Opi-kratie: Wie die ältere Generation die Wahlen dominiert
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Die Alterung der Bevölkerung schreitet voran. Deutschland vergreist. Das hat nicht nur dramatische gesellschaftliche Folgen, sondern spiegelt sich auch im politischen System wider. Bei der Europawahl 2024 waren rund 30 Prozent der Wahlberechtigten über 65 Jahre – ein Rekordwert. Zum Vergleich: Die 16- bis 29-Jährigen machten nur rund 14 Prozent der Wahlberechtigten aus.
Auch bei den Bundestagswahlen stieg der Anteil der Wahlberechtigen mit einem Alter von über 60 Jahren zuletzt rasant. Längst stellen die Generationen ab 60 deutlich mehr als doppelt so viele potenzielle Wähler wie die Gruppe der unter 30-Jährigen.

Diese Dominanz wird in den kommenden Jahren zunehmen, denn die Bevölkerung altert weiter. Die Demokratie entwickelt automatisch Ansätze einer Gerontokratie – das altgriechische Wort für „die Herrschaft der Alten“. Vor allem die „Babyboomer“, deren rund 12 bis 15 Millionen Angehörige in etwa zwischen 1955 und 1965 geboren wurden, bestimmen mit ihrer schieren Übermacht beim Elektorat über die Zukunft der Jungen.
SPD und Union sind von Rentnern abhängig
Wer aber profitiert politisch von dieser „Herrschaft der Alten“? Es sind die ehemals klassischen Volksparteien, die Union und die SPD. Bei den über 70-Jährigen entschieden sich ganze 46 Prozent für die CDU/CSU. 23 Prozent wählten die SPD. Die beiden Parteien sind massiv von Rentnern abhängig. Auch bei der Hessen-Wahl 2023 erhielt die CDU 48 Prozent von den über 70-Jährigen. Die SPD kam hier auf 22 Prozent.

Deutschland verschlief seine wirtschaftliche Weiterentwicklung
Es lässt sich bereits jetzt prognostizieren, dass die beiden Volksparteien implodieren werden, sobald die sie tragenden Schichten der über 60- und 70-Jährigen nicht mehr da sind. Dann handelt es sich nur noch um zwei Parteien unter vielen, ohne eine herausragende Stellung im politischen System. Die Karten im Parteienspektrum werden dann neu gemischt, bis dahin deutet alles auf Stillstand. Denn Veränderung, ob sie nun von der politischen Rechten oder der politischen Linken forciert wird, besitzt im Alter keinen hohen Stellenwert.
Deutschland verschlief, parallel zum Älterwerden der Bevölkerung, und spätestens mit dem Amtsantritt von Angela Merkel 2005 die wirtschaftliche Weiterentwicklung. Großartige technologische Neuerungen gab es nicht. Der Investitionsrückstand in den Kommunen wuchs von Jahr zu Jahr. Unter der Großen Koalition aus Union und SPD vertraute man darauf, dass alles so weiterläuft wie bisher. Deutschland, der Exportweltmeister. Deutschland, der Motor der Europäischen Union.

Der Investitionsrückstand in Deutschland wuchs von Jahr zu Jahr. (Quelle: Deutsches Institut für Urbanistik)
Es lohnte sich, fleißig zu sein
Die tragende Säule dieser Zeit war die Arbeitskraft der Babyboomer-Generation. Jene 12 bis 15 Millionen Menschen also, die in den kommenden Jahren in die Rente eintreten werden. Die Boomer waren fleißig, weil es sich in der alten Bundesrepublik lohnte, fleißig zu sein. Auch deshalb ist die Sehnsucht nach der alten Bonner Republik, die tatsächlich nie wieder zurückkehren wird, in diesen Generationen weiterhin tief verankert. Die Gepflogenheiten dieser Zeit sind geblieben. Man wählt CDU oder SPD, weil man eben damit aufgewachsen ist, und konsumiert seine Nachrichten über den Fernseher und die Tageszeitungen, jene Medien, die für die Jugend keine Bedeutung mehr haben. Das Durchschnittsalter des ARD-Zuschauers war schon 2022 knapp 64 Jahre, beim ZDF sogar 65 Jahre.
Die Versprechungen und Gegebenheiten der alten Bundesrepublik waren verlockend. Die Boomer-Generation im Westen wuchs in einem Land auf, das seit den 1970er Jahren nur einen Weg kannte: den nach oben. Die Löhne stiegen, man arbeitete hart, und wusste, dass es die nachfolgenden Generationen einmal besser haben werden. Dieses Versprechen gibt es heute nicht mehr. Der Soziologe Oliver Nachtwey spricht bereits von der „Abstiegsgesellschaft“.
Der heutige Steuerzahler, der mit Mitte/Ende 20 ins Berufsleben einsteigt, sieht sich in erster Linie mit einer Fülle von Abgaben konfrontiert: Zunächst finanziert er über das Umlageverfahren die gesetzliche Rentenversicherung. Kamen Anfang der 1960er Jahre auf einen Altersrentner noch sechs Erwerbspersonen, sind es heutzutage 1,8 – Tendenz sinkend. „Die Babyboomer wollen eine Rente von Kindern, die sie nicht bekommen haben“, kommentierte diese Entwicklung einst der Ökonom und ehemalige ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Auch die sich beständig erhöhenden Beiträge für die Krankenversicherung fressen einen großen Teil des Gehaltschecks. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt von Jahr zu Jahr. Zudem fordert das Bürgergeld seinen Tribut, der Arbeits- und Sozialetat wächst. Die Kosten der Masseneinwanderung schlucken Jahr für Jahr weitere Milliarden, ein Ende ist nicht abzusehen.

Hans-Werner Sinn: „Die Babyboomer wollen eine Rente von Kindern, die sie nicht bekommen haben.“
„Ich fürchte, wir sehen gerade die Vorboten einer Rentnerdemokratie“
Der Traum vom Eigenheim rückt damit selbst für viele normal verdienende Familien in weite Ferne. Das Unbehagen wächst und damit auch der Wunsch nach einer Abkehr von den tragenden Säulen dieses bleiernen Systems, den Volksparteien Union und SPD. Dabei ist die Kritik, die viele Ältere an die Jugend richten – „Die sind so träge“, „Die wollen ja gar nicht richtig arbeiten“ – im Grunde auch eine Kritik an sich selbst. Denn sie haben jene nachrückenden Generationen ja aufgezogen.
„Wir haben die Tendenz in unserer Gesellschaft, Kinder zu überbetreuen, also ihnen keine Verantwortung zu übergeben“, erklärt der Schweizer Psychologe Allan Guggenbühl die Auswirkungen der modernen Erziehung. „Wir neigen dazu, sie in einem Safe Place zu halten, einem Ort, wo sie ganz sicher sind. Wir sagen zwar, dass wir Verantwortung abgeben müssen, aber wir wollen es nicht.“ Es handele sich in Europa zunehmend um eine Gesellschaft, „die die Jungen ausschließt, aber es nicht zugibt.“
Ex-Bundespräsident Roman Herzog hatte bereits im April 2008 in einem Interview mit der Bild-Zeitung gewarnt: „Ich fürchte, wir sehen gerade die Vorboten einer Rentnerdemokratie“, ließ der mittlerweile verstorbene CDU-Politiker sich zitieren. „Die Älteren werden immer mehr, und alle Parteien nehmen überproportional Rücksicht auf sie. Das könnte am Ende in die Richtung gehen, dass die Älteren die Jüngeren ausplündern“. Bislang hat noch niemand eine Lösung gefunden, wie dieser Generationenkonflikt aufgelöst werden soll.
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