Maulkörbe, Läuterungsdruck, Forderungen nach öffentlicher Kastration: Und plötzlich stehen wieder alle Männer am Pranger
Ein Beitrag von
Die Affäre um Christian Ulmen und seine Ex-Frau Collien Fernandes bewegt aktuell das ganze Land. In die Debatten darüber, welche Taten dem Schauspieler und Regisseur zur Last gelegt werden können, mischt sich jedoch häufig die Vorverurteilung aller Männer. Fehlende Distanzierungen, unzureichende Wut auf Ulmen oder der Vorwurf des unterdrückungsgeilen Sex-Neandertalers: In der Causa scheint es für die Herren kaum einen Weg zu geben, um selbst nicht als Mittäter zu gelten – bis auf die eigene Selbstanklage.
Ohne Zweifel, die Vorwürfe, die gegen den Schauspieler im Raum stehen, sind hart: Unter Fernandes’ Identität soll er pornografisches Material an andere Männer verschickt haben und wollte dabei offenbar den Eindruck erwecken, es handle sich bei den Inhalten um seine damalige Frau. Ein zweiter Aspekt: Von ihr existieren Deepfake-Pornos, die, so die aktuell verbreitete These, natürlich ebenfalls alle von Männern angefertigt wurden.
„Seid leise, Männer!“
Doch selbst, wenn es dafür den Beweis gäbe: Wären dann alle anderen Männer automatisch mitschuldig? Schaut man sich aktuell die Beiträge einiger Leitmedien, aber auch Influencer an, gewinnt man den Eindruck: ja!
„Seid leise, Männer!“, fordert die Taz. Der Spiegel stellt die Frage, ob man mit Männern überhaupt noch befreundet sein darf. Für den Deutschlandfunk ist es der gänzlich falsche Ansatz, vor einer Vorverurteilung von Männern zu warnen. Und Influencerin Leonie Löwenherz will Männer gleich öffentlich kastrieren lassen.

Die Spiegel-Geschichte brachte die Ulmen-Affäre ins Rollen. Nun lenkt Männerhass von den eigentlichen Problemen ab, die der Fall mit sich bringt.
Allerdings sind es nicht nur Frauen, die gegen das andere Geschlecht schießen. Der Pranger wird auch von männlichen Journalisten wie dem Taz-Journalisten Gereon Asmuth weiter angeheizt. „Die Scham ist auf unserer Seite“, schreibt der Autor und meint dabei die Männer im Allgemeinen. „Wir sind Teil einer männlich dominierten Gesellschaft, die Pornoindustrie zum lukrativen Geschäft macht. Die Frauen immer wieder zum Objekt sexueller Begierden degradiert, sodass sie Angst haben müssen, wenn sie in einsamen Ecken einem Mann begegnen.“
Der Sippenhaft können sich die Männer scheinbar nicht entziehen, ganz egal, ob sie die Pornoindustrie selbst verteufeln oder beim Anblick einer Frau überhaupt selbst Lust empfinden – sie sind eben ein Mann. Argumentiert man jedoch auf dieser Ebene, müsste sich die gesamte Damenwelt schlecht fühlen, weil es etwa Frauen gab, die ihre Kinder einfach dem falschen Vater unterjubelten oder sie nach der Geburt abstießen. Ist deshalb gleich jede Frau eine Rabenmutter? Selbstverständlich nicht, obwohl für Asmuth vermutlich auch in diesem Fall die Schuld beim Mann liegt – schließlich hat er das Kind gezeugt.
Das Tier im Mann
Was Mann macht, macht er falsch, zumindest nach Asmuths Definition, Schweigen sei da noch die beste Option. Aber vielleicht kann der Mann als solcher diesen Moment der Stille ja auch nutzen, um sich selbst zu hinterfragen – das zumindest empfiehlt der Autor Jonas Reese in seinem Kommentar für den Deutschlandfunk: „Jeder Einzelne sollte seine Rolle hinterfragen, sich seiner Privilegien bewusst werden und ja, auch fragen: Woher kommt womöglich seine Lust am Erniedrigen, am Unterdrücken, am Quälen? Woher kommt dieses Erbe, das Männern schon lange von Generation zu Generation weitergegeben wird?“
Das Tier, das in jedem Mann schlummert: Die Causa Ulmen hat uns seine noch immerwährende Existenz vor Augen geführt. Und tatsächlich, den inneren Neandertaler hat noch nicht jeder Mann überwinden können, allerdings gilt auch hier: Selbst die schlimmsten Verbrechen kennen keine eindeutige Geschlechterzuschreibung. Selbstverständlich sind es im Bereich der Sexualdelikte in der eindeutigen Mehrheit männliche Straftäter, allerdings auch dort nicht ausschließlich. Wozu selbst Frauen in der Lage sein können, zeigt aktuell der Fall der Epstein-Komplizin Ghislaine Maxwell. Damit hätte sich auch die Parole „It’s not all men, but it’s always a man“ erledigt.

„Not all men, but always men“, ist auf einem Schild bei der Demonstration am Brandenburger Tor zu lesen. Nur stimmt die Botschaft leider nicht.
Allerdings nicht für den Stern. Auch dort heißt es: „Die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen verstören. Es ist an der Zeit, dass wir Männer aufhören, uns selbst zu belügen. Wir alle sind das Problem.“
Vergeltung statt Aufarbeitung?
Die ohnehin schon angeheizte Debatte über die Mitschuld von Männern wird nicht nur von Medien befeuert, sondern zusätzlich von überwiegend linken Influencern: Bei der Demonstration am Brandenburger Tor äußerte Luisa Neubauer gleich eine indirekte Warnung an die Männer: „Ich glaube, sehr viele Männer da draußen haben noch längst nicht begriffen, was für ein unglaubliches Glück sie haben, dass wir einfach nur Gleichberechtigung wollen – und keine Vergeltung.“

Brav zur Stelle, wenn es gegen Männer geht: Luisa Neubauer am Brandenburger Tor.
Wie die dann aussehen könnte? Die Düsseldorfer Influencerin Leonie Löwenherz lieferte vor wenigen Tagen eine mögliche Option. In einem Instagram-Video sagte sie ganz unverblümt:
„Ich will nicht, dass Christian Ulmen jetzt gecancelt wird. Ich will, dass er und alle anderen Täter an ihren großen Zehen auf den Marktplätzen dieser Nation aufgehangen und öffentlich kastriert werden. Ich möchte, dass allen Männern, die jetzt irgendwas von Unschuldsvermutung in Kommentarspalten rotzen, das Wort Täterschützer auf die Stirn tätowiert wird. Und ich möchte nichts mehr von ‚Not all men‘ lesen, weil es offensichtlich doch alle Männer sind.“
Wer immer noch die Vergeltung im Hinterkopf hat, dem ist weder an einer friedlichen Problemlösung gelegen noch an einer möglicherweise berechtigten Kritik am anderen Geschlecht. Wer sich so äußert, will die Gräben zwischen den Geschlechtern nur noch tiefer reißen. Wo dieser immer weiter beförderte Frust gegen den Mann endet, sieht man bei Löwenherz: in purem, widerwärtigem Hass.
Wo sich das Vorfeld positioniert, sind auch die Parteien nicht weit entfernt. Letztlich wird der Fall sogar von der Politik instrumentalisiert, um das Feindbild Mann zu festigen. Die Linksfraktion in Mecklenburg-Vorpommern schreibt unter einem Instagram-Post zum Thema: „Was Collien Ulmen-Fernandes passiert ist, ist kein Einzelfall. Identitätsmissbrauch, intime Bilder, Gewalt im digitalen Raum – oft durch Menschen aus dem eigenen Umfeld. Wir sehen viele laute Frauen. Aber wo sind die Männer? Wo ist eure Wut?“
Ob Hass, Wut und Kastrationsträumereien der richtige Weg sind, um in die konstruktive Debatte um den Fall einzutreten? Sicher nicht. Nicht nur weicht die Diskussion durch die unsachlichen Äußerungen von der eigentlichen Problematik ab, sie wiegelt vor allem die Geschlechter immer weiter gegeneinander auf. Einer Gruppe hilft das ganz sicher nicht weiter: denjenigen, die tatsächlich Opfer sexueller Gewalt werden.
Lesen Sie außerdem:
Journalistin Juliane Löffler gibt zu: Spiegel-Geschichte über Collien Fernandes war auf Hubigs Zensur-Gesetz abgestimmt
Mehr NIUS:
Die Badewanne stirbt aus, dabei brauchen wir sie dringender denn je
Der Staat will nicht, dass Sie diese Werbung sehen!
Merz in Mecklenburg-Vorpommern: Der Beifall war enden wollend
Der Deutsche Gewerkschaftsbund sägt an dem Ast, auf dem alle Arbeitnehmer sitzen
Ein schwarz-grünes Northvolt-Debakel: Wie aus 300 Millionen Euro nur noch 31 wurden
Die Umbenennung des Hindenburgdamms steht für Deutschlands ewigen Kampf gegen die eigene Geschichte
Die Akte „Lügenfritz“ – Politiker verbreiten Desinformation, aber die Bürger werden verurteilt
Thomas und Lisa Müller: Blick hinter die Fassade des Glücks
Mehr NIUS:
Der Deutsche Gewerkschaftsbund sägt an dem Ast, auf dem alle Arbeitnehmer sitzen
Ein schwarz-grünes Northvolt-Debakel: Wie aus 300 Millionen Euro nur noch 31 wurden
Die Umbenennung des Hindenburgdamms steht für Deutschlands ewigen Kampf gegen die eigene Geschichte
Die Akte „Lügenfritz“ – Politiker verbreiten Desinformation, aber die Bürger werden verurteilt
Thomas und Lisa Müller: Blick hinter die Fassade des Glücks
Frei ist nur das Ich!
Warum Julia Klöckner die schickste Frau im Bundestag ist
Merz sagt, in 30 Jahren wird alles besser – ich freu mich schon drauf
Eric Steinberg
Artikel teilen
Kommentare