Muss man den Melania-Trump-Film sehen? Unbedingt!
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Viel ist in den vergangenen Tagen über die 75-Millionen-Dollar-Doku „Melania: Twenty Days to History“ geschrieben worden, vor allem viel Schlechtes: Die First Lady sei hohl und spreche nach drei Jahrzehnten in Amerika immer noch mit erschreckendem Akzent, der Streifen sei ein PR-Machwerk, finanziert vom unterwürfigen Amazon-Chef Jeff Bezos, der sich im Gegenzug vom US-Präsidenten lukrative Deals erhoffe, selbst Regierungsmitglieder hätten bei der Vorführung den Saal verlassen, in manchen Kinos sei gar nur ein Ticket verkauft worden.
Das alles mag sein. Spannend ist das Machwerk trotzdem. Denn es ist vor allem ein Film über Donald Trump. In 104 Minuten kommen wir dem aktuell mächtigsten Mann der Welt so nah wie nie. Es geht um die 20 Tage rund um Trumps zweite Amtseinführung im Januar 2025. Regisseur Brett Ratner, der schon die „Rush Hour“ Filme gemacht hat, hat eine Doku gedreht, die ihre echtesten Momente dann hat, wenn sie es gar nicht versucht.
20 Tage Showdown
Das Team begleitet Melania Trump und ihren Mann vor dem vielleicht wichtigsten Tag ihres Lebens: Die Schauplätze sind Florida, Washington, New York, wo Melania die Outfits für die Inauguration anprobiert. Immer wieder ist von Perfektion die Rede, wird noch ein Hut-Band verschmälert, eine Bluse korrigiert. Jedes Detail muss stimmen, denn die Welt schaut zu, und Kritiker lauern auf jede Panne. Unterlegt sind die Szenen unnötigerweise mit schwülstiger Musik, dabei hätte die stille Anspannung des Schneiderteams ausgereicht.
Das Kleid von Hervé Pierre, das Melania am Abend der Amtseinführung tragen wird, ist aus cremeweißem Satin und hat – Achtung – keinen Saum. An keiner Stelle sieht man, was die Robe am immer noch erstaunlichen Körper der 55-Jährigen zusammenhält.
Wer ist der Mensch Melania Trump?
Und das könnte für die gesamte Melania gelten: Man sieht nicht, was die Frau zusammenhält. Ja, sie mag Michael Jackson und singt – hinter einer Sonnenbrille versteckt – ihren Lieblingssong „Billie Jean“ im Auto mit. Sie bespricht im Businessanzug und mit Krawatte das Tischdesign für das Candlelight-Dinner am Vorabend der Amtseinführung (geladen war laut t-online nur, wer mindestens eine Million Dollar gespendet hatte). Aber hier würde man gern mehr sehen: Melania im Gym – immerhin muss die Figur der 1 Meter 80 großen Frau auch irgendwie gehalten werden. Wir sähen gern Melania beim Make-up, Melania beim Kaffee. Ein bisschen weniger Perfektion, ein bisschen mehr Mensch. Was isst die First Lady gern, was liest sie? Welche Serien schaut sie? Wie oft telefoniert sie mit Sohn Barron?
So bleibt es über weite Strecken Hofberichterstattung mit abgelesenen Texten und inszenierten Szenen: Zum Candlelight-Dinner soll es goldene Eier plus Kaviar für die VIP-Gäste geben. Belanglos. Der Film ist immer dann gut, wenn die Perfektion ein bisschen verrutscht: Als Melania ihrem Designer ein Kompliment macht und er hinter ihrem Rücken Faxen.

Donald und Melania Trump im Jahre 2005
Donald Trump macht den Film spannend
Dabei ist die Story von Melania Trump faszinierend: 1995 kam sie aus einer slowenischen Kleinstadt nach Amerika, um zu modeln und traf dort drei Jahre später auf Donald Trump. 21 Jahre ist die Hochzeit jetzt her. Und, auch wenn es Gerüchte um Krisen gab, erleben wir ein Paar, das entweder gut schauspielert oder noch recht harmonisch ist: „Hey, Mr. President“, haucht Melania ihrem Donald ins Telefon.
Und Trumps spontane Antworten sind es, die ihn nahbar machen, während sie oft wie eine Statue wirkt: Als sie am 9. Januar, dem ersten Todestag ihrer Mutter, mit ihrem Mann zur Beerdigung von Ex-Präsident Jimmy Carter in die Washington Cathedral muss, hört man Sätze über Trauer. Aber es stellt sich keinerlei Gefühl beim Zuschauer ein, bis Donald Trump ein paar freundliche Worte über seine verstorbene Schwiegermutter verliert. In New York zündet Melania in der Kirche eine Kerze für die Tote an, und einen kurzen Moment lang wirkt sie trotz des Kostüms und der perfekten Frisur verletzlich. Der Pfarrer spricht einen Segen, die Bodyguards flüstern nervös in ihre Earphones. Draußen vor der Kirche warten Schaulustige und der Konvoi. Das ist der Kit, der den Film zusammenhält: Limousine, Flugzeug, Limousine.
Mitgefühl ohne Mimik
Der Rest sind Szenen eines Arbeitslebens, von dem Millionen Menschen träumen würden: die Einstellung von Personal, Kontakt mit mächtigen Menschen. Die französische Präsidentengattin Brigitte Macron ruft per Video-Call an, um mit Melania über Kinderhilfeprojekte zu sprechen. Die 72-Jährige wirkt mit ihrer kratzigen Stimme und den lebhaften Gesten Jahre jünger als Melania, die es schafft, 104 Minuten lang mit einem einzigen Gesichtsausdruck auszukommen.
Dabei erscheint Mrs. Trump durchaus warmherzig: Als Aviva Siegel bei ihr vorspricht, deren Mann von der Hamas als Geisel gehalten wird, steht sie spontan auf, umarmt und tröstet. Ist das die echte Melania? Die sich in der Wärme Floridas wohlfühlt, die beschreibt, wie ihr Sohn hier Tennis und Schwimmen gelernt hat, die sich mit anderen Müttern austauscht, selbst, wenn es die jordanische Königin Rania ist?
Trump gibt dem Film Pfeffer
Bemerkenswert: Im (übrigens vollen) Kinosaal straffen sich alle merklich, wenn Donald Trump auftaucht. Bei der Sicherheitsbesprechung reißt er Schoten und hat – anders als seine Frau und sein Sohn – auch nach zwei Attentatsversuchen offenbar keine Angst, sich dem Volk zu zeigen. Der Soundtrack zu diesem Countdown: der 80er-Jahre-Hit „Everybody Wants to Rule the World“.
Und immer mehr scheint auch Melania in ihre Rolle hineinzuwachsen. Durch die erste Amtszeit hat sie sich sichtlich durchgequält, die zweite genießt sie. Als das Paar im Regen auf dem Soldatenfriedhof Arlington einen Kranz niederlegt, wird klar: Melania kann mittlerweile auch Protokoll. Sie weiß, wohin sie gehen, wo sie stehen, wen sie grüßen soll.
Die Optik wechselt immer wieder in den wackeligen Super-8-Stil, das nimmt dem Pomp die Schwere. Denn Pomp gibt’s genug zwischen all den Schwerstreichen: Beim Candelight Dinner schwenkt die Kamera über Jeff Bezos und seine Frau Lauren und zeigt Elon Musk beim Beten.

Donald schaut verliebt auf seine Frau Melania.
Triumph eines umstrittenen Paares
Die letzten Stunden vor der Amtseinführung: Im Weißen Haus werden die Möbel der Bidens raus-, und die der Trumps eingeräumt. Dann spricht der neue Hausherr zum Personal – überwiegend Latinos, eine seiner stärksten Wählergruppen. Man kann über Donald Trump sagen, was man will, er wirkt in jedem Moment authentisch. Seine Stütze ist die Familie, das wird beim Festakt klar. Während die Ex-Präsidenten Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama tuscheln, steht der Trump-Clan wie ein Fels. Kurz vorher dreht sich Melania zur Kamera um und sagt: „Here we go again.“
Zeit für den großen Auftritt beim Amtseinführungsball und DAS Kleid. Beim Tanz mit ihrem Mann, der nunmehr der 47. Präsident der USA ist, sieht man: Jetzt passt Melanias neue Rolle so gut wie die Robe. Die Kamera ist sogar dabei, als das Präsidentenpaar spätnachts in die Residenz zurückkehrt: Die First Lady zieht die engen Highheels aus und wird von ihrem Präsidentengatten als „schwierig, aber unglaublich“ bezeichnet.
Mehr echte Melania, bitte!
Von dieser „schwierigen“ Melania zeigt der Film leider zu wenig. Stattdessen präsentiert er eine glatte, schöne Frau – während Trump zu 100 Prozent Trump ist: eine charismatische, unberechenbare Figur mit hohem Entertainment-Charakter.
Und so fällt die Nennung großer First-Lady-Vorbilder wie Eleanor Roosevelt und Jackie Kennedy im Abspann ein bisschen ehrgeizig aus. Immerhin: Ihren Stil hat Melania Trump gefunden, und der ist fabelhaft: eine Mischung aus Eleganz und Sexiness.
Man kann die Trumps finden, wie man will, aber man schaut gebannt zu. Amerika hat Melania Trump, wir haben Elke Büdenbender und Charlotte Merz.
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