Offener Brief an Chefs von ARD: „Glaubt ihr wirklich, dass alle Eure Zuschauer nur noch Deppen sind?“
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Lieber NDR, lieber WDR, liebe ARD,
liebe Intendanten und Fernsehdirektoren,
was hat Euch bloß so ruiniert? Ist Euch nichts mehr heilig? Oder glaubt ihr mittlerweile, dass ALLE Eure Zuschauer ohnehin nur noch Deppen sind, denen man gefahrlos auch die plumpste und übelste Täuschungs-Show vorgaukeln kann? Es sieht fast so aus.
Eure viel diskutierte Propaganda-Show „Die 100 – was Deutschland bewegt“, in der Schauspieler nachweislich unschuldige Bürger mimten, steht jedenfalls zu Recht im Kreuzfeuer und ist ein neuerlicher Tiefpunkt in Sachen Glaubwürdigkeit. Von Eurem Programmauftrag zur unvoreingenommenen Berichterstattung habt ihr Euch damit wohl endgültig verabschiedet.
„Ist die AfD eigentlich ein Problem für die Demokratie?“, wolltet ihr im Stil der Kinder-Quiz-Show „Eins, Zwei oder Drei?“ von 100 Bürgern wissen – so weit, so gut, auch wenn eine solche Frage auf einem so prominenten Sendeplatz in einer Woche kurz vor den Landtagswahlen in Brandenburg schon mal ein kleines Geschmäckle hat. Aber: kann man machen. So wie man auch kritische Sendungen zu jeder anderen Partei machen kann. Und sollte. Dafür sind die Medien da – ob öffentlich-rechtliche oder private.
Wie diese Show ablief, und je mehr Hintergründe dazu bekannt werden, desto mehr stellt man sich gerade auch als ehemaliger öffentlich-rechtlicher Redakteur die Frage: Passt das alles noch zum alten Anspruch von ARD und ZDF?
Plaudern wir doch ein wenig aus dem Nähkästchen, aus einer Zeit, als der überaus brillante Wieland Backes durch das einstige Talk-Flaggschiff „Nachtcafé“ führte und wöchentlich mit gesellschaftspolitischen Themen ziemliche Rekordquoten einfuhr. Ein Talk-Format, das Welten zusammenführte, Prominente mit Politikern, vor allem aber auch Menschen aus dem Volk, die oftmals mutig von ihren Problemen, Sorgen oder auch Erfolgen berichteten. Der Zuschauer konnte blindlings darauf vertrauen, dass diese Bürger, und auch deren Geschichten und Anliegen redaktionell maximal bis ins letzte Jota recherchiert und überprüft wurden.

Moderator Ingo Zamperoni mit Anna Planken, Tobias Krell und den Gästen.
Ein Doppel-Mörder war ein Doppel-Mörder und ein Betrugs-Opfer ein Betrugs-Opfer. Dass ein Schauspieler eine bestimmte Position zu einem Thema einnehmen könnte, der dem Zuschauer als „echter“ Bürger präsentiert worden wäre, einfach undenkbar. Allein der Gedanke an solch einen Täuschungsversuch hätte für einen Redakteur zur fristlosen Kündigung gereicht. Glaubwürdigkeit, sie wurde vorweg getragen als Monstranz der Öffentlich-Rechtlichen. Den Betrug, die Täuschung und Manipulation, die unterstellte man, gerne auch etwas überheblich, den anderen, den privaten Sendern, solchen wie RTL oder RTL 2, deren manchmal fast zu perfekten Talk-Protagonisten bei genauerer Überprüfung ergaben, dass sie schlichtweg von einer Schauspiel-Agentur stammten.
Unterm Strich: ein journalistischer Offenbarungseid
Womit wir wieder bei dieser unseligen aktuellen Katastrophe der ARD wären: Zumindest zwei tragende Sprechrollen in diesem „Wir-diskutieren-ganz-offen-und-fair-über-die-AfD“-Theaterstück werden von der gleichen Agentur vertreten. Und wer sich dann noch genauer mit Dramaturgie, Ablauf und Produktion einer TV-Show auskennt, kann dann auch leicht erkennen, dass diese gesamte vom Tagesthemen-Mann Ingo Zamperoni moderierte Haltungs-Show einen ziemlich strikten roten Faden hatte, inklusive Textvorgaben für die zumindest wichtigsten Protagonisten wie den beiden vermeintlichen AfD-Anhängern.
Der federführende NDR dementiert in einer ersten schriftlichen Antwort auch auf Nachfrage von NIUS, dass bei dieser Show bewusst Schauspieler zum Einsatz gekommen wären. Schade. Die Liste fragwürdiger Figuren, die zudem nachprüfbar falsch insertiert wurden, ist inzwischen ellenlang. Auch, dass diverse Gemeinderäte nicht offen ersichtlich mit ihrer Parteizugehörigkeit vorgestellt wurden, ist unterm Strich ein Offenbarungseid, ein grobes Foulspiel an echtem Journalismus, der seine Zuschauer gemeinhin nicht per se für blöd verkauft.
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Diese vermeintlich authentische ARD-Politik-Show, realisiert von der Produktionsfirma des ehemaligen „Hart aber fair“-Moderators Frank Plasberg, gab sich sehr bemüht den Anstrich einer vermeintlich seriösen Diskussion. War aber am Ende doch viel näher an der RTL-Gerichtsshow von Barbara Salesch, bei der aber immerhin die Hauptrolle selbst von einer echten ehemaligen Richterin gespielt wird.

Georg Reste (Monitor) auf X
Dass im Abwehrkampf nun auch ARD-Aushängeschild Georg Restle bei X schreibt, dass hinter dem Einsatz eines Schauspielers als geläutertem AfD-Wähler keine „böse Absicht“ gestanden habe, dass die „Macher“ sich selbst ärgerten, macht es kaum besser. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind seit Jahren vom Kurs abgekommen, in vielen Bereichen sitzen heute Aktivisten statt Journalisten, die mit ihrer Arbeit letztlich immer auch eine Agenda verfolgen.
Beispiele dafür finden sich bei ARD und ZDF und all den anderen Kanälen und Anstalten genug, wobei dieser jüngste Sündenfall absolut allem nochmals die Krone aufsetzt: Nichts war an dieser Show objektiv, vieles manipuliert und am Ende sogar die Quote mit nur knapp 7 Prozent für diese Sendezeit eher mau.
Noch viel schlimmer aber: Für die Glaubwürdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen war diese Show mehr als nur ein fürchterliches Eigentor – und vielleicht sogar ein erster Sargnagel.
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