investitionen in das Schienennetz präsentieren wollte, 45 Minuten Verspätung hatte.
»Die Deutsche Bahn is so im Oasch!«
— James Zabel 📸 (@James_Zabel) June 25, 2024
Österreich-Fans sind einfach meine Spirit-Animals. 😂😂😂🫶🫶🫶🇦🇹🇦🇹🇦🇹@a_nnaschneider
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Die marode Infrastruktur, die zur Zeit des Sommermärchens noch ein politisches Beben oder zumindest Selbstkritik ausgelöst hätte, schert die Regierung ebenso wenig wie die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage oder der inneren Sicherheit. Deutschland wird inzwischen von Politikern regiert, deren Hauptaugenmerk nicht auf der Wirklichkeit liegt, sondern darauf, wie sie diese Wirklichkeit zu ihren Gunsten uminterpretieren können. So muss auch das Sommermärchen dran glauben: Die Bundeszentrale für politische Bildung erörterte in einem Video: „Sind Poldi, Klinsi und Co. Schuld am Rechtsruck in Deutschland?“
Die schlichte wie schier unglaublich Analyse: Die Begeisterung anlässlich der WM 2006 soll einen „Rechtsruck“ verursacht haben. „Etwas weniger als 10 Jahre später laufen mit Pegida patriotische Europäer mit Deutschlandfahnen durch Dresden“, heißt es in dem Video.
Im Spiegelkabinett der Regierung
Die Regierung hat sich ein Spiegelkabinett geschaffen, in dem die von ihnen finanzierten Zerrspiegel – NGOs, staatsfinanzierte Medien, Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung – die gewünschte Sicht auf die Welt propagieren. In diesem Spiegelkabinett können mehrere, sich ausschließende Wahrheiten gleichzeitig wahr sein: Es ist möglich, mit der Regenbogenbinde im islamischen Katar für die Rechte von Homosexuellen zu kämpfen und zugleich die Kritik an einem islamistischen Gruß als Rassismus zu bewerten. Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Nancy Faeser nehmen im Stadion wie selbstverständlich Jubel-Selfies auf, während eine dem Innenministerium unterstellte Institution den Jubel von 2006 zur Ursache eines Rechtsrucks erklärt.
Der Sport hat in dieser Situation eine einzigartige Chance: Er kann zeigen, dass Selbstwert sich aus objektiv messbarer Leistung generiert. Auf dem Platz ist ein Sieg ein Sieg. Eine Niederlage ist eine Niederlage. Ein Tor ist ein Tor, wenn es nicht aus dem Abseits geschossen wurde. Die deutsche Mannschaft hat an diesem Freitag die Chance, zu leisten, was das ganze Land wieder lernen muss: Aufs Tor zu zielen, ohne sich selbst ins Abseits zu stellen.
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Pauline Voss
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