Mesut Özil als Opfer-Kartoffel: Mit diesem bizarren Schauspiel feiert die Bundesregierung die EM – und glorifiziert Islamisten
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Das Schauspielhaus Hannover sieht aus wie ein mondäner Kindergarten und riecht nach Altersheim. Hier wird an diesem Abend die Geschichte des deutschen Fußballs rekapituliert – finanziert von deutschem Steuergeld. 50.000 Euro hat die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) in das Theaterstück „Unsere Elf“ gesteckt.
Deutschlandweit investiert die Regierung 10,5 Millionen Euro in über 300 Veranstaltungen, um das sportliche Großereignis einer politischen Agenda zu unterwerfen. Der Abend in Hannover zählt zu den Höhepunkten des Programms.
Der Saal füllt sich, einen Platz weiter erzählt ein Mädchen in Doc Martens ihrem Freund vom letzten Theaterbesuch: Da wurde Correctiv gespielt. „Wo sich diese Rechten getroffen haben.“ Die Schauspieler treten auf die Bühne, stimmen die Nationalhymne an: „Einigkeit und Recht und Freiheit, für das deutsche –“ Pause. „Geht nicht, oder?“, fragt einer der Schauspieler ins Publikum.
Der Ton ist gesetzt, das Vaterland als Problemzone markiert. Auf den Trikots der Schauspieler ist nirgends Schwarz-Rot-Gold zu sehen, dafür prangt bei Zweien der Schriftzug „DDR“ auf der Jacke. Die frauenfeindlichsten Kommentare der Fußballfunktionäre werden durchdekliniert. Ein männlicher Schauspieler verkörpert Nationalspielerin Silvia Neid, Felix Magath wird von einer Frau gespielt.
Özil als Kartoffel
Dann endlich: Auftritt Mesut Özil im Kartoffel-Kostüm. „Ich bin keine Kartoffel“, schreit er. Gerade noch lässt ihn das Team nach dem Weltmeister-Titel hochleben, gerade noch hält er seine Dankesrede für den Integrations-Bambi, schon folgt der Fall: „Warum hast du die Nationalhymne nicht mitgesungen!“, schreit ihn ein Spieler an.
Ein anderer schildert die Geschehnisse der darauffolgenden Jahre: „Mehr und mehr überschatten politische Schlagzeilen die sportlichen Erfolge. Ganz Deutschland sieht vor der WM 2018 das Foto von ihm mit Gündogan und Erdogan. Die Partei des türkischen Präsidenten benutzt das Foto für ihre Social-Media-Kanäle. Erdogan befindet sich im Wahlkampf. Ihr Spieler habt das Foto nicht veröffentlicht.“

2018 posierten Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten.
Der Zuschauer wird Zeuge einer staatlich finanzierten Geschichtsklitterung: Die Autoren des Stücks suggerieren, der türkische Staatspräsident Erdogan habe Özil gegen dessen Willen für den Wahlkampf missbraucht. Tatsächlich aber war Özil nie bereit, sich für das Bild zu entschuldigen oder sich von Erdogan loszusagen, im Gegenteil: Das Foto markierte den Beginn einer immer engeren Beziehung, die Özil 2023 mit einem weiteren Erdogan-Foto krönte, das er zwei Tage vor der türkischen Präsidentschaftswahl veröffentlichte.
Özil ist also Wahlkämpfer des Mannes, der Kritiker wegsperrt, die terroristische Hamas unterstützt und die Türkei in eine Autokratie verwandeln will. Oder, wie man es auf der Bühne in Hannover ausdrückt: „Du machst als Fußballer dieses Foto mit dem türkischen Präsidenten und ganz Deutschland schießt sich auf dich ein. Du bist der Sündenbock.“
Der arme Özil und die Wölfe
Schließlich kommt Özils Tattoo zur Sprache, das er 2023 präsentierte: ein heulender Wolf, eine Flagge mit drei Halbmonden. Symbol der türkisch-nationalistischen Grauen Wölfe. Kurz zeigt sich eine der Figuren empört über Özil: „Du hast keine vier Jahre in der Türkei gelebt und hängst jetzt dieser Ideologie an?“ Gleich darauf aber hat sie einen Strauß an Ausreden parat: Deutsche Politiker würden ebenfalls Deals mit der Türkei abschließen. Özils Tattoo sei nur „Show“, um im Gespräch zu bleiben: „Sogar dein Vater sagt: Dieser Junge hat nichts mit Politik am Hut.“
Und überhaupt: Es gehe gar nicht um Özil. Es gehe um die Reaktion Deutschlands auf ihn. „Was fällt dir ein, Deutschland, erst jemanden so hochzujubeln und dann fallenzulassen?“, ruft die Schauspielerin von der Bühne. Und leiser an Özil gerichtet, der mittlerweile roh, ohne Kartoffelschale dasteht: „Sie haben dir deinen Pokal weggenommen.“ Dann stimmt das Ensemble in Annett Louisanns Hit ein: „Er will doch nur spielen, uh-uh. Ich tu doch nichts.“
Die Grauen Wölfe gelten mit über 12.000 Mitgliedern laut Verfassungsschutz als größte rechtsextremistische Bewegung Deutschlands. Sie verbreiten eine islamistische, rassistische Ideologie und richten sich gegen Minderheiten. Wer sich ihr Symbol auf die Brust tätowiert, weiß, was er tut.
Wie kommen die Regisseure des Theaterstücks also darauf, den auf allen Kanälen extremistisch agitierenden Özil als unpolitischen Menschen darzustellen, der nur Fußball spielen will?

Der Verfassungsschutz hat die Grauen Wölfe auf dem Radar – die Regisseure in Hannover eher nicht.
Zu Gast bei Freunden
Die Regisseure haben sich für ihr Stück an einem RTL-Podcast orientiert, der den Titel trägt „SchwarzRotGold – Mesut Özil zu Gast bei Freunden“. Darin kommt auch ein in der Türkei lebender Anhänger der Grauen Wölfe zu Wort, der behauptet, dass die Grauen Wölfe im Land salonfähig seien und entsprechende Tätowierungen unter Türken gewöhnlich. Der Mann sagt: „Ich bin Nationalist, aber wir töten niemanden.“ Religion und Nationalität seien ihm egal, solange jemand Fan von Fenerbahçe Istanbul ist.
Es fragt sich, ob die Podcaster ebenso milde über einen deutschen Nationalisten urteilen würden, der sich damit brüstete, in der Hansa-Rostock-Fankurve auch Schwarze zu tolerieren. Während die Deutschen im Namen der Bundesregierung gleich zu Beginn des Stücks für ihren Nationalstolz beschämt werden, wird der radikale türkische Nationalismus der Grauen Wölfe als bloße persönliche Vorliebe dargestellt. Diese Islamismus-Apologetik liegt auch dem Theaterstück in Hannover zugrunde.
Die Geschichte von Özil, so schließen die Podcaster, sei die Geschichte eines Mannes, der versuche, erfolgreich zu sein und nicht anzuecken. Der aber wegen eines Fotos ausgeschlossen worden sei und sich aus dieser Verletzung heraus radikalisiert habe: „Integration bleibt eine Utopie.“ Wem man wie Özil den Migrationshintergrund ansehe, der sei in Deutschland am Ende doch nur zu Gast bei Freunden.
Im Podcast wie im Theaterstück erscheint Özil als Opfer einer Politisierung, die er nie selbst betrieben habe. Besonders abenteuerlich erscheint diese Darstellung, wenn man einen Blick in das vollständig durchpolitisierte Programmheft des Schauspielhauses Hannover wirft. Da wird aus Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten ein „tänzerischer und kritischer Abend zum Thema Klima und seine Auswirkungen auf zukünftige Generationen.“ Da wird Moby Dick zum Epos über „Kapitalismus und Ausbeutung“. Da geht es um „deutsch-türkische Arbeitsmigration“ und „sogenannte Gastarbeiter:innen“, um Armut und Gentrifizierung, um „Polizeibeamt:innen“ und ihr Verhältnis zu Gewalt.
Alles, aber auch wirklich alles ist politisch
Auch strebte das Team hinter „Unsere Elf“ ein dezidiert politisches Stück an. So erklärt die Bühnenbildnerin Vanessa Maria Sgarra im Programmheft: „Ich habe in diesem großen, aufgeladenen Thema eine poetische Sprache gesucht, die Hinweise auf politische Missstände gibt und gleichzeitig ein Ort des Träumens sein kann.“ Auch Regisseur Tuğsal Moğul kreist in seinen Stücken immer wieder um Politisches und klingt dabei nicht selten wie ein Aktivist. Auf seiner Website schreibt er über sein Stück „And now Hanau“: „In enger Zusammenarbeit mit der Initiative 19. Februar Hanau fragt Moğul nach Konsequenzen und fordert eine lückenlose Aufklärung.“ Auch mit der Corona-Pandemie hat sich Moğul in einem Stück befasst, es geht darin um das „marode Gesundheitssystem“, in dem „jahrelang aus Profitinteressen von Klinikbetreiber*innen und der Pharmaindustrie aus Patient*innen Kund*innen und aus Pfleger*innen und Ärzt*innen Leistungserbringer*innen gemacht wurden.“

Fanartikel in schwarz-rot-gold auf die Bühne zu bringen, traut sich die Regie erst gegen Ende. (Quelle: Staatstheater Hannover)
Linke haben gelernt: Alles, aber auch wirklich alles ist politisch – außer natürlich die extremistischen Tattoos von Migranten. Das Engagement für die Grauen Wölfe scheint sich in ihrer Weltsicht kaum von der Mitgliedschaft im Angelverein zu unterscheiden. Die Bundesregierung investiert unsere Steuergelder, um Islamismus salonfähig zu machen.
Und macht dabei auch vor der Jugend nicht halt: Begleitendes Lehrmaterial lässt sich auf der Website herunterladen. Darin finden sich keine Hintergrundinformationen über die Grauen Wölfe, dafür aber die wichtigsten Sätze aus dem Stück, darunter auch Özil-Klassiker wie: „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen – und ein Immigrant, wenn wir verlieren.“ So erlangt auch der Nachwuchs das intellektuelle Rüstzeug zum Profi-Jammern.
Das Sommermärchen gab es gar nicht
Die Schauspieler wirken mit der Zeit selbst gelangweilt von den drögen Monologen, mit denen sie die Biografien der Nationalspieler abarbeiten müssen, und verhaspeln sich immer wieder. Um ihre künstlerische Raffinesse und motorische Ausdrucksfähigkeit steht es nicht viel besser. Nervosität etwa verkörpern sie durch angestrengtes Stirnrunzeln und Knie-Wippen. Ihr Körperhaltung erinnert nicht ansatzweise an die Eleganz eines Franz Beckenbauer.
Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Markt und Staat: Im Fußball wird der Beste für seine Leistung prämiert. Im Staatstheater wird der Ideologe für sein Bekenntnis subventioniert.

Allein auf weiter Flur. (Quelle: Staatstheater Hannover)
Hat sich das Publikum zum Ende des Stücks trotz all der Moral noch einen Funken Fußball-Euphorie erhalten, dann wird dieser auf den letzten Metern zum Erlöschen gebracht: Das Sommermärchen von 2006 gab es nicht – alles nur eine inszenierte Medienkampagne des Bertelsmann-Konzerns – und auch das Wunder von Bern war gar kein Wunder, sondern nur ein Film von Sönke Wortmann. „Woher kommt diese Sehnsucht nach Nationalmythen?“, klingt es klagend von der Bühne.
Geklärt werden kann die Frage an diesem Abend nicht mehr. Vielleicht am Freitag. Da läuft das Stück noch einmal. Mit türkischen Übertiteln. Hinterher kann man im Hof des Theaters das EM-Eröffnungsspiel sehen, Deutschland – Schottland. Wenn man denn dann noch Lust auf Fußball hat.
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