Oma Lotti verkündet EM-Kader: Tut mir leid, Freunde, ich finde das einfach nur noch albern …
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Wissen Sie, warum die WM 2006 so großartig war? Weil es einfach nur um Fußball ging. Gutes Wetter, gute Laune, guter Fußball. Es ist bis heute für viele Deutsche der schönste Sommer ihres Lebens.
In einem Monat beginnt die EM 2024 in Deutschland, das erste Heimturnier seit dem Sommermärchen. Und der Mix im deutschen Team aus jungen Wilden und alten Weltmeistern ist wirklich vielversprechend. Da geht was. Und dennoch gibt sich der DFB größte Mühe, das sportliche Geschehen in den Hintergrund rücken und das Turnier zu einer gigantischen Marketing-Kampagne mit angeschlossenem Mannschaftssport mutieren zu lassen.
Warum kann es bei einem Fußball-Turnier nicht einfach nur um Fußball gehen?
Sonntag, 20.00 Uhr, Tagesschau. 5,4 Millionen Deutsche schalten ein und hören um 20.10 Uhr, wie Jens Riewa verkündet: „Der Dortmunder Fußball-Profi Nico Schlotterbeck wird in den Kader für die Heim-Europameisterschaft im Sommer berufen. Das erfuhr die Tagesschau aus DFB-Kreisen.“

Knallharte Recherchen, die keine sind
Klingt wie eine knallharte Recherche mit einer exklusiven News, die den Sendeplatz rechtfertigt. Ist aber nichts anderes als perfekt orchestrierte Öffentlichkeitsarbeit des DFB und der Auftakt einer neuen Kommunikations-Strategie, die nichts anderes ist als der Versuch, die Kontrolle über unabhängige Medien zu erlangen – und die spielen auch noch mit. Die Tagesschau macht sich hier zum Presse-Organ des größten Sportverbands der Welt, über den die Kollegen aus dem Investigativ-Bereich der ARD sonst anders berichten und das machen, was Journalisten eigentlich machen sollten: fiese Fragen stellen (Stichwort: Korruption).
Aber warum das Ganze? Warum verkündet die Tagesschau exklusiv den ersten Spieler aus dem Kader? Weil der DFB die Kontrolle über das Geschehen haben möchte. Am Donnerstag gibt Bundestrainer Julian Nagelsmann sein vorläufiges Aufgebot offiziell bekannt. Normalerweise sickert in den Tagen und Stunden vorher schon durch, welcher Spieler einen Anruf vom Trainer bekommen hat, wer dabei ist und wer den Sommerurlaub planen kann. Es hagelt dann Eilmeldungen beim Kicker, bei Sky, Sportschau und BILD.
Bei diesem Turnier will der DFB selbst in der Hand haben, welcher Name wann „durchsickert“. Am Montagmorgen veröffentlichte der Influencer Rashid Hamid ein Video, das die Nominierung von Jonathan Tah „leakte“. Während Schlotterbeck ein Wackelkandidat für den Kader war, gilt Tah als gesetzter Stammspieler.
Der DFB ist also genervt von Journalisten, die ihre Arbeit machen, und inszeniert eine tröpfchenweise Kader-Enthüllung, die möglichst sympathisch daherkommen will.
Oma Lotti und die perfekt vorproduzierten frohe Botschaften
Schauen Sie sich das Video aus dem Altenheim an – so staatstragend absurd die Tagesschau-Verkündigung von Schlotterbeck war, so entwürdigend absurd ist die Verkündigung von Jonathan Tah. Altenpfleger-Influencer Hamid ist bei Oma Lotti (93), überbringt ihr im Namen des DFB ein Trikot mit der Nummer 93 (schöne Geste!), um dann eine Torte mit dem Gesicht von Jonathan Tah zu enthüllen. Bei drei geht’s los. 1, 2, 3 – ta taaaah. Hamid fragt: „Na, kennst du den Herrn?“ Oma Lotti: „Ja, das bist du!“ Hamid lacht, Oma Lotti guckt in die Kamera, das war kein Witz, Tah und Hamid ähneln sich wirklich. Oma Lotti meinte das genau so, wie sie es gesagt hat.
Die 93-jährige Frau hat während des gesamten Clips keine Ahnung, was da gerade passiert. Für sie ist nur der Altenpfleger da und filmt das Ganze, wie immer und warum auch immer. Sie ist 93 Jahre alt und wird – bei allem Respekt vorm Alter – auch nicht in Gänze verstehen, dass Millionen Menschen dieses Video bei Instagram sehen werden. Denn natürlich verteilt der DFB das kurze Video schnell, man will ja die perfekt vorproduzierte frohe Botschaft schnell unters Volk bringen. Ich finde Oma Lotti extrem sympathisch. Und verstehe nicht, wie man eine alte Frau so instrumentalisieren kann.
Die Botschaft dieser Kampagne soll sein, so bringt es die Sportschau ganz gut auf den Punkt: „Deutschland wird zum Bundestrainer – der EM-Kader als PR-Projekt“.
Ich will einfach nur Fußball
In Katar ist der DFB mit seiner Regenbogen-Debatte auf die Nase geflogen, hat sich und uns vor den Augen der Welt blamiert. Natürlich mit dem Segen der Bundesregierung, Nancy Faesers Armbinden-Auftritt neben Fifa-Pate Infantino bleibt unvergessen.
Für die Heim-EM hat Philipp Lahm, Chef des Organisationskomitees, angekündigt, einen „neuen Standard in Sachen Großveranstaltungen herbeiführen“. Gemeint sind aber nicht Abseitsfalle oder Ecken-Varianten, sondern Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Stärkung des Geheimwohls.
Stärkung des Gemeinwohls! Was willst du denn da stärken bei einem Heim-Turnier? Pfeift an und lasst uns grillen! Lahm dagegen droht: Mit der EM wolle man „Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen“. Konkrete Maßnahmen sind zum Beispiel: Geschlechterneutrale Toiletten in den Stadien, vegane, gesunde, laktose- und glutenfreie Lebensmittel bei den Spielen, CO2-sparende Spielpläne und – mein Highlight bei einem internationalen Turnier – eigene Fahrrad-Abstellplätze an den Spielstätten. Alle Zuschauer und Teilnehmer sollen konzeptionell mithelfen, Umwelt und Klima zu schützen („Bewusstsein schärfen“). Sportministerin Nancy Faeser (SPD) spricht von einer „nachhaltigen EURO 2024“.
Wer glaubt, die insgesamt 51 Turnier-Spiele reichen nicht als Unterhaltung für den Sommer, findet in den 300 steuerfinanzierten Projekten der „Stiftung Fußball & Kultur EURO2024“ ausreichend Ablenkung. Es wird „spielerische Formate mit Reflexionen über toxischen Ehrgeiz genauso wie den Spaß an queerer Fitness“ vermittelt, über Hatespeech diskutiert, der Fußball im Nationalsozialismus durchdekliniert – also eigentlich alles, was man in der Halbzeit noch viel lieber machen würde als den Kühlschrank zu plündern. Das Kultur-Programm zur Euro 2024 liest sich wie eine Liste von Projekten, die Claudia Roth (Grüne), Staatsministerin für Kultur im Kanzleramt, schon immer mal freigeben wollte, aber nie den richtigen Anlass gefunden hat. Jetzt hat sie zwar nicht den richtigen Anlass gefunden, aber freigegeben ist es.
Noch einmal: Sorry Freunde. Ich will einfach nur Europameister werden. Von mir aus sogar in den schönen grünen Trikots von früher. Weil der Fußball etwas schafft, was nur ganz selten gelingt: Einfach mal den Kopf ausschalten, nicht an Politik denken, Schwarz-Rot-Gold die Daumen drücken. Nur, wenn wir Deutschen ein Sport-Fest organisieren, klappt das nicht. Da wollen wir der Welt beweisen, dass wir die besseren Menschen sind. Und nicht die besseren Fußballer …
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