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Kommentar

Das Herz! Jürgen Mladek, Deutschlands mutigster Chefredakteur während der Corona-Pandemie, ist tot

Jürgen und ich haben ein paar mal überlegt, wer am Ende wohl wessen Nachruf schreiben muss. Insgeheim dachte ich immer: Oh Mann, hoffentlich muss ich nicht seinen schreiben. Denn die Messlatte liegt hoch. 

Prominente, Kollegen, ein Gefängnispfarrer, unser Freund Louis-Ferdinand: Wer auch immer gestorben ist, Jürgen schrieb den Text, der alle zum Heulen brachte. Selbst für Menschen, die er nicht besonders mochte, fand er Worte, die so klug und warmherzig waren, dass sie gleichzeitig zu Tränen rühren und trösten konnten. Bei aller Schlagfertigkeit und Streitlust, bei aller Verachtung, die er für Heuchler, Schnösel und Poser hegte, war Jürgen jemand, der jeden Menschen, jeden Grashalm, jeden Dackel für seine Lebensleistung respektierte. Auch seine Feinde. Niemals hätte er nachgetreten.

Dann kam Corona. Und Jürgen lief zu Höchstform auf.

Als ich ihm zum ersten Mal bei der BZ im Springer-Verlag begegnete, kündigte Jürgen in der 9-Uhr-Konferenz eine Geschichte über Entenküken an, die er auf dem Weg in die Redaktion gesehen hatte. „Dafür brauch' ich ne Doppelseite“, sagte er. Kurz darauf durfte ich als Praktikantin meine erste Reportage für die BZ schreiben, über den Enkel von Heinrich Mann, der in Berlin-Schöneberg ein Nackt-Yoga-Institut führte. Jürgen, damals Chefreporter, sollte redigieren. Er setzte sich an meinen Platz, las kein einziges Wort und löschte den gesamten Text. Ich war empört. Der Cursor blinkte im leeren Dokument.

Jürgen zog an der Marlboro, die man 1999 einfach so im Großraum rauchen durfte. Dann tippte er den ersten Satz: „Der Mann riecht wie ein Rosengarten.“ Er schrieb die ganze Reportage neu. Ein paar Stichworte von der Seite reichten ihm für 120 Zeilen astreine Boulevard-Prosa, die er in wenigen Minuten runterrotzte. Am Ende hämmerte er meinen Namen in die Autorenzeile. Asche rieselte in die Tastatur. So fing alles an.

Jürgen Mladek wurde nur 56 Jahre alt. Er brannte für seinen Beruf.
Jürgen Mladek wurde nur 56 Jahre alt. Er brannte für seinen Beruf.

Wir wurden beste Freunde. Mit keinem Menschen habe ich so viel geredet wie mit Jürgen Mladek. Niemand hat mich so oft angerufen. Bei niemandem sonst bin ich in jeder Lebenslage ans Handy gegangen. Wir stromerten durch Berlin, später durch Neubrandenburg. Jürgen liebte Kugeleis. Seine Freundinnen hassten mich. Bei der BZ überlebten wir vier Chefredakteure, danach arbeiteten wir in Redaktionen jenseits von Springer. Er als berüchtigter Chef-Journalist, ich als wilde Freie im Schlepptau. 2019 holte er mich zum Nordkurier. Dann kam Corona. Und Jürgen lief zu Höchstform auf.

Einfach glauben, was alle wiederkäuen? Niemals. Wenn Jürgen irgendetwas hasste, dann Denkverbote. Genauso schlimm: Schreibtisch-Journalismus. Ob Entenküken, Schützengraben oder Querdenken-Demos, man muss vor Ort gewesen sein, um gewissenhaft über etwas schreiben zu können. Sind da wirklich nur Rechte und Verschwörungstheoretiker? KEINE AHNUNG, FAHR HIN. Ist Michael Ballweg echt Reichsbürger? KEINE AHNUNG, REDE MAL MIT DEM. Die Lockdowns sollen gegen das Grundgesetz verstoßen. KANN SEIN, SCHREIB'S AUF. Und wenn die Impfung mehr schadet als nützt? DANN SCHREIBEN WIR ES AUCH AUF! HERRGOTT, SAKRAMENT! Opportunismus und Erziehungsjournalismus unserer Berufskollegen waren Journalist Mladek zutiefst zuwider. Weil er Leser und User, weil er die Menschen ernstnahm.

„Wir lassen uns nicht einschüchtern“

Vielen hat das nicht gefallen. Der Hass, der uns entgegenschlug, als wir ab April 2020 einfach unsere Arbeit machten, war atemberaubend. Der kleine Nordkurier mitten im Shitstorm auf Twitter. Linke Wichtigtuer, die uns beim Presserat anzeigten. Haltungsjournalisten, die über uns herzogen. Pressesprecher, die in angeekeltem Ton mit uns redeten. Sogar Anonymous nahm den Nordkurier ins Visier.

Jede Geschichte löste neues Ungemach aus, auch Teile der Redaktion wehrten sich gegen die Linie, die Mladek und sein Stellvertreter Gabriel Kords in Sachen Corona fuhren. Ein Kraftakt für die Chefredaktion. Auch, wenn ihm häufig das Gegenteil unterstellt wurde: Jürgen Mladek nahm Kritik nicht auf die leichte Schulter. Weder interne noch externe. Jede einzelne Geschichte, jede Überschrift, jedes Interview sah er sich vor der Veröffentlichung an. Ständig feilschten wir um Worte. Egal, wie spät es war, egal, wie kaputt er war. Keine Ahnung, wie oft Jürgen während Corona abends in meinem Garten aufkreuzte. Oft. „Wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagte er. „Wir machen weiter.“ Asche rieselte auf den Rasen.

Jürgens Kommentar „Cancel-Wünsche auf Twitter: Der Nordkurier erscheint weiter ohne Haltungs-Disclaimer“ wurde am 31. Januar 2021 veröffentlicht und tausende Male geteilt. Die Mladeksche Dreistigkeit, nicht vor ihnen einzuknicken, brachte die linke Hass-Bubble endgültig auf die Palme. Parallel wurde die Redaktion mit Leser-Mails geflutet, die Mladek als Helden feierten. Denn diejenigen, die sich heute als Aufklärer der Pandemie verstehen, waren damals noch lange nicht am Start. Jürgen war der einzige Mainstream-Chefredakteur, der in der ersten Hälfte der Pandemie den Mut hatte, den Corona-Apparat und herrschende Narrative laut und deutlich zu hinterfragen. Weil er ein wahrer Journalist und großartiger Mensch war.

Am Mittwoch ist Mladek im Alter von 56 Jahren verstorben. Lieber Jürgen, es ist unendlich traurig, dass du nicht mehr da bist. 

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