New York Times behauptet, Satoshi, den mysteriösen Schöpfer von Bitcoin, enttarnt zu haben
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Seit dem 31. Oktober 2008, dem Tag der Veröffentlichung des „Bitcoin-Whitepapers“ (also des neunseitigen Gründungsdokuments von Bitcoin), gilt die Identität von Satoshi Nakamoto als eines der größten Rätsel der Gegenwart. Der Erfinder der ersten dezentralen Digitalwährung der Welt blieb 17 Jahre lang unsichtbar. Nun beendet die New York Times in eine monatelangen Recherche („My Quest to Solve Bitcoin’s Great Mystery“) und legt einen Text vor, der auf einen 55-jährigen britischen Kryptografen als Satoshi hindeutet: Adam Back.
Der investigative Journalist John Carreyrou soll im Rahmen der Recherche Tausende alter Internet-Beiträge, E-Mails und Foren-Einträge ausgewertet haben. Dabei stieß er auf sprachliche Muster, technische Vorlieben und politische Überzeugungen, die Back und Satoshi teilen. Die Indizienkette ist lang, aber ein endgültiger Beweis bleibt auch heute aus.
Prägnante Formulierungen und thematische Überschneidungen
Carreyrou begann mit zwei einfachen Hinweisen. Satoshi mischte britische Schreibweisen mit amerikanischen Ausdrücken. Im allerersten Block der Bitcoin-Blockchain, dem Startpunkt der Kryptowährung, tauchte zudem eine Überschrift aus der Londoner Times auf: „Chancellor on brink of second bailout for banks“, also sinngemäß: Der (britische) Finanzminister steht kurz vor zweitem Rettungspaket für Banken. Diese Verbreitung deutete auf einen Briten hin. Außerdem gehörte Satoshi offenbar zur Cypherpunk-Bewegung, jener Gruppe von Kryptografie-Enthusiasten aus den frühen 1990er-Jahren, die mit Code die Macht des Staates begrenzen wollten. Back trat 1995 der Mailing-Liste dieser Gruppe bei und wurde schnell zu einem der aktivsten Teilnehmer.

Dezentrale Währung und Anonymität als Wert: die Kryptowährung Bitcoin.
Der Reporter erstellte daraufhin eine Liste mit mehr als hundert auffälligen Wörtern und Formulierungen aus Satoshis Texten. Dazu gehörten „dang“, „backup“ als Ein-Wort-Verb, „human friendly“, „on principle“, „burning the money“, „abandonware“, „hand tuned“ und „partial pre-image“. Eine besonders markante Formulierung lautete „a menace to the network“ (eine Bedrohung für das Netzwerk). Mit einer erweiterten Suche auf X prüfte Carreyrou, ob auch andere diese Ausdrücke nutzten. Das Ergebnis: Nur Back passte fast vollständig.
Doch es blieb nicht bei der Wortwahl. Beide teilten eine fast schon zwanghafte Beschäftigung mit Spam und E-Mail-Filtern. Back hatte 1997 das Proof-of-Work-System Hashcash erfunden, um Spammer durch Rechenaufwand zu bremsen – genau jenes System, das Satoshi später für das Mining von Bitcoins übernahm. Satoshi erwähnte das Wort „spam“ in seinen Schriften 24-mal und schlug ähnliche Anwendungsfälle für Bitcoin vor.
Auch politisch gab es Übereinstimmungen. Beide kritisierten die Verstaatlichung von Gold in den USA und sahen in der Kryptografie ein Werkzeug gegen staatliche Überwachung. Back schrieb 1996 sinngemäß, Krypto-Anarchie sei ein Mittel, um eine libertäre Regierung zu erreichen und die Macht des Staates zu beschneiden. Satoshi formulierte es ähnlich: Es sei „sehr attraktiv aus libertärer Sicht“, wenn man Bitcoin richtig erklären könnte. Oder: „I’m better with code than with words though“ (Ich bin besser im Programmieren als mit Worten).

Der britische Kryptograf Adam Back forschte unter anderem in Exeter (England).
Weitere Parallelen tauchten auf. Beide lehnten Urheberrechte ab, veröffentlichten Software als Open Source und verglichen das Schicksal des Musikdownload-Programms Napster mit Gnutella. So schrieb Satoshi 2008, Regierungen seien gut darin, die Köpfe zentral gesteuerter Netzwerke wie Napster abzuschlagen, aber reine Peer-to-Peer-Netzwerke wie Gnutella und Tor scheinen sich zu halten. Bei Gnutella handelt es sich um ein dezentrales Peer-to-Peer-Netzwerkprotokoll zum Dateiaustausch, das 2000 von den Entwicklern von Nullsoft (den Machern von Winamp) unter dem Codenamen „Gnutella“ veröffentlicht wurde. Anders als Napster, das auf zentralen Servern basierte, arbeitet Gnutella vollständig ohne zentrale Instanz.
Back gibt Parallelen zu – aber dementiert die Recherche
Carreyrou flog daraufhin nach Las Vegas, um Back bei der Bitcoin-Konferenz 2025 zu treffen. Der grauhaarige Mann mit Brille und Ziegenbärtchen wirkte wie ein zerstreuter Mathematiker. Er sprach offen über Bitcoin, wurde jedoch einsilbig, als es um seine eigene Vergangenheit ging: geboren 1970 in London, Autodidakt am Timex-Sinclair-Computer mit elf Jahren, später Doktorand in Exeter, wo er sich tief in die Kryptografie stürzte. Seine Doktorarbeit behandelte verteilte Systeme und die Programmiersprache C++ – beides Grundpfeiler von Bitcoin.

Die Spurensuche der „New York Times“ ging über mehrere Monate – und versank in den Tiefen von Internetforen.
Back hatte schon früher mit dem Verdacht zu kämpfen, hinter Bitcoin zu stecken. In einem HBO-Dokumentarfilm von 2024 reagierte er auf einer Parkbank in Riga sichtlich angespannt und forderte, das Gespräch vertraulich zu behandeln. Auch gegenüber der New York Times wies er die These zurück.
Am Tag der Veröffentlichung der New-York-Times-Recherche meldete sich Back selbst zu Wort – in einem ausführlichen Thread auf X. Er schrieb, er sei nicht Satoshi, ergänzte aber, er sei früh und intensiv mit den gesellschaftlichen Folgen von Kryptografie, Online-Privatsphäre und elektronischem Geld beschäftigt gewesen. Deshalb habe er seit etwa 1992 aktiv an Forschungen zu E-Cash und Cypherpunk-Technologien mitgewirkt, die schließlich zu Hashcash führten. Er räumte ein, dass seine hohe Aktivität auf den Mailing-Listen zu einer Bestätigungsverzerrung führen könne: Wer viel schreibe, werde öfter mit bestimmten Themen in Verbindung gebracht.
Weiter betonte Back: „Ich weiß auch nicht, wer Satoshi ist, und ich finde es gut für Bitcoin, dass dem so ist.“ Die Anonymität helfe, Bitcoin als neutrale, mathematisch knappe digitale Ware zu sehen. Er verlinkte auf einen älteren Beitrag von 2023: „We are all Satoshi“ (Wir sind alle Satoshi).
Die New York Times räumt nun ein: Die Indizien sind stark, aber kein endgültiger Beweis. Back hatte 2008 E-Mails an sich selbst geschickt, um eine Zitierung von Hashcash zu klären – möglicherweise eine Tarnung. Satoshi selbst hatte seine Spuren meisterhaft verwischt. Nur eine Handlung könnte die Identität endgültig klären: die Bewegung von rund 1,1 Millionen Bitcoins im Wert von derzeit etwa 70 Milliarden Dollar. Das hat bis heute niemand getan.
In der Bitcoin-Gemeinschaft herrscht gespaltene Reaktion. Viele sehen in der Anonymität gerade den Kern der Idee. Andere fürchten, der Mythos könnte Schaden nehmen. Carreyrou selbst weiß: Viele sind vor ihm bei der Suche nach den Erfindern von Bitcoin gescheitert. Dennoch macht die Fülle sprachlicher und thematischer Übereinstimmungen Adam Back zum bisher plausibelsten Kandidaten.
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