Der entgleiste Abkanzler: Was seine Sprache über den Charakter von Friedrich Merz sagt
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Nicht zum ersten Mal haut Friedrich Merz von oben herab einen Spruch raus, den er lieber für sich behalten hätte. Das sagt einiges über die Persönlichkeit des Kanzlers aus, der sein Gefühl, nicht verstanden zu werden, mit oberlehrerhafter Rhetorik übertüncht.
Was hat Friedrich Merz da nur wieder geritten? Mit markigen Sprüchen hat er sich ja schon des Öfteren in vermintes Gelände begeben, aber die entsprangen meist spontan – diese Worte jedoch, gesprochen vor dem Handelskongress Deutschland, standen so im Redemanuskript:
„Meine Damen und Herren, wir leben in einem der schönsten Länder der Welt. Und ich hab’ einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben. Die war’n alle froh, dass wir – vor allen Dingen aus diesem Ort, wo wir da waren – wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind in der Nacht von Freitag auf Samstag.“
Ist Brasilien ein shithole country?
In Form und Inhalt lässt einen diese Passage fassungslos zurück, vom Duz-Plural („wer von euch …“) bis zum schnoddrigen „froh, dass wir nach Deutschland zurückgekehrt sind“. Man kann Deutschland auch für ein sehr schönes Land halten, ohne die Gastgeber des Klimagipfels in Belém und im Grunde ganz Brasilien zu beleidigen. Davon abgesehen, dass mitunter 300 Sonnentage im Jahr, über 8.000 Kilometer Küste mit einigen der schönsten Strände der Welt, Naturvielfalt mit Regenwald und Wasserfällen, Samba, Tanz, Strandkultur, Caipirinha auf der Straße, Karneval und Fußball sowie ein entspannter Lebensrhythmus auch etwas für sich haben sollen.
Merz aber kanzelt das Land nach seinem Kurzbesuch ab, um Deutschland aufzuwerten. Derart verächtlich von „diesem Ort, wo wir da waren“, zu sprechen, steht einem Bundeskanzler nicht gut zu Gesicht. Merz erinnert hier an den alten Witz, in dem ein Mann nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub von den Kollegen gefragt wird, wie es denn in Brasilien so war. Und er sagt: „Ach, ich hatte den Eindruck, da gibt’s nur Fußballspieler und Nutten.“ Sagt sein Chef: „Sie wissen schon, dass meine Frau Brasilianerin ist?“ Und der Mann stottert: „Oh …, äh… bei welchem Verein spielt sie denn?“
Wir sind Zeugen eines weiteren Versuchs von Friedrich Merz geworden, „Klartext“ zu sprechen, um eine Volksnähe zu demonstrieren, welcher er schlicht und einfach vollständig entbehrt. Möglicherweise auf das Risiko hin, diplomatische Verstimmungen auszulösen. Öffentlich kundzutun, samt seiner Presse-Entourage Erleichterung darüber zu empfinden, aus einem vermeintlichen shithole country rasch wieder raus zu sein, dürfte bei den Brasilianern nicht wirklich gut ankommen.

Merz bei der Klimakonferenz in Belem: Stippvisite für eine kurze Rede.
Merz spürt, dass er immer noch nicht geliebt wird
Zumal die Aussage überhaupt nicht in den Kontext („Den Handel stärken“) passte, Merz sich also gewissermaßen ohne Not auf das dünne Eis begab. Der herablassende Ton passt allerdings zum Auftreten des Kanzlers, nicht erst seit heute, aber doch gefühlt verstärkt, seit er Regierungschef ist und immer noch nicht geliebt wird – und das auch spürt.
Hier zeigt sich eine Ähnlichkeit mit der TV-Serienfigur Bernd Stromberg, Abteilungsleiter eines Versicherungskonzerns, wobei wir nicht von der Physiognomie sprechen, sondern von der Art des Auftretens. Stromberg ist Chef auf der untersten Führungsebene und lässt das die Belegschaft trotz des gelegentlich von ihm angeschlagenen kumpelhafte Tons spüren. Er hat in seiner Abteilung das Sagen, wird aber nicht wirklich respektiert.
Im Fall Friedrich Merz beschleicht einen das Gefühl, dass er sich trotz aller zur Schau getragenen Entschlossenheit auch nicht sicher ist, ob seine Worte echte Zustimmung auslösen. Immer scheint da eine Angst vorhanden, jetzt zwar den ihm zustehenden Posten errungen zu haben, endlich dort zu sein, wo er immer hinwollte, sich seiner Gefolgschaft jedoch nicht sicher sein kann. Er spricht, als wäre Deutschland ein börsennotierter Konzern und er der Aufsichtsratsvorsitzende, der gerade feststellt, dass der Pöbel wieder mal die Dividende gefährdet.
So hölzern wie Pinocchio
Die von ihm gern bemühten Sätze „Ich will das jetzt mal ganz deutlich machen“, „Das ist doch ganz einfach“ und „Das muss man doch nur einmal klar sagen“ bedeuten in Wahrheit: „Sie Trottel haben es immer noch nicht verstanden“. Sein Überlegenheitsgefühl bestimmt den Tonfall, die zahlreichen Modalpartikel – das ständige „ja eben“, „doch eben“, „natürlich“ – wirken herablassend. Er, Friedrich Merz, weiß, wie der Hase läuft („Wir müssen endlich verstehen, dass …“, „Man muss einfach mal akzeptieren, dass …“), und das lässt er andere oberlehrerhaft spüren.
Merz spricht nicht mit den Menschen, er doziert vor ihnen – und zwar aus einer Position, die er für intellektuell und moralisch überlegen hält. Deshalb fühlen sich selbst gestandene Journalisten, Ministerpräsidenten und Wirtschaftsbosse nach fünf Minuten Merz wie 16-Jährige, die beim Rauchen auf dem Schulklo erwischt werden.

Mimik und Gestik lassen beim Kanzler jede Lockerheit vermissen.
Sympathisch oder nahbar kommt er so nicht rüber, denn die Leute merken, dass er die Volksnähe, die er mitunter vorzutäuschen versucht – anders als etwa Gerhard Schröder – nicht hat, auch wenn er sie gern besäße. Schließlich zählt sich Merz, wie er 2018 verriet, zum „gehobenen Mittelstand“. Aber egal, ob der Volkstribun spielen oder sich locker geben will: Er wirkt meist so hölzern wie Carlo Collodis Pinocchio, die steife Körpersprache inklusive.
Von Freund und Feind durchschaut
„Merz kommt als Mensch in der Öffentlichkeit nicht gut rüber, in Debatten und Talkshows wirkt er trotz seiner rhetorischen Brillanz oft kalt und schneidend. Er kann im persönlichen Gespräch durchaus charmant und humorvoll sein, aber das Fernsehpublikum erlebt ihn so nicht“, schreiben Jutta Falke-Ischinger und Daniel Goffart in ihrer Merz-Biografie, die unerklärlicherweise den Titel „Der Unbeugsame“ trägt.
Die zuweilen pampige Art, Sprüche wie „Fragen Sie doch mal Ihre Töchter!“ rauszuhauen, übertüncht nur notdürftig Merz‘ spürbare Angst davor, dass seine Attitüde von Freund und Feind durchschaut wird, die Wirtschaftsbosse ihn nicht wirklich lieben, die Parteifreunde nur aus Berechnung keinen Widerspruch leisten. Dass auch die linke Politik, die er exekutiert, ihm nicht einen Funken Respekt im Juste Milieu einbringt. Dass ihn die Bürger einfach nicht als „Mann aus dem Volk“ wahrnehmen. Und dass die „kleinen Paschas“, der „Sozialtourismus“ und das „Stadtbild“ ewig an ihm kleben bleiben.
Aber da muss er jetzt durch, jetzt ist er der Boss. Auch wenn er immer öfter so wirkt, als mache ihm das gar nicht so viel Spaß, wie er sich das lange vorgestellt hat. „Die lachen dir hinter deinem Rücken kackfrech ins Gesicht“, meinte Stromberg einmal. Gut möglich, dass Merz das auch befürchtet.
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