Das Gefährlichste im Freibad waren früher die Wespen
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In der Rückschau verklären sich ja viele Dinge, aber in diesem Fall bin ich mir sehr sicher: In meiner Jugend war das gefährlichste beim Freibadbesuch die Invasion der Wespen, wenn zu viel Mayo auf der Pommes war oder das Eis die gestachelten Aggro-Bienen angestachelt hat. Und das ist jetzt knapp 20 Jahre her.
Im Sommer 2024 sind 2,5 Millionen Euro Steuergeld notwendig, um ein aufwendiges und leider notwendiges Sicherheitskonzept für die Freibäder in unserer Hauptstadt zu ermöglichen: Die Zäune werden mit Stacheldraht verstärkt, am Eingang gibt es Ausweiskontrollen („Zutritt nur noch gegen Vorlage eines amtlichen Lichtbildausweises“), große Teile werden videoüberwacht, bis zu 20 Security-Mitarbeiter gleichzeitig sollen für Frieden am Beckenrand sorgen.
Der Gipfel der Hilflosigkeit ist aber eine App, die in zwei Berliner Freibädern seit dieser Woche getestet wird: „Damit können Besucher mit einem einzelnen Knopfdruck die Sicherheitskräfte sowie Bekannte oder die Familie benachrichtigen und um Unterstützung bitten“, wird die App auf der Homepage der Stadt Berlin freudig angekündigt. Mehr dazu hier.
Falls Sie das während der letzten zwei Absätze vergessen haben: Es geht um Freibäder in Berlin. Nicht um den Zugang zum Flughafen von Mogadischu.

Früher Sehnsuchtsort an heißen Sommertagen: Freibäder.
„Wir können nicht mehr“
Das Sommerbad in Neukölln ist besser geschützt als die grüne Grenze nach Polen. Und das hat natürlich einen Grund: 2023 gab es 310 Straftaten in Berliner Freibädern, 87 davon waren Gewaltdelikte – also Sexualdelikte, Raub oder Körperverletzungen. Massen-Tumulte und Konfrontationen sorgten dafür, dass die Polizei die Bäder mehrfach räumen mussten.
„Wir haben um Hilfe gebeten, es wird viel geredet, aber es passiert nichts. Wir können nicht mehr“, schrieb ein Bademeister im Anschluss an die Tumulte in einem Brandbrief an die Berliner Bäderbetriebe. Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister (BDS), nannte das Kind beim Namen: „In einigen Freibädern, in Gebieten, in denen der Migrationshintergrund überproportional gestiegen ist, kommt es seit 10 Jahren immer häufiger zu Übergriffen.“ Für Deutschlands obersten Bademeister ist ein Hauptgrund für die Gewaltexplosion, dass „verschiedene kulturelle Schichten vertreten sind, darunter viele junge Herren mit Migrationshintergrund.“ Harzheim spricht von „Männlichkeitsbildern“, die aufeinander prallen, von „Machos, die zugewandert sind“.

Immer wieder kommt es zu Schlägereien zwischen jungen migrantischen Männern.
Freibäder sind Orte der Freiheit und der Freizügigkeit
Bademeister waren für mich immer Respektpersonen. Wenn der Mann mit den Adiletten gebrüllt hat, war Ruhe im Karton. Klar, wenn er nicht geguckt hat, sind wir vom Beckenrand gesprungen. Das war das größte Risiko früher: einen Anpfiff vom Bademeister bekommen und eine Stunde Beckenverbot kassieren, weil man gegen die Regeln verstoßen hat. Heute ist die größte Angst der Bademeister nicht mehr, im falschen Moment weggeguckt zu haben, wenn ein Kind mit dem Wasser kämpft – sondern einem Gast zu begegnen, der nicht vor körperlicher Gewalt zurückschreckt, wenn er auf die Regeln hingewiesen wird.
Mich betrübt das wirklich. Freibäder sind Orte der Freiheit und der Freizügigkeit. Niemand sollte Angst haben, in ein Freibad zu gehen. Weder Bademeister noch Gäste.
Und jetzt ist unsere Hauptstadt so verzweifelt, dass sie weiß: Wir können für eure Sicherheit nicht mehr garantieren. Bitte installiert euch eine App, damit schnell Hilfe kommt, wenn es brenzlig wird. Ich hatte immer gedacht, im Notfall wähle ich 110, damit die Polizei mir hilft. Aber auch das scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein in Berlin.

Das deutsche Freibad: ein Ort der Freiheit und der Freizeit.
Per Knopfdruck schnell mal 50 Cousins rufen?
Die Freibad-App soll „Sicherheitskräfte, Bekannte oder die Familie“ informieren. Man muss das einmal bis zum Ende denken: Ein Teenager liegt auf seinem Handtuch, wird angegangen oder belästigt – und soll dann mit seinem Smartphone die Familie zur Hilfe rufen, weil der Staat die Sicherheit im Freibad nicht mehr garantieren kann?! Und ist den Machern der App eigentlich bewusst, dass das Ganze auch andersherum funktioniert: Stellen Sie sich mal vor, es gibt wieder Massen-Tumulte – und per Knopfdruck können noch mal 50 Cousins dazu gerufen werden, um dem Anliegen ein bisschen mehr Nachdruck zu verleihen …
Ein Freibad ist der All-In-Urlaub der normalen Familie. Das Deutschland meiner Jugend (wie gesagt: 20 Jahre her) ist auch deshalb ein so großartiges Land gewesen, weil wir uns sorglos im Freibad getroffen und ein Swimmingpool im Garten purer Luxus war – und keine notwendige Bedingung, um sich risikofrei abkühlen zu können.
Sechs Wochen Schulferien bei herrlichem Wetter bedeuteten früher den perfekten Freibad-Sommer mit Freunden. Heute liegt ein Schatten über diesem eigentlich selbstverständlichen Sonnenschein.
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