Urbi et Orbit – und irgendwann zum Mars: Warum es großartig ist, dass Artemis II uns wieder zum Mond bringt
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Der Start der NASA-Mond-Mission Artemis II ist wegen technischer Probleme verschoben worden, doch das Ziel ist klar: die Vorbereitung auf die erste bemannte Landung auf dem Erdtrabanten seit mehr als 50 Jahren. Lesen Sie, was geplant ist – und warum wir am Anfang einer neuen Ära stehen könnten.
Insgesamt sind 24 US-amerikanische Astronauten im Rahmen des Apollo-Programms zwischen 1969 und 1972 zum Mond gereist, 12 von ihnen betraten die Mondoberfläche. Diese Männer führten insgesamt neun Missionen durch, darunter sechs erfolgreiche Landungen. Vier von ihnen leben noch, darunter der zweite Mann auf dem Mond, „Buzz“ Aldrin, der kürzlich seinen 96. Geburtstag feierte.
Nach Apollo 17 im Jahr 1972 endeten die bemannten Mondmissionen abrupt. Jetzt plant die NASA nach fast fünfeinhalb Jahrzehnten Pause mit ihrem Artemis-Programm (benannt nach der Mondgöttin und Zwillingsschwester Apollons in der griechischen Mythologie), Menschen wieder auf die lunare Oberfläche zu bringen – wie seinerzeit mit dem Apollo-Programm. Zur Vorbereitung soll Artemis II eine vierköpfige Crew auf eine zehntägige Mission schicken, bei der die Orion-Kapsel, die von einer SLS-Rakete (SLS = Space Launch System) in den Weltraum katapultiert wird, den Mond umrunden und zentrale Systeme wie Navigation, Kommunikation und Lebenserhaltung testen soll, als Vorbereitung auf die geplante Mondlandung mit Artemis III.
Ein so weiter Vorstoß ins All wie nie zuvor
„Zum ersten Mal wird eine Crew die Rückseite des Mondes mit eigenen Augen sehen – ein wichtiger Schritt, um Menschen wieder mit beiden Füßen auf der Mondoberfläche zu haben“, sagte John Pernet-Fisher, Forschungsstipendiat an der Universität Manchester. Wie schon bei den Apollo-Missionen wird es auch bei Artemis II zu einer 40-minütigen Funkpause kommen, wenn Orion hinter dem Mond verschwindet. Künftig plant die NASA aber ein Netz von Satelliten rund um den Mond, damit sowohl Astronauten als auch Landefahrzeuge und Raumsonden rund um den Mond dauerhaft in Kontakt mit der Erde bleiben können.
Die Astronauten werden auf dieser Mission (Hin- und Rückflug dauern je vier Tage) weiter in den Weltraum vorstoßen als jemals zuvor. Sie werden selbst nicht auf dem Mond landen, doch soll diese Mission die Grundlage für eine Mondlandung durch Astronauten im Rahmen der Artemis-III-Mission schaffen, die recht ambitioniert schon für 2028 geplant ist.

Fast 100 Meter hoch, 3000 Tonnen schwer: die SLS-Trägerrakete
Diese Landung wird entweder vom „Starship“ von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX oder einem von Jeff Bezos’ Unternehmen Blue Origin entwickelten Raumschiff unternommen werden. Anders als beim Apollo-Programm, wo es – mitten im Kalten Krieg – auch um nationale Ambitionen ging, infolgedessen man sich mit der Sowjetunion einen Wettlauf ins All lieferte, entstand das Artemis-Programm aus dem Wunsch heraus, Menschen wieder zum Mond zu bringen, diesmal jedoch für einen längerfristigen Aufenthalt, der auf neuen Technologien und kommerziellen Partnerschaften basiert.
Sprungbrett zum Mars
Angestrebt wird nicht weniger als eine dauerhafte Präsenz des Menschen auf dem Mond. Artemis IV und V werden mit dem Bau von Gateway beginnen, einer kleinen Raumstation, die den Mond umkreist. Es werden weitere Mondlandungen folgen, um Menschen auch aus anderen Ländern als den USA für längere Zeit auf und um den Mond herum leben und arbeiten zu lassen.
Elon Musk denkt schon darüber hinaus. Er will mit seinem Raumschiff Starship zunächst mehrere unbemannte Missionen zum Mars durchführen und später auch Menschen auf den roten Planeten bringen. Der für seine kühnen Visionen bekannte SpaceX-Chef geht davon aus, dass eine sich selbst versorgende Stadt auf dem Mars in 20 Jahren möglich ist.
Allerdings ist der Mars, wiewohl erdähnlicher als der Mond, deutlich weiter von unserem blauen Planeten entfernt – statt etwa 400.000 mindestens 55 Millionen Kilometer (und das auch nur alle 15 bis 17 Jahre), weshalb allein eine Reise über sieben Monate dauert. One way. Mit den Mond-Missionen soll eine Art Sprungbrett für künftige Mars-Flüge entstehen, weil die geringe Schwerkraft des Mondes und das Fehlen einer Atmosphäre Starts mit deutlich weniger Energie ermöglichen. Raketen benötigen auf dem Mond keinen Treibstoff für den Luftwiderstand, was den Aufwand im Vergleich zu einem Start von der Erde stark reduziert.
Mit 40.000 km/h zurück in die Erdatmosphäre
Doch das ist noch Zukunftsmusik. Die Raumkapsel soll, wie erwähnt, von einer SLS-Rakete in den Weltraum gebracht werden und nach zehn Tagen beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre eine Rekordgeschwindigkeit von rund 25.000 Meilen pro Stunde (40.000 km/h) erreichen und schließlich an Fallschirmen im Pazifischen Ozean wassern, wo sie und die Crew mit der Unterstützung der US Navy geborgen werden. Wie im Jahr 2026 zu erwarten, wird in den Medien vor allem die Diversität der Crew betont. Zum ersten Mal in der Geschichte der bemannten Raumfahrt werden bei einer Mond-Mission eine Frau (Christina Koch), ein Schwarzer (Victor Glover) und ein Nicht-Amerikaner (der Kanadier Jeremy Hansen) an Bord sein, Reid Wiseman wird die Artemis-II-Mission leiten.

Zeitgemäß divers: die vier Astronauten der Artemis-II-Mission
Ihr ursprünglich für den 8. Februar geplanter Start wurde verschoben, weil bei der Generalprobe „Wet Dress Rehearsal“ beim Pumpen tiefgekühlten Treibstoffs in die SLS-Rakete flüssiger Wasserstoff aus einem Leck ausgetreten war. Auch was den Hitzeschild der Orion-Raumkapsel betrifft, geht die Sicherheitsdiskussion weiter. Die aktuelle Kontroverse weckt schmerzhafte Erinnerungen an die beiden NASA-Space-Shuttle-Katastrophen 1986 (Challenger) und 2003 (Columbia), bei denen jeweils sieben Astronauten starben.
Die Crew wird nun erst einmal im Raum Houston bleiben. Sollte sich ein Starttermin abzeichnen, reisen die Astronauten etwa sechs Tage vor dem Abheben zum Kennedy Space Center nach Florida, wo sie in Quarantäne gehen und Familie, Freunde und Kollegen nur unter strengen Auflagen sehen dürfen, bis sie am Ende in die fast 100 Meter lange und 3000 Tonnen schwere Rakete steigen. Alle vier planen, kleine Andenken auf ihren Flug um den Mond mitzunehmen – bei Wiseman und Koch sind es Briefe ihrer Familien, Glover sagte, er werde eine Bibel, seine Eheringe und Erbstücke für seine Töchter auf die Reise mitnehmen. Hansen trägt einen Mondanhänger mit den Geburtssteinen seiner Familie und der Gravur „Mond und zurück“.

Mit der Raumkapsel Orion wird die Crew den Mond umfliegen.
Astronauten waren die Helden der 60er und 70er
Warum ist das Artemis-Programm wichtig? Alte DNA-Spuren von der Erde, die sich eventuell auf dem Mond finden lassen, könnten erzählen, wie erstes Leben auf der Erde entstanden ist; auch lassen sich Meteoriten-Einschläge erforschen. In den dunklen Kratern am Südpol des Mondes, die von Meteoriten-Einschlägen verursacht werden, befindet sich gefrorenes Eis – und Wasser ist die Voraussetzung für alles Leben.
Viel wichtiger jedoch ist, dass in einer Zeit, in der globale Herausforderungen wie „Klimawandel“, „Pandemien“ und geopolitische Konflikte die Schlagzeilen dominieren, die Menschheit einen unerwarteten Optimismus wiederzuentdecken scheint, der uns lange abhandengekommen war. Das Artemis-Programm markiert nicht nur einen technischen Meilenstein, sondern auch einen kulturellen Wandel – zurück zum Forscherdrang der 1960er und 1970er Jahre, dem progressiven Zeitgeist jener Epoche.
Die bemannten Mondflüge der NASA fanden in einer bewegten Zeit statt. Der Kalte Krieg trieb die USA und die Sowjetunion in einen Wettlauf um die Vorherrschaft im All, der von Präsident John F. Kennedy 1961 mit der berühmten Ankündigung eingeleitet wurde, bis Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu bringen. Dieser Forscherdrang war geprägt von Optimismus: Die Menschheit schien Grenzen zu überwinden, Technologie versprach Fortschritt, und die Raumfahrt symbolisierte den Triumph des menschlichen Geistes über die Unendlichkeit des Universums. Astronauten waren die Helden jener Zeit. Der progressive Geist jener Ära spiegelte sich in gesellschaftlichen Bewegungen wider: Die Bürgerrechtsbewegung, der Feminismus und der Umweltschutz gewannen an Fahrt, während die Raumfahrt als Metapher für Einheit und Innovation diente.
Neil Armstrongs und Buzz Aldrins erste Schritte auf dem Mond inspirierten Menschen auf der ganzen Welt und weckten ein globales Bewusstsein für die Möglichkeiten der Wissenschaft. Doch dann endete das Mond-Programm: Der Vietnamkrieg verschlang irrsinnige Summen, der Wettlauf mit der Sowjetunion war ohnehin gewonnen, und die Kosten des Programms wurden als zu hoch empfunden. Der Fokus verlagerte sich auf erdnahe Missionen wie das Space-Shuttle-Programm und die Internationale Raumstation (ISS).

Apollo 11: Buzz Aldrin, heute 96, landete 1969 mit Neil Armstrong auf dem Mond.
Erlahmender Forscherdrang in Zeiten der Krise
In den Jahrzehnten nach Apollo dominierte ein anderes Narrativ: Katastrophendenken. Die 1980er und 1990er Jahre waren geprägt von Tragödien wie dem Challenger-Unglück 1986 und dem Columbia-Zerfall 2003, die das Vertrauen in die Raumfahrt erschütterten. Globale Krisen wie der Klimawandel, der Fall der Sowjetunion, Terroranschläge wie 9/11 und die Finanzkrise 2008 verstärkten ein Gefühl der Unsicherheit. Die Raumfahrt schien keine Priorität mehr zu besitzen.
Stattdessen machte sich Pessimismus breit: Science-Fiction-Filme und -Bücher wandelten sich von optimistischen Utopien zu dystopischen Warnungen vor Umweltzerstörung und technologischem Missbrauch. Kriege, Terror, die Covid-Krise und die Massenmigration in den 2010er und frühen 2020er Jahren verschärften die Lage.
Dieser Pessimismus führte zu einer Stagnation: Obwohl unbemannte Missionen wie die Mars-Rover fortgesetzt wurden und auch Nationen wie Indien, Japan und Israel Sonden zum Mond schickten, fehlte der Schwung für große menschliche Abenteuer. Die Menschheit schien sich aufs Überleben zu konzentrieren, nicht auf Expansion. Warum hat sich das geändert?
Ein neuer Optimismus keimt auf
Zum einen hat die Wissenschaft neue Gründe geliefert: Der Mond birgt Ressourcen wie Helium-3 für saubere Energie, Wasser für Treibstoff und ist ein idealer Testort für Technologien, die für Mars-Missionen benötigt werden. Das Artemis-Programm zielt nicht auf „Flags and Footprints“ ab, wie Apollo kritisiert wurde, sondern auf eine dauerhafte Präsenz: Eine lunare Raumstation (Lunar Gateway) soll gebaut werden, um langfristige Forschung zu ermöglichen und als Sprungbrett zum Mars zu dienen.
Zum anderen spiegelt dieser Shift breitere gesellschaftliche Veränderungen wider. Nach der Pandemie suchen Menschen nach Inspiration und Einheit – die Raumfahrt bietet beides. Geopolitisch spielt der Wettlauf mit China eine Rolle: Während die USA die erste Frau und „PoC“ auf den Mond bringen wollen, plant China eigene Mondbasen. Wirtschaftliche Vorteile wie Bergbau auf dem Mond und die Inspiration für eine neue Generation treiben den Optimismus voran. In einer Welt, die von Unsicherheit geplagt ist, erinnert die Raumfahrt daran, dass Fortschritt möglich ist.
Private Raumfahrt-Unternehmen mischen mit
Hier kommen private Unternehmen ins Spiel, allen voran SpaceX unter Elon Musk. Anders als die staatsfinanzierte NASA der 1960er Jahre bringen Firmen wie SpaceX Effizienz und Innovation. SpaceX entwickelt das Starship als Human Landing System (HLS) für Artemis III, das Astronauten auf den Mond bringen soll – eine Variante des mächtigsten Raketensystems der Welt. Und wie wir hörten, geht Musks Vision weiter: Er plant eine permanente Mondbasis als Schritt zu einer multiplanetaren Spezies, um die Menschheit vor irdischen Katastrophen zu schützen.

Das Raumfahrt-Unternehmen SpaceX von Elon Musk treibt die Technologie voran.
SpaceX hat die Raumfahrt demokratisiert: Durch wiederverwendbare Raketen wie Falcon 9 sanken Launch-Kosten dramatisch, was die milliardenteuren Missionen erschwinglicher macht. Trotz Verzögerungen – Artemis III ist nun für 2028 geplant – teilt SpaceX das Ziel einer schnellen Rückkehr und schlägt vereinfachte Architekturen vor. Andere Firmen wie Blue Origin ergänzen dies, doch Musks charismatische Führung und Milliardeninvestitionen (NASA-Vertrag über fast 3 Milliarden Dollar) beschleunigen den Fortschritt. Ohne private Initiative wäre der Wandel langsamer; sie injiziert Kapital, Risikobereitschaft und globale Aufmerksamkeit.
Der Forscherdrang der 1960er Jahre kehrt zurück – auch wenn die kultigen Zeiten der Bürstenhaarschnitte, Hornbrillen und weißen Kurzarmhemden im NASA Mission Control Center unwiderruflich vorbei sind –, getrieben von wissenschaftlichen Zielen, wirtschaftlichem Potenzial und der Notwendigkeit, über die Erde hinauszudenken.
Nicht mehr Amerika allein
Anders als zu Apollo-Zeiten, die maßgeblich vom amerikanischen Patriotismus angetrieben wurden, setzt man in unseren Tagen mehr auf internationale Kooperation. So liefert die Europäische Weltraumorganisation ESA das Service-Modul für die Orion-Kapsel, Kanada stellt Astronauten und Technologie bereit.
Bei der unbenannten Artemis-I-Testmission 2022 waren zwei Astronautinnen-Puppen dabei, Zohar und Helga – Projekt mit deutscher und israelischer Beteiligung. Getestet wurde, ob eine in Israel entwickelte Schutzweste besonders einen weiblichen Körper effektiv vor gefährlicher Weltraumstrahlung schützen kann.
Ohne die USA jedoch geht nichts. Die Rückkehr zum Mond im 250. Jahr der amerikanischen Unabhängigkeit wird die Nation natürlich elektrisieren.
Sollte die Artemis-III-Mission, die Artemis II nun vorbereiten soll, gelingen, bricht die Menschheit erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert zu neuen Ufern auf. Der alte Forscherdrang ist zurück, die Frage, ob es noch andere Lebewesen im Universum gibt, ist noch nicht beantwortet. In Zeiten, in denen Elon Musk eine Rakete rückwärts einparken lässt, scheint wieder einiges machbar.
Lesen Sie dazu auch: NASA will Atom-Reaktor auf dem Mond bauen
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Claudio Casula
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