Früher wollten 12-Jährige nicht erwischt werden, wenn sie Mist gebaut haben – heute filmen sie ihre enthemmte Gewalt
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Es ist ein Video, das einen verstummen lässt – diese Brutalität macht fassungslos: Fünf Kinder aus Uetersen (Schleswig-Holstein) schlagen einen 12-Jährigen, quälen ihn – und filmen alles. Keiner der Schüler ist älter als zwölf.
In dem Video ist zu sehen, wie das Opfer – Bild gibt ihm den Namen Patrick – vor seinem Peiniger kniet, er hat laut Bild Tränen in den Augen, seine Haut ist von Schlägen gerötet. Der Täter fragt: „Hast du meine Mutter beleidigt?“ Unter Zwang bejaht der Junge, der andere schlägt ihm ins Gesicht … Ist das alles eine krasse Ausnahme, eine besonders brutale Form früher Kriminalität? Oder werden Schläger in unserem Land immer jünger?
Noch anders gefragt: Müssen wir jetzt Angst vor 12-Jährigen haben, sind 12-Jährige heute böser?

Der Täter schlägt den Jungen, als dieser am Boden hockt. (Screenshot: Bild-Video)
Anerkennung ist das Wichtigste
Natürlich gibt es keine allgemeingültige Antwort auf diese Frage. Zwölfjährige Kinder stecken in einem Universum der Gefühle. Sie entdecken sich gerade, wie Psychologen sagen. Sie versuchen herauszufinden, wer sie eigentlich sind. Jungen im Stimmbruch sprechen erst mit Piepsstimme, dann ganz tief. Zwölf ist das Alter des Zwiespalts: kein Kind mehr, aber noch kein Erwachsener. Das galt Jahrtausende. Aber wächst die Evolution schneller heute? Der Psychologe Sebastian Bartoschek sagt zu dem Überfall auf den 12-Jährigen in Bild: „Vielen Kindern fehlt inzwischen die Sensibilität. Durch solche Prügel-Videos bekommen die Schläger Anerkennung von Gleichaltrigen. Anerkennung ist das Wichtigste in dem Alter.“
An dieser Stelle muss ich mich zurückbeamen in die Zeit, als ich selbst 12 Jahre alt war, liebe Leser. Das ist schon eine Weile her, wie Sie meinem Foto unschwer entnehmen können. Es gab auch damals – Anfang der 50er Jahre – Jungs (über die kann ich am besten sprechen), die reifer waren als wir anderen. Sie waren größer, schwerer, ihre Stimme war tiefer. Es gab auch „Riesenbabys“, wie wir sie nannten. Aber gerade die waren so, wie sie aussahen: wie ein zu großer, tapsiger Bär. Gefährlich waren die anderen – klein, drahtig, Pickel im Gesicht. Es waren die Schläger, die Streit suchten. Und die sich dann im Beifall sonnten, wenn sie gewonnen hatten (wenn ich das so nennen darf). Aber die 12-Jährigen damals bewegten sich in ihrer, unserer eigenen Welt. Da sollte kein Erwachsener reingucken können. Natürlich gab es keine Videokameras oder Smartphones.

Aufwachsen ohne Smartphone? Heute unvorstellbar.
Heute heißt die Devise: Hast du alles drauf?
Aber ich behaupte mal: Was immer unter Kindern und Jugendlichen geschah – es geschah eben unter ihnen und nicht darüber hinaus. Und das ist heute anders, in der allgegenwärtigen Smartphone- und Videowelt.
Und nun zu der Frage: Wären solche brutalen Überfälle, wie der in Uetersen, in meiner Jugendzeit möglich gewesen? Sicherlich, die gab es bestimmt auch. Aber die Devise hieß: Jetzt aber schnell weg, bloß nicht erwischen lassen. Und nicht: Hast du alles drauf?
Wir leben in der Smartphone-Welt, die Menschen scheinbar größer macht oder auch kleiner, ein Opfer eben. Die Kinder haben sich nicht grundsätzlich verändert, glaube ich. Sie sind nicht per se böser geworden. Aber gewisse Hemmschwellen scheint es nicht mehr zu geben. Wie beim brutalen Überfall auf einen 12-Jährigen jetzt in Uetersen.
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