MrWissen2go verbreitet seit Jahren Falschbehauptungen ... Und beim ZDF hat es niemand hinterfragt
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Das ZDF-Format MrWissen2go richtet sich explizit an Schüler, dennoch finden sich dort Falschbehauptungen. NIUS berichtet seit einigen Tagen und thematisierte drei schwerwiegende Fälle von historischer Falschinformation. Hier sind vier weitere Unwahrheiten und eine mit wissenschaftlichen Standards nicht vereinbare Fragwürdigkeit.
Im Folgenden wird zunächst immer die ZDF-Behauptung wiedergegeben, um sie anschließend zu korrigieren. Auf den Umstand, dass die genauen Todeszahlen der Herero und Nama unbekannt sind (letzter Punkt) machte mich Geschichtsautor Simon Akstinat aufmerksam, der die ganze Geschichte um MrWissen2go mit der Aufdeckung der Giftgas-Lüge ins Rollen brachte und damit eigene Recherchen von NIUS anregte.
Beginnen wir mit dem bereits thematisierten Video „Imperialismus einfach erklärt“, in dem die deutsche Kolonialherrschaft im heutigen Namibia behandelt wird.
Falschbehauptung von MrWissen2go: Die deutsche Kolonialmacht legte Einheimische standardmäßig in Ketten.
Richtigstellung durch NIUS: Das fand nicht statt. Fotos von Menschen in Ketten gibt es nur von den Herero nach einer verlorenen Schlacht 1904.

Diese von MrWissen2go eingeblendete Zeichnung zeigt französischen Kolonialismus.
In der FAZ gibt Klaus Hess, der vier Jahrzehnte Präsident der Deutsch-Namibischen Gesellschaft war, aktuell zu Protokoll:
„Sklavenkarawanen mit Ketten oder Holzgabeln an den Hälsen, wie auf Zeichnungen im Video abgebildet, gab es nicht. Fotos von Menschen in Ketten sind nur von Herero bekannt, die nach der Schlacht am Waterberg 1904 gefangen genommen wurden und dann in Gefangenenlager gebracht wurden.“
Verharmlosung islamistischer Muslimbruderschaft
Bei Minute 5:07 wird eine Zeichnung eingeblendet, die auf das Jahr 1868 datiert ist. Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia) wurde jedoch 16 Jahre später – im Jahr 1884 – gegründet. Laut einer amerikanischen Bibliotheksseite illustriert es eine Sklavenprozession in Gabun, das seinerzeit unter französischer Kolonialherrschaft stand. Es handelt sich also erneut um eine falsche Bebilderung. Über eine andere berichtete NIUS gestern.
Falsch: Die Muslimbruderschaft begann friedlich und wurde erst mit ihrem Hamas-Ableger in den Achtzigern militant.
Richtig: Sie gründete sich 1928 als gewalttätige Organisation und schwor erst später offiziell der Gewalt ab – außer beim Kampf gegen Israel. Heutzutage gilt sie dem Verfassungsschutz als sogenannter legalistischer Islamismus, der sich dementsprechend auf legalem Wege um die Herbeiführung einer Scharia-konformen Gesellschaft bemüht.
Die Tagesschau schreibt korrekt: „In ihren Anfängen traten die Muslimbrüder militant auf und wurden für mehrere Anschläge verantwortlich gemacht. Später schworen sie der Gewalt ab. In Ägypten blieben sie lange verboten und arbeiteten im Untergrund.“ Konträr dazu heißt es jedoch bei MrWissen2go: „Jetzt aber, sechzig Jahre nach ihrer Gründung, wollen einige Muslimbrüder nicht mehr nur Moscheen bauen oder Kranke und Arme versorgen, sie wollen politisch aktiv werden und mit Waffengewalt gegen ihre Feinde kämpfen.“
MrWissen2go widerspricht sich selbst
Die ungeschminkte, sogar unkontroverse Wahrheit lautet hingegen: Im November 1945 zettelte die mit den deutschen Nationalsozialisten gut vernetzte Muslimbruderschaft in Kairo und Alexandria die ersten antisemitischen Pogrome der neueren Geschichte Ägyptens an, so die Bundeszentrale für politische Bildung.

Kämpfer der Muslimbruderschaft im Krieg gegen Israels Existenz 1948.
Das Video wurde vor zwei Monaten – anlässlich des gegen Israel verübten Hamas-Massakers vom 7. Oktober – veröffentlicht und behandelt die Geschichte der Hamas, die ein Ableger der Muslimbruderschaft ist.
Es wurde 1,9 Millionen Mal aufgerufen, was nicht verwundert, denn der YouTube-Kanal von MrWissen2go hat eine enorme Reichweite von 2,09 Millionen Abonnenten.
Falsch: Die jüdische Diaspora beginnt mit der Vertreibung der Juden durch die Römer im ersten Jahrhundert v. Chr. (siehe dieses Video).
Richtig: Die jüdische Diaspora begann bereits 722 v. Chr. nach dem Untergang des Königreichs Juda (Quelle: Jüdisches Museum Berlin).
Kurios: Im Widerspruch zu besagtem Video datiert er den Diasporabeginn in einem anderen Video auf das 6. Jahrhundert v. Chr.
Auch in der FAZ hagelt es nun Kritik
Falsch: Die Deutschen haben mit Waffengewalt die Herero und Nama in Schutzverträge gezwungen.
Richtig: Die Situation war wesentlich komplexer. Die Herero akzeptierten beispielsweise den Schutzvertrag 1885 freiwillig.
Noch einmal sei der ehemalige Präsident der Deutsch-Namibischen Gesellschaft in der FAZ zitiert:
„Die ersten Schutzverträge wurden von Herero- und Nama-Gruppen, teils auf ihre Hilfsersuchen, sowie auf Angebote der deutschen Verwaltung geschlossen, um sich die Unterstützung der Schutztruppe bei ihren Streitigkeiten und Kämpfen gegeneinander um die Weidegründe im Zentralbereich der Kolonie zu sichern. Das geschah ohne Zwang und nicht gegen ihren Willen.“
Herero-Todeszahlen sind kontrovers
Fragwürdig: Wissenschaftlich mindestens unseriös ist, eine exakte Todeszahl der bei der Niederschlagung des Aufstands getöteten Herero zu nennen, obwohl die Diskussionslage dazu kontrovers ist. MrWissen2go behauptet, es wären 64.000.
Richtig: Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt: „Von den ursprünglich 60.000 bis 80.000 Herero überlebten nur etwa 16.000, genaue Opferzahlen sind jedoch umstritten.“ Die englische Wikipedia nennt eine Spanne von 20.000 bis 100.000 Todesopfern unter den Herero.

Zehntausende sind bei der Niederschlagung des Herero-Aufstands umgebracht worden. Wie viele genau, lässt sich nicht sagen. Dennoch legt sich Mirko Drotschmann fest.
Simon Akstinat sagt gegenüber NIUS: „Immer wieder werden geschätzte Opferzahlen der Herero medial als Tatsachen behauptet. Doch jede genaue Aussage in dieser Sache ist unmöglich, weil niemand weiß, wie viele Menschen dieses Volkes vor dem Krieg 1904 und nach dem Krieg 1908 lebten.“
Das ZDF-Format MrWissen2go produziert seit Jahren im Wochentakt Videos, es sind inzwischen unüberschaubar viele geworden. Man sollte sie eingehend prüfen. Mindestens einige von ihnen sind von nicht akzeptabler Qualität und richten erheblichen Bildungsschaden an.
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