Ein Drittel aller Kneipen haben dicht gemacht: „Auf ein Bier“ gibt es leider immer seltener
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Früher war die Kneipe ein Treffpunkt für jedermann zu jeder Zeit. Wir gingen „auf ein Bier“ – ohne festen Zeitplan, ohne Plan überhaupt. Wir kamen mit Menschen ins Gespräch, die wir vorher nicht kannten und auf der Straße auch nicht hätten kennenlernen wollen: Handwerker, Studenten, Rentner, egal. Wir quatschten über Politik, Fußball, Gott und die Welt. Die Kneipe war für viele wie ein zweites Wohnzimmer. Ein, zwei Stunden (manchmal ein paar mehr) Pause machen von den Problemen vor der Tür. Es war völlig normal, nach der Arbeit, nach dem Sport in der Kneipe von nebenan vorbeizuschauen.
Die Kneipe von nebenan – es gibt sie immer seltener. 2015 gab es noch 31.000 Kneipen in Deutschland. 2022 (das letzte statistisch erfasste Jahr) waren es nur noch rund 21.000, heute sind es geschätzt weniger als 20.000. In den vergangenen Jahren musste rund ein Drittel aller Kneipen dichtmachen. Als Gründe geben ehemalige Kneipenbetreiber vor allem gestiegene Bürokratie an, hohe Energie- und Warenkosten, Kostendruck sowie steigende Löhne und fehlendes Personal.
Auf der anderen Seite (auf der Seite der Gäste) empfinden gerade junge Leute die Preise als zu hoch. Ein Freund sagte mir: „Eine Flasche Bier, die ich im Supermarkt für 2,50 Euro kriege, kostet in einer Kneipe in meiner Nähe 5,50 Euro. Das ist ein viel zu hoher Aufschlag.“

„Auf ein Bier“ in der Kneipe wird immer seltener.
Viele junge Leute trinken keinen Alkohol mehr
Was nützt es da, dass der Bundesrat kurz vor Weihnachten die dauerhafte Reduzierung der Umsatzsteuer auf Speisen in der Gastronomie von 19 auf 7 Prozent genehmigt hat? Die Gastwirte können oder wollen diesen steuerlichen Vorteil nicht an ihre Kunden weitergeben. Die Folge: weiter massenhaftes Sterben von Kneipen und kleinen Restaurants. In Großbritannien, dem Mutterland der Pubs, schließen Lokale mit beispiellosem Tempo – fast täglich. Ein Grund ist dort wie überall der Wandel im Trinkverhalten – viele Millennials trinken überhaupt keinen Alkohol mehr. Was willst du dann in einer Kneipe?
Die Mehrwertsteuersenkung hilft Kneipenbetreibern nur begrenzt – weil sie nicht gezielt genug ist. So wird ein Konzern wie McDonald’s, der steigende Milliardengewinne erwirtschaftet, im gleichen Maße entlastet wie die strauchelnden Eckkneipen. Laut Schätzungen werde McDonald’s rund 140 Millionen Euro einsparen, die Fast-Food-Branche insgesamt eine halbe Milliarde Euro. „Für große Ketten ist die Steuersenkung ein Gewinnposten, für kleine Betriebe hingegen ein Tropfen auf den heißen Stein“, analysiert die Berliner Zeitung. „Wer kaum noch schwarze Zahlen schreibt, dem helfen auch weniger Steuern nur bedingt.“
Das Kneipensterben ist eine Tragödie, sagt mein gesunder Menschenverstand. Es geht etwas verloren, das sich nicht einfach ersetzen lässt. Die Kneipe ist mehr als nur ein Ort zum Trinken. Anders als im Café oder Restaurant hält man sich dort länger auf. Der berühmte „Stammtisch“ ist ein Ventil für Frust und Probleme jeder Art. Aber anders als in den sozialen Medien ist eine Kneipe nie anonym. Man bekommt Gegenwind, direkt und offen. Man muss lernen, damit umzugehen. Die Kneipe ist irgendwie auch eine Schule fürs Leben. Was du da sagst, kriegst du auch zurück. Die Kneipe ist ein analoger Raum, vielleicht einer der letzten, die wir kennen.
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