Kommentar von ARD und ZDF: Wer Imane Khelif als Mann bezeichnet, gehört zur „Stammtisch-Öffentlichkeit“
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Am Dienstagabend fand der bislang brisanteste Boxkampf dieser Olympischen Spiele statt: Der Algerier Imane Khelif trat gegen die thailändische Vize-Weltmeisterin Janjaem Suwannapheng an – im Turnier der Frauen. Mindestens ebenso bemerkenswert wie das ungleiche Duell: der tendenziöse Kommentar bei ARD und ZDF.
Am Dienstag besiegte Khelif (in Blau) seine thailändische Gegnerin (in Rot) in drei Runden. Khelif, der laut dem Boxverband IBA über männliche XY-Chromosomen verfügt, verweigert einen Speichelabstrich, um seine Weiblichkeit nachzuweisen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) fordert einen solchen Test auch gar nicht ein – sondern richtet sich einfach nach dem Pass, in dem Khelif als weiblich ausgegeben wird. Seine Geburtsurkunde wurde nach Recherchen von NIUS jedoch erst 2018 ausgestellt.

Khelif ging als Siegerin aus dem Ring.
In den Box-Livestreams von ARD und ZDF kommentierte Michael Pfeffer den Kampf – und beließ es keineswegs bei einer sportlichen Bewertung. „Ich lasse Sie jetzt mal mit der Vorstellung allein“, erklärte er den Zuschauern, während die Bilder aus dem Boxring über den Bildschirm flimmerten, und vertiefte sich dann in die Debatte um Khelif.
„Stimmen von unqualifizierten Menschen wie Donald Trump“
Gleich die einleitende Worte waren voller Widersprüche: „Da gab es Stimmen aus aller Herren Länder, auch von so unqualifizierten Menschen wie Donald Trump, die behaupteten, Imane sei ein Mann. Leider auch die Harry Potter Autorin J. K. Rowling. Aber das ist definitiv nicht der Fall. Vermutlich ist sie intersexuell. Und eines ist klar: Dass biologische Männer nicht gegen Frauen boxen, hat einen guten Grund. Es gibt einfach Unterschiede. Physiologische, anatomische, biologische. Und das würde eine viel zu große Verletzungsgefahr bedeuten, wenn man hier genderübergreifend boxen würde. Aber das war ja nie das Thema.“
Tatsächlich aber ist genau dies seit Wochen das Thema, über das gestritten wird.
Vielmehr, so Pfeffer, gehe es um die Überlegenheit von Khelif – ganz so, als würde Khelifs Geschlecht nur wegen einer überragenden Leistung angezweifelt. Der Kommentator berichtet, dass der Box-Verband IBA nach entsprechenden Tests „behauptet“ habe, Khelif sei ein Mann. Er bezeichnet den Verband als „sehr umstritten“ und „sehr suspekt“. Den Präsidenten der IBA, Umar Kremlev, nannte Pfeffer einen „suspekten Russen, der schon einmal im Gefängnis saß“. Berichte über eine Haftstrafe lassen sich allerdings in seriösen Medien nicht finden.

IBA-Präsident Kremlev bei einer Pressekonferenz im Juli.
Die Art der Tests wurde „nie näher erklärt“, behauptet der Kommentator. Auch das trifft nicht zu: Laut IBA wurden die Chromosomen untersucht, wobei sich herausstellte, dass Khelif über XY-Chromosomen verfügt, also ein Mann ist. Zudem spricht der Verband von zu hohen Testosteronwerten.
„Diese Männer-Behauptung“
Pfeffer setzt sodann zu einer Kritik am IOC an: „In der Genderfrage ist die Rolle des IOC fragwürdig, denn es ist Zeit, dass sich Thomas Bach (der Präsident des IOC; Anm. d. Red.) und seine Mitstreiter bekennen, dass sie klare Vorgaben geben, dass sie die Verbände nicht alleine lassen.“ Auch die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni habe „diese Männer-Behauptung“ aufgestellt, „die im rechten Lager weltweit dankend – auch von Donald Trump und einem gewissen Elon Musk – aufgenommen wurde.“
Je länger der Kampf dauert, desto bizarrer werden Pfeffers Einschätzungen – denn was sich im Ring abspielt, lässt sich mit seinem politischen Framing kaum mehr in Einklang bringen: „Wir sehen schon, dass da richtig harte Power drauf ist bei Imane Khelif“, beschreibt Pfeffer. „Und natürlich ist das ein Problem. Und deswegen sage ich ja, muss sich auch das IOC bekennen. Wir können da jetzt nicht mehr rumeiern. Denn ich habe zu Anfang gesagt, dass Männer nicht gegen Frauen boxen können, das ist klar. Aber was nicht klar ist, ist, dass XY-Chromosomen zwingend auf Männer hindeuten. Harte Linke zum Kopf der Thailänderin!“
Im selben Moment also, in dem sogar der Kommentator die harten Schläge von Khelif instinktiv als „Problem“ erkennt, versucht er zugleich, Khelifs sportlichen Vorteil durch seine XY-Chromosomen kleinzureden.
Protokoll der Kehrtwenden
Doch es wird noch skurriler. Pfeffer beginnt, alle paar Sätze eine argumentative Kehrtwende zu vollziehen. Er nennt Imane Khelif „die stärkere, aber auch die bessere Boxerin“ und verurteilt die Diskussion in den sozialen Medien als „soziales Stammtischgerede“: „Ich muss hier nicht näher darauf eingehen, wie klar überlegen Imane Khelif ist, weil dieses Thema wird hier weiter dieses Boxturnier begleiten.“
Kehrtwende: „Und man kann dem IOC nur zurufen, dass sie dringend zur Klärung der Umstände beitragen müssen. Wir können das hier nicht einfach weiterlaufen lassen. Denn der Präsident Kremlev von diesem umstrittenen Verband – ein Millionär, ein Putin-Freund, ein von Gasprom finanziell gepamperter Verband – macht Druck.“ Es folgen weitere kritische Äußerungen über den Verband.
Kehrtwende: „Es gibt nur eine Frau, die trifft. Und wir werden das hier nicht infrage stellen. Und das ist Imane Khelif.“
Kehrtwende: „Aber es muss natürlich im Nachlauf dieser Spiele dann doch mal geklärt werden. Der Leichtathletik-Weltverband hat es ja über Testosteronwerte getan.“
Kehrtwende: „Aber auch das ist durchaus nicht unumstritten und der Fall von der Mittelstreckenläuferin aus Südafrika, Caster Semenya, liegt ja immer noch beim Internationalen Sportgerichtshof CAS. Das ist also eine völlig offene Geschichte. Ja, es ist möglich, dass dieser Körper von der Frau in Blau, von Imame Khelif, dem der Läuferin Caster Semenya ähnelt. (…)“ Die Läuferin Semenya allerdings verfügt über erhöhte Testosteron-Werte und XY-Chromosome. Würde Khelifs Körper tatsächlich jenem von Semenya ähneln, dann würde genau das zutreffen, was Pfeffer zu Beginn des Kampfs als gefährlich darstellte: Dass ein Mann gegen eine Frau boxt.
Kehrtwende: „Experten sagen, die Frau in Blau ist ein genetischer XY-Karyotyp. Und das ist nicht eindeutig männlich. Es gibt XY-Frauen, die anatomisch weiblich sein können. (…)“
Kehrtwende: „Die dritte Runde. In diesem Kampf. Der natürlich ein ungleicher ist. Was heißt natürlich: Der sichtbar ein ungleicher ist.“ Pfeffer erzählt nun die Lebensgeschichte von Khelif nach. „Und jetzt wird die 23-Jährige aus Thailand – wir sind hier im Weltergewicht der Frauen bis 66 Kilogramm, wo das nicht üblich ist – angezählt. Und natürlich ist es eine erneute Überlegenheit, die auch uns natürlich ins Grübeln bringt. Die Überlegenheit der Algerierin ist natürlich insgesamt zu groß, und ich kann es jetzt nur noch mal wiederholen: Man muss sich Gedanken machen, aber das ist leichter gesagt als getan.“
Pfeffers Kommentierung ist ein Meisterstück der Relativierung von Wahrheit, eine Viertelstunde in Worte gegossener woker Zeitgeist. Weil ARD und ZDF es sich mit niemandem verscherzen wollen, ist laut ihrem Kommentator einfach alles gleichermaßen wahr: Khelif ist definitiv kein Mann, aber Zweifel am Geschlecht sind berechtigt. Der IOC soll klare Kriterien erlassen, aber klare Kriterien gibt es nicht. Die Überlegenheit von Khelif ist zu groß, um im Rahmen des Natürlichen zu liegen, aber wer ihr Geschlecht anzweifelt, betreibt rechte Hetze.

Die Thailänderin Suwannapheng blieb gegen Khelif chancenlos.
Wer nicht recherchiert, darf nicht mitreden
Nachdem der Zuschauer mit diesen, sich widersprechenden Aussagen sowie zahlreichen Falschinformationen durch den Kampf geführt wurde und der Khelif vor Freude über ihren Sieg im Ring jubelt, setzt Pfeffer zu einer abschließenden gesellschaftspolitischen Lehrstunde an.
Er schimpft über die „Stammtischöffentlichkeit, die fälschlicherweise als ‚Medien‘ bezeichnet wird: Social Media.“ Die Debatte über Khelif, die dort stattfindet, hält er für unzulässig: „Dafür muss man Kompetenz haben, dafür muss man recherchieren, dafür muss man sich wirklich mit Problemen auseinandersetzen. Dann dürfte man vielleicht behaupten, dass man in der Lage ist, in dieser ganz schwierigen Frage, die wissenschaftlich nicht geklärt ist, auch mitreden zu dürfen. Aber vor allen Dingen nicht hämisch, nicht abwertend. Wie zum Beispiel auch die Transgender-Aktivistin J. K. Rowling.“
J. K. Rowling ist keine Transgender-Aktivistin, sie setzt sich vielmehr seit Jahren gegen diese Aktivisten ein. Um das herauszufinden, muss man weder lange recherchieren noch über große Kompetenz verfügen. Aber offenbar scheint für den Kommentator ohnehin nur eine Eigenschaft entscheidend, um im Streit um Wahrheit und Lüge mitreden zu dürfen: die Anstellung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Dort unterliegt die gesamte Berichterstattung über den Fall Imane Khelif einer erkennbaren politischen Schlagseite. So bezeichnet die ARD-Sportschau in einem Beitrag die Debatte als „Stellvertreterkrieg“, den die IBA mit dem IOC austrage. An anderer Stelle spricht der Sender von einem „sportpolitischen Machtkampf – ausgetragen auf dem Rücken der Athletin“. Auch Moderatorin Esther Sedlaczek zitierte in der ARD mit besorgtem Gesichtsausdruck Imane Khelif, laut der die Debatte an „Mobbing“ grenze. Als heikel nimmt man das Thema in der Redaktion offenbar dennoch wahr: So zeigte die ARD den gestrigen Boxkampf anscheinend nicht in ihrem Hauptprogramm, sondern nur im Stream. Im Hauptprogramm lief lediglich eine Schalte mit Hintergrundbericht und Bildern vom Halbfinale, teilt der Sender auf NIUS-Anfrage mit.
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