Aus Angst und Genervtheit: Deutsche ziehen sich immer mehr ins Private zurück
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Als Reaktion auf Krisen wie Krieg und die ständige Panikmache vor dem Klimawandel ziehen sich die Deutschen einer Studie zufolge mehr und mehr ins Private zurück. Themen, die in Politik und Medien diskutiert werden, klammern sie weitgehend aus und richten den Fokus auf ihre persönliche Lebenswelt. Nur noch 34 Prozent haben nach der am Donnerstag veröffentlichten Studie des Kölner Rheingold-Instituts Vertrauen in die Bundesregierung.

Viele Deutsche wollen mit der Welt da draußen nichts mehr zu tun haben: Zwei Teilnehmer des CSD in Berlin vor wenigen Tagen.
Das eigene Zuhause als Zufluchtsort
Als Zufluchtsort wird das eigene Zuhause liebevoll zur Wohlfühl-Oase ausgebaut – 93 Prozent der Befragten gaben an, es sich daheim so schön wie möglich zu machen. Für 84 Prozent hat auch das Miteinander mit Freunden und Familie an Bedeutung gewonnen – wobei dieser soziale Kreis zunehmend aus Gleichgesinnten besteht, die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden wird vermieden. Ein Gefühl von Selbstwirksamkeit erwächst vor allem aus der Beschäftigung mit sich selbst, etwa im Gym oder in der Yoga-Schule. Körperliche Fitness und mentale Ausgeglichenheit sollen das Gefühl vermitteln, das Leben im Griff zu haben.
„Böse Außenwelt“
Die „böse Außenwelt“ wird dagegen weitgehend ignoriert. „Die Angst vor einem Atomkrieg etwa, die kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs sehr stark war, wird heute kaum noch genannt“, erläutert Rheingold-Gründer Stephan Grünewald der Deutschen Presse-Agentur. „Länger als sechs Wochen hält man eine so fundamentale Bedrohung nicht aus.“ Mittlerweile informieren sich der Studie zufolge nur noch 39 Prozent ausführlich über das Weltgeschehen. „Die Leute gucken sehr viel weniger Nachrichten“, so Grünewald. „Auch das ist Ausdruck der Verdrängung.“
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Die Studie, die Rheingold in Zusammenarbeit mit der Philosophie-Stiftung Identity Foundation aus Düsseldorf erstellt hat, setzt sich zusammen aus einer repräsentativen Online-Befragung von 1000 Menschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren und einer jeweils zweistündigen tiefenpsychologischen Befragung von 35 Probanden, bei deren Auswahl Aspekte wie Geschlecht, Alter, Bildung und politische Präferenz berücksichtigt wurden.
„Ungeheure Diskrepanz“
Für den Psychologen und Autor Grünewald („Wie tickt Deutschland?“) ist das überraschendste Ergebnis, dass nur 23 Prozent zuversichtlich im Hinblick auf Politik und Gesellschaft sind, im Privaten aber großer Optimismus vorherrscht. So äußerten sich 73 Prozent in der repräsentativen Befragung zuversichtlich zu ihrer Arbeit, ihrem Studium oder ihrer Ausbildung. „Das ist eine ungeheure Diskrepanz“, findet Grünewald. „Den Deutschen gelingt die Maximierung ihrer Zuversicht durch die Minimierung ihres Gesichtskreises“.

Stephan Grünewald leitet das Rheingold Institut.
Der Ukraine-Krieg, die Migrationskrise und die Angst vor dem Klimawandel würden von den meisten Menschen ausgeblendet. „Das ist, als würde ein Verdrängungsvorhang heruntergelassen, der unsere eigene Welt von der da draußen abschottet.“ Durch diesen Vorhang schimmere höchstens noch durch, was für das eigene Leben unmittelbar relevant sei, etwa die Inflation und die Energiepreise.
Insgesamt führen die Krisenverdrängung und die Hinwendung zum Privaten demnach dazu, dass eine Mehrheit eine passiv-resignative Haltung entwickelt. So sagen nur 47 Prozent von sich: „Mein persönliches Engagement ist entscheidend, um die gesellschaftlichen Herausforderungen zu stemmen.“ Grünewalds Analyse: „Die proklamierte Zeitenwende ist bei den Leuten überhaupt nicht angekommen. Sie hoffen vielmehr auf eine Art Nachspielzeit, die noch einige Jahre andauert.“
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