Ex-Bundespräsident Wulff bezeichnet NIUS als „rechtsextremistisch positioniert“
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Bei einem Dialogformat mit Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Bensheim hat der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff (CDU) Positionen bezogen, die für Irritationen sorgen dürften. Bei der Veranstaltung sprach Wulff über den Zustand der Demokratie, den demografischen Wandel und die Rolle des Internets. NIUS bezeichnete der Ex-Bundespräsident dabei als „rechtsextremistisch positioniert“ – und widersprach damit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner aus seiner eigenen Partei. Das geht aus einem Audiomitschnitt der Veranstaltung hervor, die NIUS exklusiv vorliegt.
Klöckner hatte im August 2025 auf einem CDU-Sommerfest des Unternehmers Frank Gotthardt (CDU) NIUS mit der linken taz verglichen. Sie argumentierte, beide Medien trügen zum Pluralismus bei, auch wenn sie ideologisch ausgerichtet seien. Klöckner betonte nach lauter Kritik von (linken) Medienschaffenden, sie halte eine Vielfalt an Meinungen – und in diesem Sinne auch NIUS – für wichtig. Danach gefragt, wie er zum Vergleich Klöckners stehe, positionierte sich Wulff klar: „Ich halte den Vergleich für falsch.“ Die „NIUS-Portale“ seien einseitig und nicht auf Ausgewogenheit ausgelegt. „Und deswegen, bei aller rotgrünen Orientierung der taz, ist trotzdem NIUS einseitig rechtsextremistisch positioniert“, so Wulff bei der Veranstaltung, die unter dem Motto „Auf du und du mit einem Altbundespräsidenten“ stand. „Ich würde diese beiden Presseorgane nicht miteinander vergleichen.“
Die taz habe der Ex-Bundespräsident „als sehr differenziert, faktenorientiert“ erlebt. „Auch in meinem eigenen Fall, meines eigenen Rücktritts war die taz mit die seriöseste und ausgewogenste Zeitung in Deutschland.“ Das habe ihn gewundert.
Auf eine Anfrage von NIUS, wie der Ex-Bundespräsident die Einschätzung als „rechtsextremistisch positioniert“ begründe, antwortete Christian Wulff bis Fristende nicht.
Mehr Moscheebesuche – und Zuwanderung, um Demografie zu lösen
Ebenfalls auffällig war Wulffs anhaltender Appell für eine stärkere Integration des Islam in den deutschen Alltag, was angesichts von Terroranschlägen, radikalen Moscheen und dem Aufstieg des politischen Islams befremdlich wirkt. Seinen berühmten Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ aus dem Jahr 2010 wiederholte Wulff auch in Bensheim. „Heute ist es nötiger denn je, den Satz zu sagen.“
Wulff sagte, man habe heute eben viele Muslime, „und die gehören dann eben auch voll und ganz dazu. Auch mit ihrem Koran, mit ihrem islamischen Religionsunterricht, mit der Ausbildung von Imamen. Und ich bin heute Vorsitzender des Islamkolleg Deutschland und wir bilden Imame aus in Deutschland für Deutschland. Und wir bilden Religionslehrer aus für islamischen Religionsunterricht. Und das ist gut und richtig so!“
Ferner kritisierte der 66-Jährige die einstige Aussage Horst Seehofers (CSU), wonach die Migration „die Mutter aller Probleme“ sei. Diese bezeichnete er als „völlig dummes Zeug“. Stattdessen plädierte er für Zuwanderung als Lösung für den demografischen Wandel: Weil „zu wenige Kinder geboren werden, zu wenig junge Leute da sind“. Die Antwort darauf „kann nur sein: künstliche Intelligenz und Zuwanderung.“
In den gesamten Ausführungen der Veranstaltung, die etwa 75 Minuten dauerte, finden sich keinerlei migrations- oder islamkritische Aussagen. Stattdessen forderte Wulff, Barrieren zu durchbrechen, indem Muslime in Deutschland „eine innere Gelassenheit entwickeln“. Dazu gehöre Geduld, aber auch, über die eigene Religion aufzuklären und aus dem Koran zu erzählen. Und: „Deswegen gehören die Moscheen in die Mitte der Gesellschaft. Die Tage der offenen Moschee, wo man einlädt, wo man zeigt, wo man die Glaubensinhalte verkündet.“
Er beklagte außerdem, dass Muslime ständig zum Ramadan befragt würden, während Christen ihre Fastenzeit nicht thematisierten: „Das Christentum weicht zurück, wird nicht mehr in der Öffentlichkeit so gezeigt. [...] Wir Christen müssen auch deutlicher unsere Religion vertreten.“ Als positives Beispiel nannte er Indonesien: „Ich habe in Indonesien, Jakarta, damals einen Handschlag des Großimam und des Kardinals der Erzdiözese veranlasst. Und jetzt haben sie einen Tunnel der Verständigung gebaut. Und als ich jetzt letztes Jahr da war, kamen mir 40 Jugendliche entgegen – 20 Muslime, 20 Christen – die Interesse an der jeweils anderen Religion hatten.“
Grüne Horizonte in konservativer Tradition
Auch zu dem Thema des Klimawandels äußerte sich der Osnabrücker. Er prophezeite „große Durchbrüche in der Forschung, in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, bei Windenergie, Sonnenenergie, Wasserkraft, Erdwärme, Wärmenutzung“. Und: „Wir können den Klimawandel besiegen. Wir können demnächst mit Wasserstoff so viel fliegen und fahren, wie wir wollen, ohne die Umwelt zu belasten.“ Er habe bei Volkswagen „die ersten Automobilteile gesehen, die mehr CO2 binden, als sie benötigen, um produziert zu werden: also ein Minus bei der CO2-Bilanz“. Man werde „ganz tolle Ergebnisse“ kriegen, wenn man sich darauf konzentriere – und das dann auch wettbewerbsfähig mache, „indem wir das verteuern, was CO2 produziert“.
Im Hinblick auf die AfD forderte Wulff erneut ihre Bekämpfung „zu Wasser, zu Lande und zu Luft“ – diesmal mit dem Zusatz „argumentativ“. Diese Formulierung hatte bereits im November 2024 für Empörung gesorgt: In einem Interview mit der Rheinischen Post hatte Wulff für ein Verbot plädiert und jene Wasser-Land-Luft-Metapher beim Kampf gegen die Rechtspartei bemüht, was Beobachter an Kriegsrhetorik erinnerte. Wulff verglich damals die Situation mit der Weimarer Republik: Ein NSDAP-Verbot 1930 „hätte den Zweiten Weltkrieg ersparen können, hätte sechs Millionen Juden das Leben erhalten können“.
Wie er einstige Unionswähler zurückgewinnen wolle, offenbarte der Ex-Bundespräsident derweil nicht. Einen Schlüssel sehe er aber im Dialog mit Migranten und Muslimen. Diesen zu begegnen und mit ihnen zu sprechen, nannte er „die Höchststrafe für AfD-Leute“. Und weiter: „Weil sie dann sehen, das sind ja genauso Menschen wie wir, die wollen ja auch nur in diesem Land leben, eine Familie gründen, Kinder in die Welt setzen. Also, das ist die Höchststrafe: dieses Auge in Auge, Mensch zu Mensch.“
Die Veranstaltung am Gymnasium in Bensheim datiert bereits auf den 11. September 2025 zurück. Die Veranstaltung, moderiert von Schülern der Schule, wurde von Schulleiter Thomas Stricker und Bürgermeisterin Christine Klein (SPD) eröffnet. Nach einer Rede Wulffs endete sie mit einer offenen Fragerunde der Schüler.
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