WDR will Oktoberfest weg haben: Hört auf, mir die Wiesn madig zu machen
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Der WDR-Radiosender Cosmo bezeichnet das Oktoberfest auf Instagram als „problematisches Brauchtum“. Im „Diskriminierungscheck“ wirft er dem traditionellen Münchner Volksfest unter anderem „Sexismus“, „Gewalt“ und „Rassismus“ vor. Die Vorwürfe sind zum Großteil konstruiert und haltlos, findet Janina Lionello.
Mandelduft in der Luft, fröhlich kreischende Menschen, vollgekotzte Hauseingänge und geklaute Fahrräder: Die positiven wie auch die negativen Seiten der Wiesn begleiten mich seit meiner Geburt, denn ich bin zwei Kilometer entfernt auf die Welt gekommen und aufgewachsen. Ich würde von mir behaupten, dass ich zwar emotional mit dem größten Volksfest der Welt verbunden bin, aber dennoch keinen romantisch verklärten Blick darauf habe.
Nichtsdestotrotz ärgerte es mich maßlos, als ich vor einigen Tagen auf Instagram auf einen „Diskriminierungscheck“ des WDR-Magazins Cosmo stieß, der „meinem“ Volksfest „Sexismus“, „Gewalt“ und „Rassismus“ vorwarf.
Mein erster Impuls: Was schert sich ein Regionalmedium aus Nordrhein-Westfalen um ein bayerisches Fest?

Die Kritisiererei und Problematisierung von landestypischen Traditionen ist wohl das, was man im negativen Sinne unter „typisch deutsch“ versteht. Weder in Spanien, noch in Frankreich oder Italien wäre es vorstellbar, dass eigene Bräuche mit einem derartigen Selbsthass durch den Dreck gezogen werden.
Zumal die Begründungen hanebüchen sind.

Sexismus oder Selbstbestimmung?
Nehmen wir zum Beispiel mal das, was dieser Check unter „Sexismus“ versteht. Es wird kritisiert, die im Bierrausch gegrölten Lieder seien zu sexistisch, am Teufelsrad würden „Upskirting“-Fotos gemacht (also Frauen unter den Rock fotografiert) und „eine Schleife am Dirndl“ würde anzeigen, ob „die Trägerin Single, vergeben oder Jungfrau ist.“

Beim Teufelsrad geht es darum, sich möglichst lange auf dem Rad zu halten.
Vielleicht sollte man an dieser Stelle betonen, dass weder der Besuch der Wiesn im Allgemeinen noch der Besuch des Teufelsrads im Speziellen – oder gar das Tragen eines Dirndls – verpflichtend sind.
Und dass man durch das Binden einer Schleife an der Tracht direkt und klar signalisieren kann, ob man an Annäherungsversuchen von Männern interessiert ist oder eben nicht, sehe ich eher als ein Zeichen der weiblichen Selbstbestimmung.

Eine Dirndlschleife ist auf dem Oktoberfest auf dem Balkon des Käferzelts links der Schürze gebunden zu sehen. Am Dirndl lässt sich erkennen, ob ein Flirtversuch lohnen könnte. Trägt die Frau die Schleife der Schürze links, ist sie frei, rechts bedeutet verheiratet oder in festen Händen.
Gegencheck Gewalt: wo bleibt bitte die Verhältnismäßigkeit?
Auch, was unter „Gewalt“ subsumiert wird, hält dem Gegencheck nicht stand. Unter den etwa sechs Millionen Besuchern seien insgesamt drei Vergewaltigungen verzeichnet worden. Ja! Jede Gewalttat ist eine zu viel! Und doch muss so eine Zahl ins Verhältnis gesetzt werden, wenn sie dazu dienen soll, eine Aussage darüber zu treffen, ob ein Event besonders von Gewalt geprägt ist.

Ein Blick in die Kriminalstatistik der Landeshauptstadt zeigt: In München werden bei 1,6 Millionen Einwohnern etwa fünf Vergewaltigungen pro Woche angezeigt (Stand 2018), also rund 15 in drei Wochen. Drei Vergewaltigungen in drei Wochen bei 6 Millionen Besuchern reihen sich demnach unauffällig in eine traurige „Normalität“ ein – können und dürfen dabei aber nicht als Beleg für besonders ausgeprägte Gewaltneigung dienen.
Echter Rassismus?
Auch „Rassismus und Kolonialnostalgie“ beanstandet der WDR und sein Hörfunkprogramm Cosmo. Festgemacht wird das an „rassistischen Darstellungen auf Fahrgeschäften oder Plakaten. Schwarze Menschen werden exotisiert und als besonders übergriffig dargestellt.“

Gemeint ist wohl eine Zeichnung, die einen Schwarzen zeigt, der den Rock einer Frau anhebt und auf ihren halbnackten Hintern blickt. Das Motiv löst in der Münchener Lokalpolitik immer wieder Kontroversen aus. Auch ich finde es nicht sonderlich geglückt und sehe eine unangebrachte Stereotypisierung von dunkelhäutigen Menschen.
Ja, es mag sein, dass sich an dem ein oder anderen Fahrgeschäft verstaubte Malereien befinden, die dem Zeitgeist so nicht mehr entsprechen. Diese vereinzelte Kolonialnostalgie allerdings als grundsätzlichen Vorwurf für einen allgegenwärtigen Rassismus auf der Wiesn herzunehmen, erscheint mir nicht verhältnismäßig. Die Frage wäre doch eher: Gab es tatsächliche rassistische Übergriffe auf der Wiesn? Wurde jemand aufgrund seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts des bierselig-bayerischen Zeltes verwiesen? Wohl eher nicht.
Wer einmal erlebt hat, wie sich hier Menschen verschiedenster Nationalitäten, Geschlechter und Hautfarben mit ihrer Maß zugeprostet haben und sich in den Armen liegen, der kann die verbindende und einende Kraft des größten Volksfests der Welt einfach nicht mehr leugnen.
Feiert mehr! Und macht mir die Wiesn nicht madig, WDR!
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