Immer mehr Männer lassen sich in der Türkei die Beine verlängern
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Immer mehr Männer lassen sich in der Türkei behandeln, um größer zu werden. Eine Reportage der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) zeigt, wie in Istanbul ein Geschäft mit ästhetischen Beinverlängerungen entstanden ist. Es geht um Zehntausende Dollar, monatelange Reha, erhebliche Risiken und ein Schönheitsideal, das Körpergröße eng mit Männlichkeit verbindet.
Besonders greifbar wird der Trend an einem Patienten, den die NZZ unter dem Namen Amir beschreibt. Er war 1,70 Meter groß, als er nach Istanbul kam. Drei Monate später hatte er bereits acht Zentimeter gewonnen. Sein Ziel: 1,785 Meter. Die Begründung: In seiner Heimat liege die durchschnittliche Körpergröße von Männern bei 1,75 Meter. „Ich möchte etwas größer sein als die anderen“, sagt er.
Der Weg dahin ist drastisch. Dem Patienten werden Schienen in die Oberschenkelknochen eingesetzt, die Knochen wurden gebrochen und mit äußeren Gestellen fixiert. Anschließend zieht der Patient die Knochenenden täglich per „Fixateur“-Schraube auseinander: viermal am Tag jeweils um 0,25 Millimeter. So kommt pro Tag ein Millimeter hinzu. Der Körper bildet dabei neues Knochengewebe.
35.000 Dollar für das Rundumpaket
Gebucht hatte der Patient beim Anbieter Wanna Be Taller. Das Unternehmen organisiert demnach Flughafentransfer, Unterkunft, Verpflegung, Operation und medizinische Betreuung während der Wachstumsphase. Der Preis für das Paket: 35.000 Dollar. Das entspricht knapp 4.000 Dollar pro Zentimeter.
In Ländern wie den USA, Deutschland oder Südkorea wäre ein solcher Eingriff deutlich teurer. Auch deshalb gilt Istanbul inzwischen als wichtiger Standort für ästhetische Beinverlängerungen. Wanna Be Taller wurde 2015 von Ibrahim Algan gegründet. Er ließ sich selbst verlängern, von 1,60 Meter um insgesamt zwölf Zentimeter auf 1,72 Meter. Nach eigenen Angaben hatte sein Unternehmen bisher 750 Patienten.
Der behandelnde Orthopäde Yunus Öc führte in den vergangenen drei Jahren 270 Beinverlängerungen und 12 Beinverkürzungen durch. Bei Beinverlängerungen seien nach seiner Schätzung 95 Prozent der Patienten Männer. Bei Beinverkürzungen seien dagegen Frauen klar in der Mehrheit.
„Es ist wegen der Frauen“
Die Motive der Patienten sind häufig persönlich. Der in der Reportage beschriebene Mann erzählt, er habe sein Leben lang Sprüche über seine Körpergröße gehört. Auch bei Frauen habe er seine Größe als Nachteil erlebt. „Sie bevorzugen große Männer“, sagt er.
Der Eingriff wird damit nicht nur als medizinische Prozedur verkauft, sondern als Antwort auf ein gesellschaftliches Problem: Männer, die sich zu klein fühlen, wollen ihre Körpergröße nicht mehr hinnehmen. Die NZZ beschreibt den Trend als extreme Form der Selbstoptimierung. Körpergröße gilt dabei als Symbol für Attraktivität, Durchsetzungsfähigkeit und Männlichkeit.
Arzt Yunus Öc bringt das Motiv vieler Patienten knapp auf den Punkt: „Es ist wegen der Frauen.“

In Ländern wie den USA, Deutschland oder Südkorea wäre ein solcher Eingriff deutlich teurer. Auch deshalb gilt Istanbul inzwischen als wichtiger Standort für ästhetische Beinverlängerungen.
Jeder fünfte Patient braucht zusätzliche Behandlung
Die Operation ist allerdings kein harmloser Schönheitseingriff. Laut Öc ist eine Knocheninfektion das größte Risiko. Danach seien Disziplin, Rehabilitation und Nachsorge entscheidend. Patienten müssen sich bewegen, Physiotherapie machen und Muskeln sowie Sehnen an die neue Länge gewöhnen.
Die NZZ verweist auf Studien des Hospital for Special Surgery in New York und der Yonsei-Universität in Seoul. Demnach tritt bei rund jedem fünften Patienten ein Problem auf, das eine längere Behandlung oder einen kleineren Korrektureingriff nötig macht. Schwere, dauerhafte Komplikationen wie bleibende Nervenschäden oder chronische Entzündungen liegen laut diesen Studien bei drei bis fünf Prozent.
Zugleich bleibt der Eingriff medizinisch umstritten. Kritiker beanstanden, dass gesunde Knochen aus ästhetischen Gründen gebrochen werden. Außerdem fehlen noch belastbare Erkenntnisse über mögliche Langzeitfolgen im Alter, weil ästhetische Beinverlängerungen erst seit zehn bis fünfzehn Jahren verbreitet durchgeführt werden.
Öc selbst setzt Grenzen: Sieben bis maximal acht Zentimeter hält er pro Abschnitt für vertretbar. Wer darüber hinaus wachsen will, müsste sich in einem weiteren Eingriff zusätzlich die Schienbeine brechen lassen.
Monate zwischen Reha, Schmerzen und Rollator
Nach der Operation beginnt für die Patienten die eigentliche Belastung. Der in der NZZ beschriebene Mann lebt während der Wachstumsphase in einem Hotel, das ihm der Anbieter vermittelt hat. Physiotherapie, Krafttraining, Verbandwechsel und medizinische Betreuung bestimmen seinen Alltag.
Die ersten Wochen waren hart. „Die Schmerzen waren so stark“, sagt er. Muskelkrämpfe und Schlafprobleme quälten ihn. Später habe sich sein Körper angepasst, die Schmerzen seien verschwunden.
Bis zur vollständigen Heilung dauert es trotzdem lange. Sobald die gewünschte Länge erreicht ist, wird das äußere Gestell entfernt. Danach folgen Krücken, Training und weitere Monate der Erholung. Rund ein Jahr soll es dauern, bis der Patient wieder alles normal machen kann. Später müssen in einem weiteren Eingriff die Schienen aus den Knochen entfernt werden.
Trotz allem bereut der Patient seine Entscheidung nicht. „Ich würde es wieder tun“, sagt er der NZZ. Für ihn zählt das Ergebnis: „Es fühlt sich gut an, größer zu sein.“
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