Anti-Amerikanismus, Doppelmoral, Unwissen: Liebe Politiker, haltet euch aus dem Fußball raus, ihr blamiert euch nur!
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Nike wird neuer Sponsor der deutschen Fußballnationalmannschaft. Das Sponsoring konnte mit 100 Millionen Euro pro Jahr erkauft werden, die ausgelöste Empörung war unbezahlbar.
Beginnen wir mit einer kleinen Sammlung der amüsantesten Reaktionen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach twitterte empört: „Adidas soll nicht mehr Nationaltrikot im Fußball sein? Stattdessen ein US-Unternehmen? Halte ich für eine Fehlentscheidung, wo Kommerz eine Tradition und ein Stück Heimat vernichtet.“ Hessens CDU-Ministerpräsident Boris Rhein schäumte: „Der Weltmeister trägt Adidas und nicht irgendeine amerikanische Fantasiemarke.“ CDU-Chef Friedrich Merz empfand die Entscheidung als „unpatriotisch“, nach Jahrzehnten aus „rein ökonomischen Gründen“ den Ausrüster zu wechseln, wäre „völlig unverständlich.“

Hat auch zum Thema Sport-Sponsoring eine einschlägige Meinung: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Hier kürzlich beim Torschießen im Berliner Olympiapark.
Auch der Kurzzeit-Generalsekretär der CDU und Langzeit-Wahlkämpfer der Grünen, Ruprecht Polenz, fragte empört: „Hat Tradition noch einen Wert oder zählt nur das Geld #DFB? #Nike hat in einem Ausschreibungsverfahren mehr geboten. Letztlich zählt auf dem Platz. Trotzdem finde ich die DFB-Entscheidung schade. Wie frühere Titel zeigen, kann man auch mit Adidas besser spielen als jetzt.“
Das Sahnehäubchen: Habecks Wunsch nach „Standortpatriotismus“
Als Sahnehäubchen auf der Empörungs-Torte äußerte sich Wirtschaftsminister Robert Habeck verärgert: „Ich kann mir das deutsche Trikot ohne die drei Streifen kaum vorstellen. Adidas und Schwarz-Rot-Gold gehörten für mich immer zusammen. Ein Stück deutscher Identität. Da hätte ich mir ein Stück mehr Standortpatriotismus gewünscht.“
Der Aufschrei ist so interessant wie ein Champions-League-Finale, denn er zeigt gleich fünferlei: die Schamlosigkeit deutscher Politiker, ihren Mangel an fußballerischem und wirtschaftlichem Sachverstand, ihre Freiheitsaversion, ihre Doppelmoral und ihre außenpolitische Blindheit.
Zuallererst tritt eine völlige Ahnungslosigkeit von Fußball zutage. Fußball ist ein Sport des stetigen Wandels der äußeren Bedingungen. Die Spieler ändern sich, die Trainer kommen und gehen, jede Saison gibt es neue Trikots, neue Stadien entstehen, das Regelwerk wandelt sich, selbst das Kernstück des Sports, der Ball, wird ständig neu erfunden. Die eigentliche Faszination des Fußballs, die Spannung, Tore in der letzten Minute, wunderschöne Spielzüge, grandiose Einzelaktionen, Siege kompletter Underdogs, Jahrhunderttore, das alles bleibt immer gleich.
Umso absurder also, dass drei dicke Striche auf dem Trikot, die in einen schlanken Strich umgewandelt werden, so eine Empörung auslösen. Ausgerechnet Nike soll das falsche Unternehmen sein? Der Sponsor des FC Barcelona, der besten Fußballmannschaft, die es je gab, und der Sponsor von Mario Götze, des letzten Finaltorschützen einer deutschen Mannschaft, soll nicht gut genug sein? Ein bisschen sehr hysterisch, unsere Fußballexperten des Bundestags.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD, Mitte), Vizekanzler Robert Habeck (links, Grüne) und Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt (SPD) zu Beginn einer Kabinettssitzung im Bundeskanzleramt. Auf dem Tisch: der offizielle Fußball für die UEFA EURO 2024, die in 100 Tagen in Deutschland beginnt.
Und siehe da, kaum ist der Wechsel zu Nike bekannt, gewinnt die deutsche Nationalmannschaft mit 2:0 gegen den Vize-Weltmeister Frankreich und das mit attraktivem Fußball, der phasenweise sogar an das wunderschöne Tiki-Taka des Nike-Barcelona erinnerte. Kann man als Zufall abtun, genauso wie den Fakt, dass Nike in der griechischen Mythologie für die Göttin des Sieges steht, aber die meisten echten Fußballfans sind abergläubisch und glauben nicht an Zufälle. Insofern könnte sich der Sponsorenwechsel nicht nur finanziell, sondern auch sportlich als voller Erfolg erweisen.
Ausgerechnet die Transformations-Träumer sind jetzt aus der Fassung gebracht?
Bei dem Wunsch nach Patriotismus hätten sich die Berliner Herrschaften kein schlechteres Beispiel raussuchen können. Als wäre Adidas ein patriotisches Unternehmen. Es gehört zu über 70 Prozent ausländischen Investoren, produziert wird in der ganzen Welt. Das Unternehmen zahlt Real Madrid 120 Millionen Euro pro Jahr, dem FC Bayern München nur 60 Millionen Euro. Als Bayern Fan muss ich diesen fehlenden Lokalpatriotismus einmal anprangern. Jedenfalls hat Adidas mit Patriotismus so viel am Hut wie Ruprecht Polenz mit Konservatismus.
Und dass ausgerechnet Robert Habeck plötzlich wie ein Björn Höcke redet, ist an Ironie kaum zu überbieten. Ein Mann, der Vaterlandliebe stets zum Kotzen fand – das übrigens nicht ganz unsympathischerweise, weil die echte „deutsche“ Tradition die enorme regionale Vielfalt und damit einhergehend die Kleinstaaterei ist und nicht das künstliche Bismarcksche Riesengebilde – entdeckt bei einem schlichten Sponsorenwechsel den Patriotismus für sich. Ein Mann, der dem US-Konzern Intel 10 Milliarden Euro deutsche Steuergelder zuschiebt, hat etwas gegen einen US-Sponsor für die Nationalmannschaft?

Vizekanzler Robert Habeck (Grüne): Der Mann, der mit Deutschland laut eigenen Aussagen nicht allzu viel anfangen kann, entdeckt in der Trikotfrage plötzlich den Patriotismus für sich.
Männer wie Karl Lauterbach und Robert Habeck, die alle von der großen Transformation der Wirtschaft und dem Komplettumbau der Gesellschaft träumen, werden von einem Sponsorenwechsel so aus der Fassung gebracht? Dieselben Politiker, die von den Bürgern erwarten, radikalste und sinnloseste Veränderungen unterwürfig zu ertragen, verhalten sich wegen so einer Lappalie wie hysterische Kleinkinder, die sich weigern, ihren Schnuller aufzugeben? Ein Wunder, dass angesichts solcher Bundesminister nicht schon längst alle Satiriker arbeitslos sind.
Der Antiamerikanismus sitzt tief
Die abfällige Betonung der ökonomischen Gründe und der bösen US-Firma Nike, der „Fantasiemarke“, zeigt wieder einmal, wie tief der Antiamerikanismus und die Ablehnung echter Markwirtschaft in Deutschland verankert sind. Nike ist ein turbokapitalistisches US-Unternehmen, das in kurzer Zeit mit Innovationen und klugem Geschäftssinn den Platzhirsch Adidas verdrängte und zum Weltmarktführer aufstieg. Ein solches Unternehmen ist natürlich ein Fremdkörper in der staatsgläubigen Welt deutscher Politiker. Unternehmerischer Erfolg ganz ohne staatliche Subventionen wird dort als Beleidigung empfunden, als Infragestellung der eigenen göttlichen Lenkungswirkung. Dann auch noch eine Firma aus den USA, das ist doch eine Majestätsbeleidigung und Wettbewerbsverzerrung, dass es Länder mit weniger Bürokratie und Steuerlastlast sowie mehr Markt als Deutschland geben darf. Nein, das darf nicht sein.
Die tief verwurzelte Skepsis gegenüber den Vereinigten Staaten lässt die sonst so großen Kämpfer gegen Rechts und Erinnerungs-Weltmeister dann doch lieber ein Unternehmen in den Himmel loben, dessen Gründer im Mai 1933 in die NSDAP eintrat. Auch das ist eine Pointe der Empörungswelle. Die parteiübergreifende, platte Kritik an den bösen ökonomischen Motiven zeigt als Bonus, in welch realitätsferner Welt die Parteikarrieristen leben. Für sie mag es unvorstellbar sein, aber nicht jeder kann beliebig Geld drucken und Sondervermögen beschließen, manche müssen auch ganz real Geld beschaffen.
Und da sind 50 Millionen Euro mehr pro Jahr ein Angebot, das kein kluger Unternehmer ausschlagen kann. Und ja, liebe Politiker, 50 Millionen Euro sind sehr viel Geld, auch wenn ihr solche Summen regelmäßig in Sekundenschnelle verprasst.

Nike – die US-Marke ist neuer Sponsor der deutschen Nationalmannschaft.
Gegenüber dem chinesischen Daten-Drachen bleiben die Emotionen aus
Das falsche Verständnis von Fußball, der altbekannte Antiamerikanismus und die Patriotismus-Doppelmoral sind ja noch irgendwie lustig. Weniger lustig ist es, dass die fast zeitgleich verkündete Partnerschaft mit TikTok so gut wie keine Kritik, keine Empörung hervorrief. Gegenüber des chinesischen Daten-Drachens sind deutsche Politiker emotionslos. Schwer zu sagen, woran das genau liegt, vielleicht ja daran, dass man glaubt, sich mit Kapitalismus- und USA-Kritik besser beim Wähler einschleimen zu können als mit Kritik an einem totalitären Staat und seinen Methoden. Nicht, dass die Wähler am Ende noch zu antitotalitär werden und aufhören, die eigene Partei zu wählen.
Aus Wählersicht ist es großartig, wie der Unterhaltungskönig Fußball, ohne dass auch nur ein Ball rollen müsste, Politiker sich selbst vorführen lässt. Jeder Berater sollte Politikern allerdings nahelegen, sich nicht mehr zu Fußball zu äußern, weil das nur in der Blamage endet. Irgendwer muss diesen Leuten auch mal beibringen, dass sie sich doch bitte einfach raushalten sollen.
Ich möchte einen bescheidenen Anfang machen: Liebe Politiker, Fußball ist nicht eure Baustelle, ihr seid nicht zuständig, es geht euch nichts an, schweigt einfach, schaut still zu und lasst eure Allmachtsfantasien ausnahmsweise stecken.
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