Ökonom Stefan Kooths über die deutsche Klimapolitik: „Wir versuchen als einziges Land der Welt, uns nur aus erneuerbaren Energien zu versorgen“
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Was bedeuten dauerhaft hohe Energiepreise für den krisengebeutelten Standort Deutschland? Werden wir uns das Autofahren schon bald nicht mehr leisten können? Darüber sprachen am Freitagmorgen NIUS-Live-Moderator Norbert Dobeleit, NIUS-Autor Alexander Kissler und NIUS-Chefredakteur Julian Reichelt mit einem ganz besonderen Gast im NIUS-Live-Studio.
Prof. Stefan Kooths ist Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Als Mitautor der Frühlingsprognose der Bundesregierung ist Prof. Kooths einer der einflussreichsten Ökonomen des Landes. Seine Einschätzungen fließen direkt in die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der Regierung ein.
Für den Wissenschaftler ist klar, dass sich die abzeichnende Ölkrise schon bald auch jenseits der Tankstelle im Portemonnaie eines jeden Bürgers bemerkbar machen wird. „Diese Energiekrise bedeutet einen enormen Kaufkraftentzug für die westlichen Ökonomien, die bei Öl und Gas selbst keine Energieproduzenten sind. Das schlägt sich darin nieder, dass jetzt insbesondere der private Konsum einen deutlichen Dämpfer verpasst bekommt im ersten Halbjahr.“
„Da müssen wir jetzt durch“
NIUS-Chefredakteur Julian Reichelt will wissen, was Kooths konkret auf Deutschland zukommen sieht – wenn bereits jetzt ein Ölpreis von 200 Dollar pro Barrel ins Gespräch gebracht wird, wie es US-Energieminister Chris Wright kürzlich getan hat.
Kooths dazu: „Wir werden über einige Wochen noch ziemlich zappelige Energiepreise erleben.“ Es wird nervöse und gelassenere Phasen geben. Der Experte: „Da müssen wir jetzt durch.“ Laut Prognosen seines Instituts seien „deutlich angespannte Preise“ noch bis etwa Mitte des Jahres zu erwarten.
Hier sehen Sie das gesamte Interview mit Prof. Stefan Kooths am Freitagmorgen im Video:
Prof. Kooths erklärt, dass sich die hochschießenden Mineralölpreise besonders schnell im Spritpreis widerspiegeln – wie bereits geschehen. Der Experte: „Beim Heizöl dauert es ein bisschen, beim Gas noch länger. Das kommt dann mit ein bisschen Verzögerung.“ Trotzdem sei die Mehrbelastung bereits jetzt real. „Das belastet jetzt die Konjunktur, das ist ganz klar. Da führt kein Weg dran vorbei“, so Kooths.
Kooths warnt, dass weltweit derzeit rund 20 Prozent weniger Rohöl zur Verfügung stünden, was zwangsläufig zu geringerem Verbrauch führen müsse. Noch schwieriger sei die Lage beim Gas, weil sich Lieferausfälle dort deutlich schlechter durch zusätzliche Produktion oder Umlenkungen ersetzen ließen.
LNG-Land Deutschland besonders gebeutelt
NIUS-Autor Alexander Kissler fragt den Experten, welche Bereiche der deutschen Wirtschaft von dauerhaft hohen Energiepreisen am stärksten betroffen wären. Kooths klipp und klar: „Es ist jetzt unmittelbar erst mal der Konsum, der natürlich in die Knie geht.“
Kooths warnte zudem vor Folgen für die energieintensive Industrie in Deutschland. Beim Öl träfen höhere Preise alle Volkswirtschaften ähnlich, sodass sich die Wettbewerbsverhältnisse kaum verschieben. Beim Gas sei die Lage jedoch anders: Europa gehöre zu den „LNG-abhängigen Wirtschaftsräumen“, wo sich der Preis am „Nadelöhr“ des Weltmarkts bilde – während Länder mit Pipelinegas deutlich weniger stark betroffen seien.

Wissenschaftler Prof. Stefan Kooths auf der Bundespressekonferenz im September 2025.
Deutsche Energiepolitik: „Da erntet man viel Kopfschütteln“
Für Kooths liegt der zentrale Fehler der deutschen Energiepolitik in der einseitigen Ausrichtung auf erneuerbare Energien. „Ganz klar ist der größte strukturelle Fehler, dass wir versuchen, als einziges Land auf der Welt perspektivisch nur aus erneuerbaren Energien versorgt zu werden“, sagt der Ökonom. Andere Staaten kombinierten erneuerbare Quellen stets mit „mindestens einer konventionellen, regelbaren Energiequelle“. Deutschland hingegen habe nach dem Atomausstieg kaum noch Möglichkeiten, Versorgungslücken abzufedern – zumal auch die Potenziale der Wasserkraft hierzulande weitgehend ausgeschöpft seien.

Prof. Kooths im Kreise weiterer Experten bei der Bundespressekonferenz zur Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute im Frühjahr 2024
Der Ausstieg aus der Kernenergie mitten in einer Energiekrise sei international kaum nachvollziehbar gewesen. „Da erntet man viel Kopfschütteln“, sagt Kooths. Ein Kurswechsel wäre aus seiner Sicht ein wichtiges Signal für Investoren: Energiepolitik wirke nicht nur kurzfristig, sondern bestimme über Jahrzehnte die Standortbedingungen. Wenn sich abzeichne, dass Energieversorgung und Versorgungssicherheit zunehmend angespannt seien, sei das „keine Werbung für den Standort“.
Besonders kritisch sieht Kooths zudem das deutsche Energieeffizienzgesetz, das auf EU-Vorgaben zurückgeht. Es schreibe für 2030 und 2045 feste Obergrenzen beim Energieverbrauch vor. Energie sei jedoch ein zentraler Produktionsfaktor für Wohlstand und wirtschaftliche Aktivität. Eine Politik, die Unternehmen und Volkswirtschaft zwinge, „absolut weniger Energie zu verbrauchen“, sei daher widersinnig. Statt die Grenzwerte später nur leicht anzuheben, plädiert Kooths dafür, das Konzept grundsätzlich zu überdenken und solche Vorgaben ganz abzuschaffen.
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