„Packen wir´s an!“ statt „Wir schaffen das“: Es braucht wieder Leuchttürme in der Politik
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Es gibt Erhebungen, die erfahrungsgemäß unser Vertrauen genießen dürfen. Eine von ihnen ist der aktuelle Deutschlandtrend. In repräsentativen Umfragen zeigt die ARD (…hier einmal ein Lob!) regelmäßig monatlich, wo und wie es um die Bundespolitik, deren Protagonisten und ihre Beliebtheitswerte steht.
Das ist besonders vor Wahlen interessant, aber auch mitten in der Legislatur darf sich die Eine freuen, während der Andere sich über bröckelnde Werte ärgert. In jedem Fall ein verlässlicher Gradmesser für die Stimmung im Land.
In seiner neuesten Ausgabe lesen wir, dass die Ampel-Koalition einen Tiefpunkt erlebt. Seit ihrem Amtsantritt war sie nie so weit unten. Gerade einmal 19 Prozent der Befragten waren mit Art und Qualität des Umgangs der Regierung mit den wichtigsten Themen zufrieden. Vier von fünf Befragten mögen nicht, was die Koalition ihnen bietet.
Alle drei Regierungsparteien verlieren einen Punkt innerhalb von vier Wochen. Das bedeutet Zustimmungswerte von 16 Prozent bei der SPD, 14 für die Grünen und 6 bei der FDP. Die Linken kämen mit 4 Prozent erneut nicht in den Bundestag.
Gewinner sind – nicht ganz überraschend – die CDU/CDU-Fraktion mit 29 Prozent (+2) und die AfD mit 22 Prozent (+1).

Ampel-Regierung: Finanzminister Lindner, Kanzler Scholz und Wirtschaftsminister Habeck
Das hängt sicher auch mit dem kürzlich von uns beschriebenen „Berliner Sommertheater“ zusammen, das die Regierung auf die Bühne bringt. Doch wenn wir uns den Trend genauer anschauen, sehen wir noch mehr, über das wir uns ernsthaft sorgen sollten: Die Politikverdrossenheit ist auf einem Level, das es so lange nicht mehr gab.
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Das hat Gründe. Aktive Politik wird gerade sichtbar zu einem unsympathischen Spiel, das mehr Opfer als Gewinner zeugt. Wer sollte sich das antun?
Weshalb soll der junge Mensch sich in das vormals beliebte Abenteuer „Politik“ stürzen, wenn er schon von außen erkennt, wie wenig Zusammenhalt gelebt wird? Wer möchte gern mit offenen Augen in den Fleischwolf rennen, der jedes noch so ambitionierte Vorhaben schreddert?
Der qualifizierte Polit-Nachwuchs bleibt aus. Das beklagen die Parteien, ohne aber an den Ursachen zu arbeiten. Sie beschweren sich darüber, wie schwierig es ist, qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Das kennen wir ja aus der freien Wirtschaft, die händeringend nach guten Leuten sucht. Hier wird aber der, der das Angebot annimmt, mit Respekt behandelt und seiner Qualifikation entsprechend auf die Karriereleiter gesetzt.

SPD-Politiker un Ex-Kanzler: Willy Brandt (l.) und Helmut Schmidt
Anders in der Bundes- und Landespolitik: Wer sich hier committet, hat einen Spießrutenlauf vor sich, den nur die Härtesten überleben. Die Taktiker. Die mit der Teflon-Beschichtung. Das sind jedoch leider häufig auch die, die weder die Diplomatie noch die Empathie erfunden haben.
Quereinsteiger werden eingeladen, ihre Karrieren in Industrie und anderswo einzutauschen gegen den Dienst am Staat, sich dem Gemeinwohl zu verschreiben. Werden dann aber weggebissen von den Karrieristen, die innerparteiliche Konkurrenz wittern und schon lange auf ihre Chance warten, ihre lang gesponnenen Netzwerke gewinnbringend zu nutzen. Persönliche Befindlichkeit vs. Dienst an der Sache.

Eine Briefmarke erinnert an Annemarie Renger
Ebenso fehlen die Magneten: Wo sind sie denn, die Genschers, die Schmidts, die Weizsäckers, die Rengers? Vorbilder, die das Vertrauen genossen, dessen Wert sie ausstrahlten? Die statt eines „Wir schaffen das“ mit einem „Packen wir´s an!“ die Menschen animierten, die Extra-Meile zu gehen?
In einer immer komplexeren, diffuser erscheinenden Welt wird es immer schwerer, sich zu orientieren. Da braucht es Teamplayer. Da braucht es Leuchttürme, die Wege aufzeigen, die der Nachwuchs beschreiten kann.
Wenn aber potenziellen Kandidaten nur das reine Chaos vorgelebt wird, ist es verständlich, dass die Orientierung immer schwerer wird – und die Politik immer mehr gegen die Wand fährt.
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