Hört auf mit den Nazi-Vergleichen: Wenn alles Hitler ist, ist irgendwann nichts mehr Hitler
Ein Beitrag von
Es gibt Sätze, die kann ich einfach nicht mehr hören, weil sie an Einfältigkeit und Geschichtsvergessenheit kaum noch zu übertreffen sind. Pünktlich zum Wochenende werden wir sie wieder im ganzen Land auf Plakaten und Bannern lesen. Wetten?
Beispiel 1: „AfD wählen ist so 1933“. Nein. Einfach nein. Es ist nicht 1933 und die AfD ist nicht die NSDAP. Zum ersten Teil des Satzes: 1933 war dieses Land eine junge, zerbrechliche Demokratie und mit akuten oder gerade durchgestandenen Problemen konfrontiert, die wir uns heute gar nicht vorstellen können. Ende des Kaiserreichs, Transformation zur Republik, Weltwirtschaftskrise, Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit, politische Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten, Verlierermacht im Ersten Weltkrieg – Deutschland 1933 war ganz am Boden.
Deutschland 2024 ist ganz oben. Wir leben in der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt, genießen die Vorzüge einer stabilen Demokratie. Wer Arbeit sucht, wird sie auch finden, wer krank ist, wird behandelt. Und auch wenn „Made in Germany“ gerade eine Delle erlebt und sich das Gefühl des absteigenden National-Astes breit macht: Der Großteil dieser Welt spricht mit Respekt und Ehrfurcht, nicht mit Angst oder Abscheu über Deutschland. Es ist also ganz sicher nicht 1933.

„AfD wählen ist so 1933“
Und die AfD ist auch nicht die NSDAP. Die NSDAP hat nie einen Hehl aus ihrer mörderisch-völkischen Ideologie gemacht, sie hat offen einen großen Krieg herbeigesehnt (und auch herbeigeführt), um im Sinne der Lebensraumtheorie im Osten des Kontinentes mehr Platz für das deutsche Volk zu haben. Die NSDAP hat in ihrem Rassenwahn mehr als 70 Millionen Menschen in den Tod gerissen, darunter 6 Millionen grausam ermordete Juden. Wer die AfD mit der NSDAP gleichstellt, verharmlost das Leid von Millionen Menschen. Der Holocaust war ein Zivilisationsbruch, der mit keiner Epoche unserer Geschichte vergleichbar ist – auch nicht mit der AfD.
Beispiel 2: „Jetzt können wir endlich herausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten.“ Nein. Einfach nein. Gemeint ist die Antwort auf die Frage: Warum warst du nicht gegen die Nazis, Opa? Warum hast du dich nicht geweigert, da mitzumachen? Wer ernsthaft glaubt, im Jahr 2024 in einem links-regierten Land bei Demonstrationen gegen Rechts für sich selbst die Frage zu klären, ob er 1933 in den Widerstand gegangen wäre, dem ist eigentlich gar nicht mehr zu helfen. Wer diese Frage ernsthaft klären möchte, soll mal in Moskau gegen Putin oder in Pjöngjang gegen Kim demonstrieren. Das würde ich respektieren.
Der SWR hat neulich ein Foto von Sophie Scholl mit ihrem Zitat gepostet: „Man darf nicht nur dagegen sein, man muss etwas tun.“ Diese Sehnsucht, Weiße Rose zu spielen in Momenten, in denen man keiner Gefahr ausgesetzt ist – Gänsehaut. Die Geschwister Scholl haben ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus gelassen. Sie gehören zu den mutigsten Deutschen des 20. Jahrhunderts. Im 21. Jahrhundert wird mit dem Segen der Regierung gegen die Opposition demonstriert – das ist so ziemlich die dämlichste Mutprobe, die ich mir vorstellen kann.

„Nie wieder“
„Nie wieder“ in Deutschland heißt: Nie wieder Faschismus und staatlich organisierter Massenmord. „Nie wieder“ heißt nicht: Mit historisch-unhaltbaren Vergleichen das NS-Grauen verwässern. Hitler war Hitler, das inkarnierte Böse. Die AfD mit seiner Bewegung gleichzusetzen, relativiert nur seine Taten.
Es mag 100 gute Gründe geben, nicht die AfD zu wählen. Es gibt wahrscheinlich genau so viele Gründe, gegen sie zu demonstrieren, das ist in unserem Land zum Glück jedem frei gestellt. Vergleicht die AfD von mir aus mit der Ukip, PiS, Fidesz, Fratelli d'Italia, FPÖ, Vox oder Reconquête – es gibt in ganz Europa ähnliche Phänomene. Aber nicht mit der Partei, die Auschwitz zu verantworten hat.
Wir leben nicht im Jahr 1933. Wir leben in einer nervösen Republik, die auf der sehnsüchtigen Suche nach der Mitte ist. Die Menschen möchten weder von Ideologen noch von Extremisten regiert werden, sondern einfach mit Vernunft.
Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, würde jeder 5. Deutsche die AfD wählen. Achtung: Die AfD. Und nicht Björn Höcke. Diese Menschen sind keine Neonazis und keine Rechtsextremisten, sondern vor allem frustriert. Frustriert von Politikern und Parteien, die Deutschland in den vergangenen 20 Jahren regiert haben. Diese Menschen haben es verdient, dass ihre Probleme endlich mal ernst genommen werden – und nicht ihre Wahlentscheidung mit der NSDAP gleichsetzt wird. Wenn alles Hitler ist, ist irgendwann nichts mehr Hitler.
Mehr NIUS: „Demos gegen rechts“: Die größte Holocaust-Relativierung in der Geschichte der Bundesrepublik
Mehr NIUS:
Die Badewanne stirbt aus, dabei brauchen wir sie dringender denn je
Der Staat will nicht, dass Sie diese Werbung sehen!
Merz in Mecklenburg-Vorpommern: Der Beifall war enden wollend
Der Deutsche Gewerkschaftsbund sägt an dem Ast, auf dem alle Arbeitnehmer sitzen
Ein schwarz-grünes Northvolt-Debakel: Wie aus 300 Millionen Euro nur noch 31 wurden
Die Umbenennung des Hindenburgdamms steht für Deutschlands ewigen Kampf gegen die eigene Geschichte
Die Akte „Lügenfritz“ – Politiker verbreiten Desinformation, aber die Bürger werden verurteilt
Thomas und Lisa Müller: Blick hinter die Fassade des Glücks
Mehr NIUS:
Der Deutsche Gewerkschaftsbund sägt an dem Ast, auf dem alle Arbeitnehmer sitzen
Ein schwarz-grünes Northvolt-Debakel: Wie aus 300 Millionen Euro nur noch 31 wurden
Die Umbenennung des Hindenburgdamms steht für Deutschlands ewigen Kampf gegen die eigene Geschichte
Die Akte „Lügenfritz“ – Politiker verbreiten Desinformation, aber die Bürger werden verurteilt
Thomas und Lisa Müller: Blick hinter die Fassade des Glücks
Frei ist nur das Ich!
Warum Julia Klöckner die schickste Frau im Bundestag ist
Merz sagt, in 30 Jahren wird alles besser – ich freu mich schon drauf
Willi Haentjes
Artikel teilen
Kommentare