Meinungsfreiheit statt orchestrierte Gegen-Rechts-Demos: Lasst die AfD sprechen, sie zerlegt sich selbst!
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Es ist eine Debatte, die die AfD seit ihrer Gründung verfolgt: Darf man die Vertreter der Partei zu Wort kommen lassen? Darf man mit ihnen Interviews führen, sie in Talkshows und Wahlduelle einladen? Gehört die Partei womöglich gar verboten?
Der Fall des AfD-Spitzenkandidaten für die Europawahl, Maximilian Krah, macht deutlich: Man sollte diese Partei so frei und so oft wie möglich reden lassen. Denn viele ihrer Vertreter entlarven sich selbst.
Am Mittwoch hat Krah angekündigt, den Bundesvorstand seiner Partei zu verlassen. Die Partei beschloss für ihn zudem ein Auftrittsverbot im Wahlkampf. Zuvor hatte die französische Partei Rassemblement National von Marine Le Pen verkündet, im Europäischen Parlament nicht mehr mit der AfD zusammenarbeiten zu wollen. Hintergrund für diese Entscheidung ist ein Interview, das Krah der italienischen Zeitung La Repubblica gegeben hatte. Darin hatte er gesagt, dass nicht jedes SS-Mitglied automatisch ein Verbrecher gewesen sei.

Auch die Parteispitze um Tino Chrupalla und Alice Weidel wendet sich nun von Krah ab.
Krahs Äußerung steht symptomatisch für seinen Blick auf die Welt. Gleiches gilt für die Worte, mit der er auf Twitter seinen Rücktritt einordnete: „Ich nehme zur Kenntnis, dass sachliche und differenzierte Aussagen von mir als Vorwand missbraucht werden, um unserer Partei zu schaden.“
Der Versuch einer pauschalen Entlastung der Deutschen von Schuld
Es lohnt ein genauer Blick auf diese angeblich differenzierten und sachlichen Aussagen.
Die Junge Freiheit druckte das Interview von La Repubblica im Wortlaut ab. Krah wird gefragt, ob die Deutschen stolz auf ihre Vorfahren sein sollen, auch wenn diese bei der SS waren. Hier hätte für Krah die Möglichkeit bestanden, sich von eindeutig rechtsextremem Gedankengut abzugrenzen. Er hätte etwa antworten können, dass die SS verantwortlich für den Betrieb von Vernichtungslagern war. Dass sie die industrielle Ermordung von sechs Millionen Juden orchestrierte. Dass sie das Instrument war, mit dessen Kraft es Adolf Hitler und der NSDAP gelang, eine Diktatur zu errichten und einen Krieg anzuzetteln, der nach Schätzungen mindestens 75 Millionen Menschen das Leben kostete.
Alles aber, was Krah auf die Frage einfällt, ist: Es komme darauf an, was die SS-Offiziere getan haben.
Die Zeitung hakt nach: Die SS-Leute waren Kriegsverbrecher. Krah entgegnet, man müsse die Fehler „individuell bewerten.“ Er verweist auf die Verwandten seiner Frau in Ungarn, die im Zweiten Weltkrieg vor der Wahl gestanden hätten, sich bei der ungarischen Armee oder bei der SS zu melden: „Hätten sie sich als Deutsche zur ungarischen Armee gemeldet, so wussten sie aus dem Ersten Weltkrieg, wäre das ein Todesurteil gewesen.“ Krah schließt mit den Worten: „Ich werde nie sagen, dass jeder, der eine SS-Uniform trug, automatisch ein Verbrecher war.“
Krah mag Recht haben damit, dass es in der SS auch Mitglieder gab, bei denen die individuelle Schuld sorgfältig bewertet werden muss. Selbst der Spiegel ließ 2014 den Autor Harald Stutte zu Wort kommen, der unter dem Titel „Hitlers Kindersoldaten“ schilderte, wie in den letzten Jahren des Krieges 15-Jährige eingezogen wurden.
Aber Krah spricht hier nicht einfach als Bürger, der Anekdoten seiner Vorfahren erzählt.
Er spricht als Spitzenkandidat einer Partei, die um das Vertrauen der Bürger in einer Wahl wirbt, bei der es um den europäischen Kontinent geht. Jedes Wort eines Politikers ist in einer solchen Situation eine Botschaft an die potenziellen Wähler. Mit seinen einseitigen und relativierenden Einlassungen zur SS fischt Krah gezielt in jenem rechtsextremen Rand, der die nationalsozialistische Organisation enttabuisieren möchte.
Und er versucht, jenen nicht unerheblichen Teil der Deutschen anzusprechen, der unter die Aufarbeitung deutscher Verbrechen am liebsten einen endgültigen Schlussstrich ziehen würde. All jene, die ebenfalls gerne Anekdoten von diesem einen Onkel zum Besten geben, der eigentlich ein rechtschaffener Mann war – bis auf diesen kleinen „Schönheitsfleck“ nationalsozialistischer Gesinnung. Genau diese Anekdoten aber sind es, die in Summe das Bewusstsein für die Schuld der Deutschen schwinden lassen.
Die Aussage von Krah wurde keineswegs, wie er behauptet, „als Vorwand missbraucht“. Vielmehr bezogen sich die Journalisten im Interview auf ein Tiktok-Video von Krah, in dem dieser gesagt hatte: „Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher“. Den Tiktok-Nutzern riet er, Uroma und Uropa zu fragen, wie sie in der Vergangenheit gekämpft und gelitten hätten. Was Krah als „sachlich und differenziert“ bezeichnet, ist in Wahrheit der Versuch einer pauschalen Entlastung der Deutschen von Schuld.
@maximilian_krah Max Krah #AfD: Sei stolz auf #Deutschland ♬ Originalton - Maximilian_Krah.AfD
Krah sieht sich, ähnlich wie sein Parteikollege Björn Höcke, in der Rolle eines intellektuellen Vordenkers für ein neues Nationalbewusstsein. Er gehört auch zu jenem Flügel innerhalb der AfD, dem der türkische Präsident Erdogan als Vorbild einer national orientierten Politik dient. Diese Kreise der Partei haben einerseits die in Deutschland lebenden Muslime als Zielgruppe für sich entdeckt, andererseits nehmen sie den Islam als eine letzte konservative Bastion gegen Wokeness und Trans-Ideologie wahr. So bezeichnete Krah die Machtübernahme der Taliban in Kabul 2021 als „einzig richtige Antwort auf den Pride Month“.

Sein Buch nannte Krah: „Politik von rechts. Ein Manifest.“
Die „tickende Zeitbombe“ Krah
Krahs Denken ist nicht freiheitlich, sondern autoritär, und damit im Kern antiwestlich. Dies offenbart sich in vielen Äußerungen des Politikers. Anlässlich einer Abstimmung über eine Verfassungsänderung in Russland, die Putin den Machterhalt bis 2036 sichern sollte, twitterte Krah: „Wäre ich Russe, ich hätte auch pro Putin gestimmt.“
Je genauer die Wähler über das Denken von Krah Bescheid wissen, umso besser können sie beurteilen, was sie erwartet, wenn sie der AfD ihre Stimme geben. So funktioniert Demokratie. Der Fall Krah beweist, warum Verbote im politischen Diskurs nahezu nie ein probates Mittel sind. Und wie wichtig die freie Rede ist, weil der Meinungskampf in der politischen Arena am Ende die beste Möglichkeit für die Bürger ist, sich zu informieren.
Nach der Wahl Krahs im vergangenen Jahr zum Spitzenkandidaten hatte ein Partei-Insider Krah gegenüber Bild als eine „tickende Zeitbombe“ bezeichnet. Die Bombe ist nun vor aller Augen explodiert. Dem mündigen Bürger kann man zutrauen, sich selbst ein Bild von der Zerstörung zu machen. Und dann zu wählen.
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