YouTube-Berieselung statt Geschichtsbuch: ZDF-MrWissen2go verblödet unsere Schüler
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Dem ZDF-Journalisten Mirko Drotschmann, bekannt als MrWissen2go, unterlaufen deutlich mehr Fehler, als verschmerzbar wären. Hier eine NIUS-Zusammenfassung seiner Unwahrheiten, die bei gewissenhafter Prüfung der Skripte ausgeschlossen wären:
- Drotschmann erfand einen deutschen Giftgas-Angriff auf das Volk der afrikanischen Herero.
- Er blendete das Olympia-Attentat (1972) aus, als er davon sprach, dass die Weltöffentlichkeit von palästinensischer Gewalt „zum ersten Mal“ mit der ersten Intifada (1987) Notiz nahm.
- Der ägyptischen Muslimbruderschaft bescheinigt er eine zivile Vergangenheit, die sie erst mit der Gründung der Terrororganisation Hamas abgelegt hätte.
- Zwei Mal nutzt er historische Zeichnungen aus der Zeit VOR der deutschen Kolonien zur Bebilderung des deutschen Kolonialismus.
- Er legt sich auf Todeszahlen fest, ohne zu erwähnen, dass es diesbezüglich keine Einigkeit gibt, und widerspricht sich in zwei Videos hinsichtlich konkreter historischer Zeitangaben, als hätte er sich beim zweiten Video nicht daran erinnert, was er im Ersten vorgetragen hatte.
Dieser Mann hat im vergangenen Oktober das Bundesverdienstkreuz bekommen. Das Bundespräsidialamt schrieb im Namen Frank-Walter Steinmeiers (SPD) zur Begründung für die Auszeichnung: „Es gibt an den Schulen in unserem Land kaum einen jungen Menschen, der seine Erklärvideos zum Fach Geschichte nicht kennt.“
Bei der Anfertigung von Bildungsmaterial verbietet sich die Hast
MrWissen2go ist de facto Teil des deutschen Bildungssystems – mit Falschbehauptungen, die nicht verwundern müssen: Es liegt in der Natur der Sache, zu Fehlern zu neigen, wenn man sich vornimmt, im hastigen Zwei-Wochentakt geschichtsbildende Videos zu produzieren. Deswegen sollte man sich dergleichen erst gar nicht vornehmen. Ein zwei-wöchentlicher Rhythmus eignet sich etwa für journalistische Kolumnen. Für schulisches Bildungsmaterial sollte man sich deutlich mehr Zeit nehmen.

MrWissen2go ist als Bildungsautorität etabliert.
Drotschmann ist ein Schuster, der nicht bei seinen Leisten bleiben wollte. Statt sich auf Journalismus und Moderation zu beschränken, tritt er als eine Bildungsautorität auf – und als Lehrer mit Kumpeltyp-Sympathie wird er auch verstanden. Weil er „pro Tag einfach zu viele Mails“ bekommt, als dass er „alles beantworten könnte“, bittet er in der Selbstpräsentation auf seinem YouTube-Kanal darum, ihm „keine Fragen mehr zu Hausaufgaben, Klausuren/Prüfungen und Referatsvorbereitungen zu stellen“.
Geschichtsbildung gelingt nicht „to go“
Treten wir einen Schritt zurück: In der alten Bundesrepublik wäre niemand auf die Idee gekommen, TV-Dokumentationen statt als IN den Unterricht einzubindendes Ergänzungs-Material als ausdrückliche Vorbereitung FÜR den Schulunterricht zu konzipieren. In der neuen Bundesrepublik liegen die Dinge hingegen ganz anders. Der gesellschaftliche Übergang verlief so reibungslos wie ein ARD-Sommerinterview mit einem Regierungspolitiker: Einen bildungsbürgerlichen Kommentar, der die Verdrängung von klassischer Wissensvermittlung durch bequemen Wissenskonsum kritisiert, sucht man in den Online-Archiven von FAZ und WELT vergeblich.
Dabei ist doch klar: Wer sich für Unterricht und Prüfungen ständig mit YouTube-Videos vorbereitet, entwickelt erst gar nicht die Fähigkeit, sich einen Gegenstand selbstständig zu erschließen. Er lässt sich nur berieseln, bekommt alles vorgekaut. Es ginge aber darum, sich in konzentrierter Textarbeit historische Zusammenhänge zu erarbeiten.

Wie viele Schüler können sich noch zwei Stunden konzentriert mit ihrem Geschichtsbuch beschäftigen?
Niemand muss Bildungsexperte sein, um das Einfache zu erkennen: Im Namen „MrWissen2go“ ist das Scheitern vorprogrammiert.
Geschichtliche Bildung gibt es nicht „to go“, weil sie eine gewisse Hingabe zum Gegenstand erfordert. Den „Coffee to go“ trinken Leute auf dem Weg zur Arbeit, weil sie sich keine Zeit dafür nehmen wollen, ihn sich zu Hause zu brühen und in Ruhe zu trinken. Dementsprechend wird das ZDF-Format von Schülern konsumiert, die sich nicht bei angeknipster Schreibtischlampe zwei, drei Stunden mit ihrem Geschichtsbuch beschäftigten wollen.
Zum Umherblättern, Stöbern, Lesen und Notieren von Gedanken fehlt die Aufmerksamkeitsspanne, bedingt durch Smartphones und soziale Medien. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das zu kritisieren anstatt zu bedienen wäre – indem man eine lukrative Karriere darauf gründet.
2017 hielt der Focus präzise fest, dass Mirko Drotschmann „mit seinem Konzept eine noch recht leere Nische gefunden“ hat, um vorausschauend zu bemerken: „Fachwissen gut verständlich aufbereitet und als Online-Lehrer sympathisch vermittelt; ein Geschäftsmodell, das – gerade auf YouTube – offenbar sehr viel Potenzial hat.“ Waren es damals fast „40.000 Kanal-Abonnenten“, die ihm ein „beträchtliches“, aber den Lebensunterhalt noch nicht finanzierendes „Nebeneinkommen“ bescherten, so dürfte er heute – mit 50-mal so vielen Abonnenten und Tätigkeit beim ZDF – für sich bereits ausgesorgt haben. Aber auf wessen Kosten?
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