Die Mimosenhaftigkeit der AfD ist dem grünen Kollektivgeist ebenbürtig: Wer regieren will, muss kritische Fragen ertragen
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Blendende Umfragewerte, die Unterstützung der US-Regierung, wieder mal eine unfähige Bundesregierung, vielversprechende Landtagswahlen – für die AfD könnte es kaum besser laufen. Umso unverständlicher ist die extreme Dünnhäutigkeit vieler Funktionäre und Anhänger bei berechtigter Kritik.
Tobias Rausch ist ein Landtagsabgeordneter mit drei Geschwistern, die alle bei einem Bundestagsabgeordneten arbeiten. Zusätzlich hat er einen Schwager, der bei einem anderen Bundestagsmitglied beschäftigt ist. Martin Reichhardt ist Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt mit zwei Familienmitgliedern, die für einen Bundestagsabgeordneten gearbeitet haben. Genau wie die Ehefrau seines Vize-Chefs Jan Wenzel Schmidt. Die Ehefrau von Markus Frohnmaier, Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, arbeitet im Bundestagsbüro von Johann Martel, der zufälligerweise aus dem gleichen Bundesland kommt.

Markus Frohnmaier will für die AfD in Baden-Württemberg Ministerpräsident werden.
Kinder, Verwandte, Ehegatten, Eltern, zahlreiche Beispiele sind vorhanden, die den Vorwurf der Vetternwirtschaft glaubwürdig erscheinen lassen. Da Paralleluniversen leider außerhalb unserer Reichweite liegen, werden wir nie erfahren, wie die AfD reagiert hätte, wären derartig viele Verwandtschaftsanstellungen bei einer anderen Partei publik geworden. Die Vermutung liegt aber nahe, dass die Empörung tendenziell im Maximalbereich unterwegs gewesen wäre.
Die drei Verteidigungslinien der AfD
Das fehlende Paralleluniversum ist jedoch nicht schlimm. Die real vorhandene Reaktion der AfD auf die Vorwürfe ist interessant genug. Drei Verteidigungslinien werden von Parteivertretern aufgebaut.
Die erste besteht aus der Flucht in die rechtliche Dimension. Man verstünde nicht, was die ganze Aufregung solle, schließlich hätten alle Mitarbeiter ganz normale, von der jeweiligen Institution genehmigte Arbeitsverträge und würden ihren Job erledigen wie außerfamiliäre Angestellte auch.
Dieser Versuch, den Filz-Skandal im Keim zu ersticken, ist ein fundamental unpolitischer Ansatz. Wie soll die dahinterstehende Idee denn aussehen? Politiker dürfen erst dann für ihre Handlungen kritisiert werden, wenn sie rechtskräftig verurteilt wurden? Annalena Baerbocks Lebenslauf-Schönfärberei war nicht illegal, Anne Spiegels „Bitte noch Gendern […] Ansonsten Freigabe“ war nicht rechtswidrig, Angela Merkel wird sich niemals vor einem Gericht verantworten müssen. Gleiches gilt für die Causa Patrick Graichen und fast jeden Ampel-Skandal. Über all diese Sachverhalte haben sich AfD-Politiker und Anhänger zurecht massiv empört. Der Verweis auf die Legalität einer Anstellung genügt schlicht nicht, um steuerzahlerfinanzierte Vetternwirtschaft weniger skandalös wirken zu lassen.

Annalena Baerbock ist von der AfD für vieles kritisiert worden - aber nie für etwas Rechtswidriges.
Die zweite Verteidigungslinie besteht aus der These, dass man Familienmitglieder aufgrund höherer Verlässlichkeit und Loyalität brauche. Man könne nicht riskieren, dass Verfassungsschutzmitarbeiter oder anderweitig üble Zwecke verfolgende Menschen sich Ämter erschleichen. Die AfD hat deutlich mehr als 50.000 Mitglieder. Ich nehme an, dass die meisten davon keine Verwandtschaftsverhältnisse mit Führungspolitikern haben und genügend aus dieser Gruppe über eine hinreichende Qualifikation für politische Ämter verfügen. Wie müssen die sich fühlen, wenn ihnen so tief misstraut wird, dass lieber die Schwägerin eingestellt wird? Sicher, in keiner anderen Partei ist die öffentlich sichtbare Mitarbeit so gefährlich wie in der AfD, keine andere Partei erlebt so viele körperliche Übergriffe und anderweitige Bedrohungen. Bei über 50.000 Mitgliedern muss es dennoch möglich sein, kein Familienunternehmen aus der Partei zu machen.
Mimosen wie die Grünen
Die dritte Verteidigungslinie ist die Übernahme der grünen Mimosenhaftigkeit. Wie könne sich über derlei Kleinigkeiten erregt werden, wenn es doch um das Schicksal des Landes, um die wirklich wichtigen Themen gehe. Hier kommt ein grüner Geist zum Vorschein, der Fehler von Individuen mit dem Verweis auf das größere Kollektivwohl übertünchen will. Während die eine Partei bei dem Katastrophenwahlkampf der Annalena Baerbock und der selbstdisqualifizierenden Bilanz des Robert Habeck die Bekämpfung des Klimawandels als übergeordnetes Ziel, das alle kleineren Fehler entschuldbar mache, angab, erfüllt bei der AfD halt die Wirtschafts- und Migrationspolitik den gleichen Zweck.
Ein Kollektivgeist, der zu einer Wagenburgmentalität führt, die keinerlei Kritik von außen mehr zulässt. Eine Nibelungentreue, die im gleichen Heulsusen-Vokabular endet, das von den Grünen bestens bekannt ist. Mediale Kritik an der eigenen Partei wird immer zu einer „Kampagne“ oder „Schmutzkampagne“ erklärt. Ulrich Siegmund redet von „Fake News“, empörte Mitglieder und Parteianhänger sehen in „Nius“ nun eine „Feindpresse“, weil berichtet wurde, was es zu berichten gab.
Wer ein Medium in der Erwartung liest, ausschließlich die eigene Weltsicht bestätigt zu bekommen, ist nicht auf der Suche nach Journalismus, sondern nach einem Ersatz für den sonntäglichen Kirchenbesuch früherer Tage. Wer jede Kritik an der eigenen Partei abschmettert, ist nicht mehr Mitglied einer politischen Bewegung, sondern einer politischen Sekte. Die Ähnlichkeit zwischen Grünen und AfD habe ich mir übrigens nicht bei ein paar Bier ausgedacht, sie existiert wirklich.
Studien wie von der Universität Leipzig, der FU Berlin oder der TU Dresden belegen alle, dass die Anhängerschaft keiner anderen Partei so stark affektiv polarisiert ist wie die Fans der Grünen und der AfD. Starke emotionale Abneigungen, extreme Sympathie für die Eigengruppe und eine „Wir gegen Die“-Mentalität sind das Ergebnis.

Auch im Bundestag ist die AfD beim Austeilen kein Kind von Traurigkeit.
Natürlich werden dann ständig Kampagnen gewittert, der eigene Korpsgeist kultiviert und die intellektuelle Abschottung gepflegt. Im Ergebnis führt das zu einer Mimosenhaftigkeit und zu einer Schneeflockenwerdung, die tendenziell unsympathisch ist. Bei den grünen Lagerfeuer-Politikern, die Deutschland in eine Yogastunde verwandeln möchten und die emotionale Resilienz einer Krabbelgruppe besitzen, ist das intuitiv verständlich. Bei den stolzen, selbsterklärten Patrioten und Kämpfern für das Vaterland ist das eher merkwürdig.
„Was schert es eine deutsche Eiche, wenn sich ein Wildschwein dran scheuert“, dieses selbstbewusste Strauß-Verständnis von nationalem Konservatismus ist doch attraktiver als die Übernahme grüner Denkmuster oder Hunderte Anzeigen einer Alice Weidel gegen deutsche Bürger, die sich ihr gegenüber deftig äußerten.
Die AfD hat hervorragende Umfragewerte, sie hat die Aussicht auf ihre ersten Regierungsbeteiligungen im Osten, sie hat Rückenwind aus den USA, die Umstände könnten kaum besser sein. Die Partei hat seit 13 Jahren den Luxus der Daueropposition, der zur eigenen Unfehlbarkeitserzählung beiträgt. Ihre einzige Aufgabe lautet: Den eigenen Laden im Griff haben. Sie scheint damit überfordert zu sein, was in der Filz-Affäre zu medialer Kritik in einem nicht außergewöhnlichen Rahmen führte. Ginge es um jede andere Partei, wäre die Kritik aus der AfD wesentlich dramatischer gewesen. Anstatt souverän mit den Vorwürfen umzugehen, wird sich mit grünen Denkmustern in die grüne Opferrolle geflüchtet. Das wirft die Frage auf: Wenn schon die Opposition überfordert, wie soll es dann erst in der Regierung werden?
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