Nein, liebe Ricarda Lang, Deutschland sollte Viktor Orbán nicht belehren – sondern von Ungarn lernen
Ein Beitrag von
Haben Sie in der zurückliegenden Woche nicht irgendwas vergessen? Nein, sagen Sie? Nicht, dass Sie wüssten. Ich glaube, wir vergessen allzu oft unsere Freiheit. Warum auch eigens daran denken. Sie ist ja da. Schon klar, werden Sie sagen, man sollte sie wertschätzen, nicht für selbstverständlich halten, würdigen. Was man eben so sagt in gelegentlichen Sonntagsreden.
Ich finde, in der zurückliegenden Woche haben wir gleich zwei wichtige Markzeichen der Freiheit (fast) vergessen. Beide Wegmarken fallen auf den 11. September. Am 11. September 1989 teilte die damalige ungarische Regierung unter Ministerpräsident Miklós Németh der DDR-Staatsführung mit, dass man ab sofort die DDR-Bürger nicht mehr daran hindern werde, in den Westen, konkret nach Österreich, auszureisen. Die andere Wegmarke kennen wir alle: Es sind die islamistischen Terror-Anschläge auf die Twin-Tower in New York am 11. September 2001.
Beide Daten hängen aus meiner Sicht viel enger zusammen, als wir uns klarmachen. Die faktische Grenzöffnung der Ungarn war DER Startschuss für den Fall der Mauer und die deutsche Einheit. Vielen ist das gar nicht so bewusst, aber ich kann mich gut an diesen „Wende-Herbst“ erinnern, in dem plötzlich Wohnungen neben einem leer blieben und langjährige Kollegen nicht mehr zur Arbeit erschienen. Sie hatten mit den Füßen über Ungarn abgestimmt und sich gegen das Honecker-Regime und für die Freiheit entschieden.
Ein ungarisches Stadtbild, das man hierzulande nicht mehr kennt
Ich will den tapferen Revolutionären von Leipzig und den mutigen DDR-Bürgerrechtlern nicht ihre Verdienste absprechen, aber ich erinnere mich noch sehr gut, wie mit dem Exodus in den Westen, mit dem Zug aus Prag die letzten Hemmungen fielen, das SED-Regime davonzujagen. Besonderen Wohlstand hatte man auch vorher in der DDR nicht. Privilegien und Luxus hatte man ebenfalls nicht zu verlieren. Aber wenn jetzt auch noch die Menschen nicht mehr da waren, deren Gemeinschaft einen noch immer gehalten hatte, gab es keine Rücksichten mehr zu nehmen. Wir drohten ein leeres, repressives Land mit vergreister Führung zu werden und begannen, Manifeste zu schreiben, uns im Alltag aufzunehmen, Stasi und Volkspolizei nicht mehr zu fürchten. Die Ungarn haben aus meiner Sicht den entscheidenden Startschuss für das Ende der DDR und den Countdown des gesamten Ost-Blocks gegeben.

Der damalige Vorsitzende der ungarischen jüdischen Gemeinschaft im Holocaust Memorial Center in Ungarn.
Wie das alles nun mit dem 11. September 2001 zusammenhängt? Das ist mir dieser Tage bei einem kurzen Aufenthalt in Budapest klargeworden. Am Flughafen warteten ganz beiläufig orthodoxe Juden mit Hut und Schläfenlocken am Mietwagenschalter, von denen ich einige später beim Stadtspaziergang unweit der großen Synagoge auf der Pester Seite wiedertraf. Es gibt im Stadtbild so gut wie keine Betonblöcke, wie etwa am Berliner Breitscheidplatz und ein Messerverbot wird auch nicht diskutiert, weil es auch keine Messer-Angriffe gibt. „Die Freiheit stirbt zentimeterweise“, hat der frühere Außenminister Guido Westerwelle einmal gesagt.

Poller vor dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin.
Die Freiheit, die die Ostdeutschen vor 35 Jahren suchten und in der Wiedervereinigung fanden, stirbt zentimeterweise auf den deutschen Straßen, Weihnachtsmärkten und durch einen Islamismus, den wir noch immer nicht ernst genug nehmen. Der 11. September 2001 war in dieser Hinsicht ein negatives Fanal, eine Wegmarke für die Bedrohung der Freiheit. Wer Islamismus und radikalen Islam gewissermaßen als eine ärgerliche, aber im Grunde unvermeidliche Begleiterscheinung der „offenen Gesellschaft“ versteht und hinzunehmen bereit ist, wird irgendwann einer Gesellschaft aufwachen, die weder offen noch frei ist.
80 Prozent der antisemitischen Täter im Westen sind Islamisten
Das hat mir Kálmán Szalai, Generalsekretär der „Action and Protection Foundation“ erklärt, die Antisemitismus in 16 Ländern Europas dokumentiert und regelmäßig Berichte darüber veröffentlicht. Er sitzt mit seiner Stiftung in Óbuda (Altofen) im Nordwesten Budapests, wo die Hauptstadt fast noch dörflich wirkt. Man geht ganz einfach von der Straßenbahnhaltestelle zu dem unscheinbaren Haus seiner Organisation hinüber, betritt fast unbemerkt ein Foyer, in dem die ausgeruhte Gelassenheit eines Wochentagsvormittags herrscht. Ein Mann lehnt am Tresen, und Szalai kommt mit Kippa, Jackett und Jeans herbei geschlendert. In Deutschland hätte man einen schwer bewachten Hochsicherheitstrakt betreten.

Kálmán Szalai in Óbuda.
Das Interessante an seinen Studien ist: Im Osten Europas sind antisemitische Stereotype am stärksten vertreten (Griechenland und Tschechien an der Spitze), sogar dort, wo es so gut wie keine Juden gibt. Bei den antisemitischen Angriffen und Gewalttaten gibt es dort allerdings so wie keine Vorkommnisse. Hier liegt Westeuropa dramatisch vorn. In Schweden ist die Bedrohung durch antisemitische Täter am größten. In Deutschland gab es im zurückliegenden Jahr 4600 Vorfälle, wobei Hass-Äußerungen, Bedrohungen und Übergriffe zusammengerechnet werden. Sieben körperliche Angriffe und 280 ernsthafte Bedrohungen wurden verzeichnet. In Ungarn gab es im gleichen Zeitraum rund 500 Vorfälle, von denen 95 Prozent Hass- und Äußerungsdelikte waren, also zum Beispiel Sprüche und hingeschmierte Parolen. Angriffe auf Juden gab es keine, sagt Szalai. Und: In Westeuropa sind 80 Prozent der Täter Islamisten.
Auch angesichts solcher Statistiken wundert sich manch einer bei den Magyaren, wie es kommt, dass deutsche Politiker nimmermüde sind, Ungarn zu belehren. Erst am Donnerstag sagte die Grüne Parteivorsitzende Ricarda Lang im Zusammenhang mit diskutierten Asylrechtsverschärfungen bei Maybrit Illner, Deutschland dürfe nicht Ungarn werden. Der neue Vorschlag der Union sei „nicht rechtens“ und eher eine „Chimäre“, weil er gegen europäisches Recht verstoße. Dieser Vorwurf wurde auch jahrelang Ungarn gemacht – die aber heute das weitaus befriedetere Land sind, in der Messerattacken, antisemitische Gewalt oder islamistische Anschläge deutlich seltener (um nicht zu sagen: gar nicht) stattfinden.
Haben wir in der zurückliegenden Woche etwas vergessen? Vielleicht sollten wir uns immer mal wieder daran erinnern, dass Freiheit eigentlich eine ganz schöne Sache ist. Wer, wie die Ostdeutschen und die Ungarn, ihre Abwesenheit am eigenen Leib erlebt hat, weiß sie vielleicht etwas mehr zu schätzen. Wenn der Preis der Freiheit in ihrer Einschränkung besteht, in Verpollerung, in schwer bewachten Synagogen und grassierender Unsicherheit im öffentlichen Raum, dann läuft etwas schief.
Auch bei NIUS: Muslimischer Antisemitismus und die Errichtung eines totalitären Gottesstaates
Mehr NIUS:
Trump kündigt „vollumfänglichen Sieg“ gegen Iran innerhalb von 14 Tagen an
Britische Times deckt auf: Polizei wollte Henry Nowak nach seinem Tod als Angreifer darstellen
Militär meldet Raketen aus Iran und dem Jemen: Israel schlägt gegen Iran zurück
Europas Institutionen räumen die Identität ab
USA: Libanon und Israel wollen Waffenruhe umsetzen
Deutschland fällt bei Wahl in UN-Sicherheitsrat durch
Neue Eskalation: USA und Iran greifen sich in Golfregion an
„I can't breathe“: Bodycam-Video zeigt die grausamen letzten Minuten von Henry Nowak
Mehr NIUS:
Europas Institutionen räumen die Identität ab
USA: Libanon und Israel wollen Waffenruhe umsetzen
Deutschland fällt bei Wahl in UN-Sicherheitsrat durch
Neue Eskalation: USA und Iran greifen sich in Golfregion an
„I can't breathe“: Bodycam-Video zeigt die grausamen letzten Minuten von Henry Nowak
Iran setzt Gespräche mit den USA aus: Mullahs planen Komplett-Blockade der Straße von Hormus
Jill Biden spricht über den kognitiven Abbau ihres Ehemanns: „Er war derselbe – die Essenz desselben Joe Biden“
Paris: Ausschreitungen und Vandalismus nach Champions-League-Finale
Ralf Schuler
Artikel teilen
Kommentare