Wenn der Staat versagt: Kältetod im Blackout
Ein Beitrag von
Werden systemische Fehler im Rahmen der Schuldsuche ignoriert? Der Tod einer 83-jährigen Frau infolge des Stromausfalls in Berlin ist kein tragischer Einzelfall. Er offenbart, wie fragil staatliche Schutzmechanismen geworden sind – und wie reflexhaft die öffentliche Debatte Schuld sucht, statt strukturelle Verantwortung zu benennen.
Jeder kennt es noch aus der Schule: Die Aufgaben des Staates sind mannigfaltig. Doch die Macht des Staates sollte seinem Volk dienen – insbesondere in einer Demokratie. Diese grundlegende Idee geht unter anderem auf John Locke zurück, einen englischen Philosophen aus dem 17. Jahrhundert. Er war einer der ersten Denker, die festhielten, dass der Staat vor allem eine Aufgabe hat: das Leben, die Freiheit und das Eigentum der Menschen zu schützen. Eigentlich sollte man meinen, dass diese Prinzipien heute selbstverständlich sind und fest zu unserer Gesellschaft gehören.
Umso verwunderlicher erscheint jedoch die Deutung der jüngsten Ereignisse in Berlin. Der tragische Todesfall einer 83-jährigen Frau infolge des Stromausfalls erschüttert die Öffentlichkeit. Er ist eine Warnung an uns alle. Eine Warnung, dass der Staat eben nicht in der Lage ist, seine Bürgerinnen und Bürger im Katastrophenfall zu schützen. Und doch wird die Schuldfrage in einer fragwürdigen, beinahe schon absurden Weise in Traditionsmedien diskutiert: Es wird die Frage aufgeworfen, ob nicht ein Krankenhaus für diesen Todesfall verantwortlich sei.

Berlin im Dunkeln nach dem linksextremistischen Terroranschlag auf die Berliner Stromversorgung.
Symptome eines kränkelnden Landes
Diese Debatte erfordert eine ernsthafte Reflexion über die aktuellen Zustände der vom Staat etablierten Systeme. Das betreffende Krankenhaus befindet sich in der Insolvenz – eingebettet in ein Gesundheitssystem, das selbst seit Jahren kränkelt. In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass Krankenhäuser überhaupt wirtschaften müssen. Das staatlich etablierte Finanzierungssystem basiert auf sogenannten Fallpauschalen (DRG). Patientinnen und Patienten sollen mit möglichst geringem Aufwand und in hoher Geschwindigkeit behandelt, abgearbeitet und entlassen werden. Dieses System dient in erster Linie der Kostenreduktion; Versorgungsprobleme und komplexe Pflegebedarfe werden jedoch nur unzureichend abgebildet und honoriert.
Ein Krankenhaus – insbesondere eines in der Insolvenz – wird dadurch faktisch dazu gedrängt, selbst vulnerable Patientengruppen wie demente Menschen möglichst schnell zu entlassen. Diese systemischen Zustände scheinen von Teilen der Massenmedien weitgehend ignoriert zu werden. Stattdessen wird die Schuldfrage ausgeschlachtet, anstatt sich mit den strukturellen Problemen auseinanderzusetzen: Warum müssen Krankenhäuser entlassen? Warum ist der Staat nicht in der Lage, Versorgungsdefizite aufzufangen? Warum gelingt es ihm nicht, seine Bevölkerung im Katastrophenfall eines Terroranschlags angemessen zu schützen?
Wir sollten uns fragen, was dieser tragische Todesfall tatsächlich bedeutet. Er ist ein Symptom eines kränkelnden Landes in Zeiten schwindenden Wohlstands. Anstatt mit dem Finger auf einzelne Verantwortliche zu zeigen, sollten wir den Blick auf die größeren Zusammenhänge richten und mit der Heilung eines offensichtlich erkrankten Systems beginnen. Schuldzuweisungen ohne eine Einordnung in den systemischen Kontext sind nicht nur sinnlos – sie wirken wahrscheinlich sogar aktiv kontraproduktiv für eine äußerst notwendige gesellschaftliche Erneuerung.
Mehr NIUS:
Erleichterung nach 5 Tagen Klima-Terror: Der große Moment, als der Strom zurückkehrt
Mehr NIUS:
Die Badewanne stirbt aus, dabei brauchen wir sie dringender denn je
Der Staat will nicht, dass Sie diese Werbung sehen!
Merz in Mecklenburg-Vorpommern: Der Beifall war enden wollend
Der Deutsche Gewerkschaftsbund sägt an dem Ast, auf dem alle Arbeitnehmer sitzen
Ein schwarz-grünes Northvolt-Debakel: Wie aus 300 Millionen Euro nur noch 31 wurden
Die Umbenennung des Hindenburgdamms steht für Deutschlands ewigen Kampf gegen die eigene Geschichte
Die Akte „Lügenfritz“ – Politiker verbreiten Desinformation, aber die Bürger werden verurteilt
Thomas und Lisa Müller: Blick hinter die Fassade des Glücks
Mehr NIUS:
Der Deutsche Gewerkschaftsbund sägt an dem Ast, auf dem alle Arbeitnehmer sitzen
Ein schwarz-grünes Northvolt-Debakel: Wie aus 300 Millionen Euro nur noch 31 wurden
Die Umbenennung des Hindenburgdamms steht für Deutschlands ewigen Kampf gegen die eigene Geschichte
Die Akte „Lügenfritz“ – Politiker verbreiten Desinformation, aber die Bürger werden verurteilt
Thomas und Lisa Müller: Blick hinter die Fassade des Glücks
Frei ist nur das Ich!
Warum Julia Klöckner die schickste Frau im Bundestag ist
Merz sagt, in 30 Jahren wird alles besser – ich freu mich schon drauf
Redaktion
Artikel teilen
Kommentare