Wer betonen muss, dass er der Kanzler ist, hat schon lange nichts mehr zu sagen
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Juristisch, politisch und fachlich ist es korrekt. „Der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland hat die Richtlinienkompetenz, er bestimmt die Richtlinien der Politik.“ Soll heißen: Das Grundgesetz garantiert eine gewisse Vielfalt in einer demokratisch gewählten Regierung. Dieser Passus verhindert Willkür und Alleingänge à la China oder Russland. So weit, so gut.
Gerade hat Olaf Scholz es klar und deutlich ausgesprochen – er mache von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch: keine Taurus-Marschflugkörper in die Ukraine. Finden wir das gut? Mein gesunder Menschenverstand sträubt sich dagegen. Ich meine in diesem Fall nicht die Entscheidung, ob wir Taurus-Systeme liefern sollen oder nicht. Ich meine die Erklärung des Kanzlers dazu.

„Ich bin der Kanzler, und deshalb gilt das“: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) unterhielt sich am 4. März 2024 mit Schülern in Sindelfingen und bekräftigte auf Nachfrage sein Nein zu einer Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine.
Der Richtlinienkompetenz-Kanzler
In meinem langen Berufsleben habe ich eine Erfahrung gemacht, die sich wie ein roter Faden durch Jahre und Jahrzehnte zieht: Nimm dich in Acht vor Chefs, die sagen, dass sie die Chefs sind. Sei vorsichtig bei Menschen, die betonen, dass sie das Sagen haben qua Amt. Die Sätze von sich geben wie: „Wissen Sie nicht, mit wem Sie reden – ich bin der Chef?“ Oder die sich so vorstellen: Max Mustermann, Vorstand.
Bei all diesen Begegnungen hatte ich den Eindruck: Wer betonen muss, dass er der Chef ist, der ist es nicht wirklich. Es ist einer, auf dessen Stirn in unsichtbarer Tinte steht: Chef. Er ist nicht Chef, weil er kompetenter und überzeugender ist als ein anderer. Er trägt einen Titel wie einen Anzug. Und der ist manchmal zu weit. Eigentlich eine fast tragische Gestalt, wenn es nicht so traurig wäre, dass andere darunter leiden müssen.

Führungsqualitäten: Bundeskanzler Scholz und seine Mannschaft. Hier beim Fototermin „100 Tage bis zur EURO 2024“ am 6. März im Bundeskanzleramt.
Die andere Kategorie von Chefs, die ich kennen und schätzen gelernt habe, betont seine Kompetenz nicht durch eine Richtlinie. Er ist einfach kompetent. Er kommt in einen Raum, und du kannst nicht an ihm vorbei. In der Politik habe ich ein paar solcher charismatischen Menschen erlebt: Franz-Josef Strauß, Helmut Schmidt und Helmut Kohl zum Beispiel. Die waren im Raum, und der Raum war voll. Nicht, weil sie dick oder dünn gewesen sind. Sie waren einfach was. Sie brauchten kein Schild am Revers.
Wenn ich diese Autoritäten mit unserem Kanzler vergleiche, kommt der nicht gut weg, sorry.
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