Überparteilich. Populär.
Andreas Gassen ist Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und damit oberster Vertreter von mehr als 190.000 Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeuten in Deutschland. Der Orthopäde weiß aus erster Hand, wovon er spricht, wenn es um die große Gesundheitsreform geht, die Kanzler und Gesundheitsministerin versprochen haben – und die er selbst für alles andere als einen großen Wurf hält.
Denn wenn Praxen wegen Honorarkürzungen nur noch so viel Leistung erbringen dürfen, wie Geld da ist, drohen unter Umständen Selbstzahler-Sprechstunden und noch längere Wartezeiten auf Facharzttermine. Sein Fazit im Gespräch mit Ralf Schuler ist eindeutig: „Dann wird es einen zweiten Gesundheitsmarkt geben.“ Gassen bringt das Dilemma der Patienten auf den Punkt: „Da ist man entweder tot oder nicht mehr krank“, wenn man erst in einem halben oder dreiviertel Jahr einen Termin bekommt.
Bei „Schuler! Fragen, was ist“ erklärt Gassen, warum die Reform aus seiner Sicht kein Strukturkonzept, sondern vor allem ein Sparpaket ist – bei dem das Sparziel trotzdem verfehlt werden dürfte. Es geht um die umstrittene Krankschreibung ab dem ersten Tag, um Karenztage, um Honorarkürzungen von bis zu 10 Prozent für einzelne Fachgruppen und um die Frage, warum ausgerechnet die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten die Zeche zahlen sollen.
Auch die Krankenhausreform nimmt Gassen ins Visier. Über die Debatte um Klinikstandorte sagt er klar: „Nur räumliche Nähe ist kein Qualitätskriterium.“ Dass die Länder mit Argus-Augen über jedes Krankenhaus wachen, verhindere aus seiner Sicht eine sinnvolle Reform – am Ende entscheide nicht Relevanz, sondern die Lautstärke des Landrats.
Weitere Themen: das verschobene Primärarztsystem, die drohende Abwanderung in die private Krankenversicherung, die weitgehend nutzlose elektronische Patientenakte, das E-Rezept, steigende Aggression gegen Ärzte in Praxen und Kliniken – und zum Schluss die Frage, ob sich Gassen eigentlich selbst krankschreiben würde.
Weiterhin spricht Gassen über den Zustand des deutschen Gesundheitssystems, über Sparzwang, Bürokratie und die Frage, was am Ende noch an Versorgung übrig bleibt.
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