Wenn wir so weitermachen, wird es wieder Tote geben
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Wir leben inzwischen in einem Klima, in dem ganz offen zu Gewalt gegen Andersdenkende aufgerufen wird. Angriffe auf politische Gegner werden relativiert, negiert oder gar legitimiert. Was viele vergessen oder unter den Tisch kehren: Auch Rechte sind von dieser Gewalt bedroht.
Dabei ist es ein Problem von ALLEN, wenn Politiker und Entscheidungsträger um ihre Gesundheit und ihr Leben fürchten müssen, völlig unabhängig von der eigenen politischen Überzeugung. Jeder Demokrat müsste instinktiv mit Störgefühl reagieren, wenn AfD-Chefin Alice Weidel aufgrund einer Sicherheitslage einen Termin absagen muss, AfD-Chef Tino Chrupalla nach einem Wahlkampfauftritt im Krankenhaus behandelt wird, oder Schläger den AfD-Lokalpolitiker Andreas Jurca krankenhausreif prügeln. Genau so, wie es zu verurteilen ist, wenn Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der Virologe Christian Drosten oder Grünen-Politiker bedroht oder angegriffen würden.

AfD-Politiker Andreas Jurca nach dem Angriff vor fast zwei Monaten.
Lesen Sie auch: Gewalt gegen Politiker geht gar nicht – auch nicht gegen AfD-Politiker
Stattdessen sind Schadenfreude und Entmenschlichung allgegenwärtig. Am Tag nach der Einlieferung von Chrupalla in ein bayerisches Krankenhaus verhöhnte der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ihn auf dem Kurznachrichtendienst X (vormals Twitter): „Warum nur, warum fällt mir das heute ein? Ich weiß es gar nicht, aber es kam mir heute morgen so in den Sinn!“
Darunter ein Bild, das eine blaugefüllte Bisquitrolle mit AfD-Logo zeigt, bezeichnet als „Opferrolle“.
Tabubruch: die Legitimation zum Leben aberkennen
Auch der Moderator Jörg Kachelmann verlor jede Haltung und entmenschlichte Chrupalla per Tweet, indem er schrieb, „dass das Land ethisch und gesellschaftlich gewonnen hätte, wäre er nicht geboren worden“.
Jemandem die Legitimation zum Leben abzusprechen, ist ein gefährlicher Tabubruch, dessen Wirkung man auf die allgemeine gesellschaftliche Stimmung nicht unterschätzen sollte.
Dass gerade Menschen, die sich „Toleranz“ auf die Fahnen geschrieben haben, besonders dazu neigen, politische Gegner unter der Gürtellinie zu treffen, zeigt das Beispiel von Ralf Stegner, der schon 2016 twitterte, man müsse „Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren“ .
Offener kann man kaum zur Gewalt aufrufen, und wenn man unliebsame Meinungen als „Nazi“, rechtspopulistisch und menschenfeindlich wegdefiniert, sinkt die Hemmschwelle rapide.
Voreilige Bagatellisierung erweist sich manchmal auch als falsch
Egal, was man von der AfD hält: Mutmaßliche Opfer voreilig der Lüge zu bezichtigen, ist niederträchtig. Im Fall des Augsburger Lokalpolitikers Andreas Jurca, dem ebenfalls von vielen Seiten eine Inszenierung des Angriffs vorgeworfen wurde, ist nun zumindest klar, dass es die Attacke tatsächlich gegeben hat: Die Staatsanwaltschaft Augsburg hat nun die Durchsuchung der Wohnungen von zwei Tatverdächtigen angeordnet, wie sie gegenüber NIUS bestätigte.
Auch der Fall Chrupalla ist noch lange nicht abschließend geklärt, das zeigen die neuesten Entwicklungen vom Freitag: Die Ärzte des Klinikums Ingolstadt bestätigten beim AfD-Chef eine „intramuskuläre Injektion“.

AfD-Chefs Tino Chrupalla und Alice Weidel
Wie schnell Hass gegen politische Gegner in lebensbedrohliche Gewalt umschlagen kann, haben zahlreiche Vorfälle, wie der schreckliche Mord an Walter Lübcke durch einen Rechtsextremen oder die ebenfalls von einem Rechtsradikalen begangene Messer-Attacke auf Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker gezeigt.
Dass so etwas nie wieder passiert, sollte im Interesse von uns allen liegen, zumindest von denjenigen, die sich den Grundsätzen von Menschlichkeit und Demokratie verschrieben haben.
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