Friedrich Merz ist ein Kanzler der Posen
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Friedrich Merz lebt in seiner eigenen Welt. In ihr ist er ein Weltpolitiker auf Friedensmission, ein verlässlicher Kanzler, ein geachteter Staatsmann. Leider hat diese schöne neue Merz-Welt so viele Risse, dass sie in sich zusammenfällt, sobald Merz redet. Das merken alle – nur Merz nicht.
Er hält mal pampig, mal sentimental an der Erzählung von der eigenen Größe fest. Das ist einerseits komisch, andererseits peinlich. Deutschland wird von einem Mann regiert, der weder zu sich noch zur Wirklichkeit ein realistisches Verhältnis hat. Ihm geht nichts über sich selbst; er aber ist unendlich viele. Merz ist der Kanzler, vor dem Merz immer gewarnt hat.
Die aktuelle Folge „Kissler Kompakt“ sehen Sie hier:
Merz tut Merz-Dinge
Viele Szenen belegen, dass Merz immer wieder an sich scheitert, zum Nachteil der Republik. Greifen wir drei heraus. Da wäre erstens der Streit um die Rente. Die Rentenfinanzierung wurde überhaupt erst zum koalitions-bedrohenden Streit, weil Merz die Dinge treiben ließ, weil er die Lage nicht richtig einschätzte und weil er sich drehte wie ein Kreisel in Kinderhand. Mit einem Wort: weil Merz eben Merz-Dinge tat.
Falsche Diagnosen führen ihn zu falschen Positionen, die er geräuschvoll abräumt und durch ihr Gegenteil ersetzt. Es ist die Lautstärke bei wechselnden Inhalten, an der man Merz erkennt. Es ist der Brustton der abgelegten Überzeugung.
Kreisel in sozialdemokratischer Hand
Im Oktober unterstützte Merz die jungen Unions-Abgeordneten. Nur bis zum Jahr 2031 gelte die Verabredung zum Rentenniveau. Dann sehe man weiter. Im November wechselte Merz die Seiten und schloss sich der SPD-Vorsitzenden Bärbel Bas an.
Nun will auch er über das Jahr 2031 hinaus die sogenannte Haltelinie verlängern. Die Dämpfung des Rentenanstiegs, auf die die jungen Abgeordneten pochen, wäre dann perdu. Merz, ein Kreisel in sozialdemokratischer Hand?
Die zweite Szene: Merz, der Weltpolitiker. In keiner Rolle gefällt sich der Kanzler besser, obwohl Deutschlands Einfluss sinkt und Europa oft am Katzentisch der Mächte sitzt. Auch da aber fährt sich Merz selbst in die Parade. Mehrfach behauptet er, einen eigenen Vorschlag zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine ausgearbeitet zu haben.
„Ich habe einen Vorschlag gemacht“: Das klingt beeindruckend – aber es klingt nur so. Merz tut auch hier Merz-Dinge. Er beharrt auf seiner eigenen Realität. Und bleibt dabei.
„Mein Vorschlag“. Doch gab es diesen eigenständigen Merz-Vorschlag überhaupt? Nein – heißt es zumindest „nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen“. So berichtet es die Süddeutsche Zeitung. Und weiter in der SZ: Es handele sich „nicht um einen persönlichen Vorschlag von Bundeskanzler Merz“, nicht um einen „separaten Vorschlag“ und nicht um einen „Vorschlag, den der Bundeskanzler dem amerikanischen Präsidenten unterbreitet hat.“
Njet, njet, njet: Donnernder können deutsche Regierungskreise einen Kanzler nicht der Großspurigkeit überführen. Merz plaudert gerne Dampf.
Merz kettet sich an Weimer
Und drittens: Der Merz-Vertraute Wolfram Weimer steht im Zentrum eines Skandals. Weimers Firma veranstaltet Tagungen als Vernetzungstreffen von Politik und Wirtschaft. Die GmbH, an der Weimer bis vor kurzem 50 Prozent hielt, wirbt mit der Teilnahme von Kabinettskollegen und verspricht für teures Geld „Einfluss auf politische Entscheidungsträger“. Es gibt Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft.
Und was sagt Merz?
Alle Vorwürfe ausgeräumt? Das stimmt nicht. Merz sagt die Unwahrheit. Er flieht in die Pose der Entschiedenheit, weil er das Entscheidende nicht beherrscht: die Kunst, das Wahre vom Falschen und das Unwichtige vom Wichtigen zu trennen. Merz ist nur in seiner eigenen Welt ein guter Kanzler.
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Alexander Kissler
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