Sexy, reich, selbstbestimmt: Das widersprüchliche Verhältnis von Deutschrapperinnen zum Feminismus
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Katja Krasavice und Ikkimel machen jetzt gemeinsame Sache. Der kürzlich erschienene Song heißt „Bitch“. Wie auch sonst? Zwei der derzeit erfolgreichsten und polarisierendsten Figuren des Deutschraps sind Frauen. Gemeinsam bündeln sie ihre Marken: maximale Sexualisierung trifft auf maximalen Tabubruch.
Viel Haut, vulgäre Sprache, Männer k. o. schlagen – ob im Boxring oder mit Tropfen. Das Duett greift reale Gewaltmuster auf und dreht sie einfach um. Was Männer können, können Frauen erst recht.
Das Internet reagiert wie immer: Die einen setzen ihnen die feministische Krone auf und erklären sie zu Queens of Rap, die anderen prognostizieren den Untergang des Abendlandes. Dazwischen ist kaum Luft.
Dabei ist die eigentliche Frage gar nicht neu. Sie wird nur lauter gestellt als früher: Ist das Feminismus oder einfach nur gutes Business?
Bitch als Businessmodell
Deutschrapperinnen haben heute etwas, das ihre Vorgängerinnen nicht hatten – und das nennt sich Reichweite. Social Media macht es möglich. Algorithmen reagieren, denn sie lieben Provokation und Begriffe wie „Empowerment“ und „Diversität“. Katja Krasavice wurde durch Social Media zur Selfmade-Millionärin mit einer Reichweite von circa 3,2 Millionen Fans auf TikTok und 4,1 Millionen Fans auf Instagram.
Wer sich an die 90er erinnert, an weibliche Rapgrößen aus den USA wie beispielsweise Lil’ Kim, weiß: Das war früher Nische. Heute ist es ein etablierter Bestandteil der Popkultur. Ob Nicki Minaj oder Shirin David. Auffällig ist, dass Frauen ihre Weiblichkeit zu ihrer Waffe machten – zu Recht. Heute wirken die Künstlerinnen jedoch nicht nur vulgär, sondern fast schon aggressiv. Von warmer, subtiler Weiblichkeit bleibt keine Spur mehr.

Katja Krasavice weiß zu provozieren.
Umgedrehte Gewalt – Provokation aus Prinzip
Eine dem Kontext geschuldete Frage, die sich stellt: Wem hilft es, wenn Frauen sich an Männern rächen? Ja, Krasavice und Ikkimel sehen gut aus im Boxring – nur im realen Leben hätten sie körperlich wohl keine Chance gegen einen Mann gehabt. Während Frauen vor allem im Sport darum kämpfen, als Frau gegen andere biologische Frauen antreten zu dürfen – man erinnere sich an den Skandal um die angebliche algerische Boxerin Imane Khelif bei den Olympischen Spielen 2024 –, stellt sich die Frage: Welche Message soll das Video zu „Bitch“ hier eigentlich transportieren?
Im Video wird dieser Akt des Missbrauchs bewusst umgedreht: Katja Krasavice und Ikkimel verabreichen die Tropfen dem Mann. Reale männliche Gewalt gegen Frauen wird hier zur provokanten weiblichen Gegenhandlung inszeniert. Diese aggressive, rachsüchtige Umkehr – soll das feministisch sein? Sind wir nicht vielmehr wieder an einem Punkt, an dem Frauen stärker geschützt werden müssen, statt ihnen neue Rollen der Härte aufzubürden?
Wer sind eigentlich Katja Krasavice und Ikkimel?
Katja Krasavice liebt es, exzentrisch aufzutreten, leicht bekleidet zu posieren und über Sex zu reden. Sie war deshalb auch eine Außenseiterin in der Schule und eine der Ersten, die das Internet früh nutzte, um sich selbst zu inszenieren. Man könnte meinen, sie objektifizierte sich selbst und erntet heute dafür die Früchte.

Rapperin Katja Krasavice stellt ihren Drink Sugar Mami im Netto Marken-Discount in Köln vor.
Ihre Karriere begann als YouTuberin, wo sie sexuelle Inhalte offen mit ihrer Community teilte – und sich so den Weg zur Rapperin ebnete. Aus Katja Krasavice wurde eine Marke. Rap, Softdrinks und nicht zuletzt OnlyFans machten sie zu einer reichen Frau. Schönheits-OPs? Zeigt sie. Geld? Zeigt sie. Lust? Sowieso. Ihr Feminismus ist simpel: Ich will das – also darf ich das. Das ist keine politische Theorie, sondern ein Lebensstil, den Krasavice vor der Kamera lebt und liebt. Und er funktioniert erstaunlich gut. Auf OnlyFans können ihre Fans ihr ganz nah sein. „100 Prozent unzensiert“, verspricht sie. Dort scheffelt sie mit Abos das große Geld. Wer möchte, kann extra Trinkgelder für noch „persönlichere“ Inhalte schicken.
Ikkimel sperrt Männer in Käfige
Und Ikkimel? Auch ihr verhalf Social Media zum Superstar – die woke Anhängerschaft inklusive. Ihr Debütalbum heißt „Fotze“. Das ist nicht sonderlich subtil, aber auch nicht zufällig. Sie nimmt die Vokabeln, mit denen Rap seit Jahrzehnten Frauen kleinmacht, und wirft sie zurück. Nicht elegant. Eher wie eine Bierdose durchs offene Fenster. Männer sperrt sie auf der Bühne in Käfige. Auf Instagram inszeniert sie sich als schwangere Frau mit Zigarette im Mund.

Ikkimel auf dem roten Teppich bei der Verleihung des WDR-Musikpreises „1 Live Krone“.
Ihre Beziehung mit Rapper Ski Aggu katapultierte sie noch ein Stück weiter Richtung Rap-Olymp. Also so ganz unwichtig sind Männer dann doch nicht? Kaum oben in den Charts, trennte sich das Paar. Ikkimel sei polyamorös und nicht für eine klassische Beziehung gemacht. Oder einfach nur feministisch – denn wer braucht schon einen Mann?

Ikkimel auf der Bühne mit Rapper Ski Aggu
Sex sells und funktioniert
Zusammen klingen Krasavice und Ikkimel wie ein Endgegner für jeden Feminismusdiskurs. Das Problem ist nicht, dass Frauen sich diese Freiheit nehmen. Problematisch wird es dort, wo Freiheit vor allem gut aussehen muss. Wo sie sich fast nur noch über nackte Haut, provokante Bilder und Reichweite definiert. Wer auffällt, gilt als selbstbestimmt. Wer sich nicht zeigt, genießt keinen algorithmischen Support und verschwindet im Mediendschungel.
Gerade deshalb ist die Schweizer Rapperin Loredana ein interessantes Gegenbeispiel. Sie zieht sich nicht aus, macht ihren Körper nicht zum Mittelpunkt ihrer Musik – und vor allem ist sie eines: Mutter. Ihre Tochter ist fester Bestandteil ihres öffentlichen Auftritts. Ihr erstes Platin-ausgezeichnetes Album „Hana“ trägt den Namen ihrer Tochter, die aus der geschiedenen Ehe mit Rapper Mozzik stammt. Inzwischen ist Loredana wieder glücklich verheiratet mit Fußballer Karim Adeyemi.
Ja, Loredana ist schön und erfolgreich, lehnt den dauersexualisierten Feminismus jedoch offen ab. Ihre Kritik trifft einen Punkt: Warum wird weiblicher Rap so oft auf Körper, Provokation und Reiz reduziert? Warum gilt das als modern und alles andere als langweilig oder sogar rückständig?

Loredana, erfolgreiche Rapperin aus der Schweiz
Was Feminismus einmal war
Dabei kommt Feminismus aus einer ganz anderen Richtung. Er ist entstanden, um patriarchale Strukturen aufzubrechen, Frauen eine Stimme zu geben und ihnen Handlungsspielräume zu eröffnen. Der Anspruch war einmal, sich als Frau verwirklichen zu können, ohne sexualisiert zu werden. Finanziell unabhängig zu sein, ohne den eigenen Körper verkaufen zu müssen.
Heute wirkt es, als hätte sich diese Logik umgedreht. Sexualisierung gilt plötzlich wieder als Beweis von Freiheit – solange sie freiwillig passiert und gut vermarktet ist. Prostitution, lange eines der schlimmsten Instrumente weiblicher Erniedrigung und struktureller Gewalt, wird neu verpackt: digital, selbstbestimmt, angeblich emanzipiert. Die Gefahren und Abhängigkeiten existieren jedoch weiterhin. Die Erzählung von individueller Wahlfreiheit legt sich wie eine glitzernde Schneedecke über die Abgründe des digitalen Sexgeschäfts.
Altes System, neues Etikett?
Und hier liegt der eigentliche Knackpunkt: Wenn alles feministisch sein soll, was sich nach Selbstbestimmung anfühlt, verliert der Begriff seinen ursprünglichen Sinn. Dann geht es nicht mehr darum, Frauen aus ausbeuterischen Strukturen zu befreien, sondern darum, diese Strukturen neu zu etikettieren. Wer als Star erfolgreich auf OnlyFans ist, erweitert seine mediale Reichweite, erschließt einen weiteren Markt und verdient mehr Geld. Content wird effizient recycelt: TikTok, Instagram, X, OnlyFans.

Katja Krasavice auf dem Splash Festival
Junge Mädchen, die sich daran orientieren, haben ganz andere Voraussetzungen. Sie stehen vor deutlich höheren Hürden, sich medial zu positionieren, und können ihre Inhalte oft nicht selbstbestimmt produzieren und veröffentlichen. Vielleicht braucht Krasavice keinen OnlyFans-Manager, andere junge Creator jedoch schon. Die Abgründe von Abhängigkeit und Missbrauch sind hier tief. Und sie verschwinden nicht, nur weil Prostitution heute digital ist und sich selbstbestimmt nennt. Sie sind nicht weniger real, nur schwerer zu erkennen. Feminismus, der diese Unterschiede ausblendet, stärkt am Ende nicht Frauen – sondern Märkte.
Zurück zum Frauenrap: Wahrscheinlich wäre es zu einfach, Katja Krasavice und Ikkimel vorzuwerfen, sie würden dem Feminismus „schaden“. Sie zeigen vielmehr, wie zersplittert der Begriff inzwischen ist.
Vielleicht ist genau das der Punkt: Weiblicher Deutschrap liefert keine eindeutige Antwort auf feministische Fragen. Er bringt uns nicht wirklich weiter. Er ist vielmehr ein Ort, an dem die Feminismus-Debatte öffentlich ausgetragen wird – laut, schrill und manchmal schwer auszuhalten.
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