Vorsicht, Rassismus! Achtung, Sommeralbtraum! – Medien warnen davor, die deutsche Mannschaft anzufeuern
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Die Europameisterschaft im eigenen Land sorgt nicht nur für Vorfreude, sondern auch für Ängste und Bedenken. Was Medien dabei besonders umtreibt: der gefährliche Patriotismus der Deutschen.
„Aus Anfeuern wird schnell Rassismus“, titelt der RTL-Sender ntv und befragt den Sportsoziologen Michael Mutz, ob „Feiern mit nationalen Symbolen noch angebracht“ ist „angesichts des aufkeimenden Nationalismus“. Mutz warnt vor „großen Gruppen“, in denen Menschen in der Masse aufgehen: „Dann werden aus einer Anfeuerung für die deutsche Mannschaft schnell Schmähgesänge gegen andere, die die Grenzen zum Rassismus oder Nationalismus überschreiten. Wenn eine Überhöhung der eigenen Nation stattfindet und gleichzeitig eine Abwertung von anderen Nationen, ist diese Grenze im Grunde immer überschritten.“

Zum Fan-Outfit zählte 2006 auch die Bemalung der Wange.
Zwar drücke nicht jeder, der ein Deutschland-Trikot trage oder sich die Flagge auf die Wange male, damit zwangsläufig eine rechte Gesinnung aus. Entscheidend, so Mutz, sei die Frage: „Wofür stehen die Symbole des Nationalstaats?“ Hier gelte es zu unterscheiden: Lobenswert sei ein staatsbürgerlicher Patriotismus, „der auf der Idee des Grundgesetzes und der Verfassung basiert, auf Werten wie Freiheit oder Gleichheit; der durchaus auch inklusiv und kosmopolitisch sein kann.“ Problematisch hingegen sei ein „ethnischer Nationalismus, der die Abstammung und Kultur betont und der insofern exklusiv ist, weil niemand neu dazukommen kann, der diese Kriterien der Abstammung nicht erfüllt.“
Wer also seinen Nationalstolz aus der eigenen Kultur speist und sein schwarz-rot-goldenes Fähnchen nicht kosmopolitisch verstanden wissen will, der macht sich nach Einschätzung des Soziologen verdächtig.
Im Zick-Zack um Kneipen herum
Im Deutschlandfunk verbreitet der Künstler Volker-Johannes Trieb in der Sendung „Corso – Kunst & Pop“ die Ansicht, dass „nach jedem großen Fußballsieg der Rechtsruck in Deutschland größer wurde.“ Die „hässliche Kehrseite“ des Patriotismus beleuchtet Thembi Wolf im Stern. Als „nicht weißes, deutsches Kind“ lernte sie in den 90er-Jahren: „Deutschlandflaggen bedeuten Ärger.“ Erst bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland habe sich dies geändert, als „sogar die netten Nachbarn sich im Ein-Euro-Shop mit Fanartikeln ausrüsteten“.

Fans beim Public Viewing am Brandenburger Tor 2006.
Doch für Menschen wie sie sei das Sommermärchen ein Sommeralbtraum gewesen: Nach dem Public Viewing ging sie „im Zickzack um die Fußballkneipen herum nach Hause“, aus Sorge, deutschen Fans zu begegnen. Wolf rät dazu, die Deutschlandfahne im Schrank zu lassen oder wenigstens eine Regenbogen-Flagge dazu zu hängen. Sie selbst drückt die Daumen fürs Vorrunden-Aus der deutschen Mannschaft.
Die netten Nachbarn wiederum fühlen sich vielleicht eher vom Fußball-Magazin Elf Freunde abgeholt: „Ich gebe es nur ungern zu, aber ich habe Bock auf die deutsche Nationalmannschaft“ gesteht dort Autorin Mia Guethe. Hier mischt sich die Lust auf Fußball mit der Lust auf Scham, was sich mit allerlei Ramsch aus dem Ein-Euro-Shop zelebrieren lässt.
Dem patrotischen Taumel entziehen
Die Frage nach „gesundem Patriotismus“ treibt das Modemagazin Vogue um. Dort äußert sich Sportsoziologe Dr. Sven Ismer zu den fatalen Folgen der Heim-WM: „Ich glaube schon, dass die WM 2006 ihren Teil dazu beigetragen hat, dass es eine langfristige Legitimierung von eher nationalistischen, in der Tendenz rechten Positionen gegeben hat.“ Die WM habe dazu geführt, „dass sich plötzlich niemand mehr schämt, eine Partei wie die AfD zu wählen“. Gleichzeitig findet Ismer nicht, dass jeder mit Deutschland-Farben auf der Wange in die rechte Ecke gestellt wird. Im Gegenteil: „In der Minderheit sind eher diejenigen, die sich dem patriotischen Taumel entziehen möchten.“
Auch die ARD hält die gesundheitlichen Aspekte der EM für relevant. In der Doku „Einigkeit und Recht und Vielfalt – Die Nationalmannschaft zwischen Rassismus und Identifikation“ lässt sie die Autorin Alice Hasters zu Wort kommen. „Kann es einen gesunden Patriotismus geben?“, fragt Hasters und sinniert: „Wenn man das erlaubt, wenn man diesem Stolz wieder die Tür aufmacht, dann dauert es nicht lange, bis er wieder an den Punkt führt, dass man versucht, stolz zu sein auf eine Geschichte, die eine zurecht schambehaftete Geschichte ist. Eine Geschichte, auf die man nicht stolz sein kann.“ In der Folge könnte die Zeit des Nationalsozialismus verharmlost werden.
Nationalstolz erlauben? Das ist vielleicht gar nicht nötig. Denn der Spiegel sieht für Euphorie ohnehin keinen Anlass, weil die Europäer bei der Wahl „in weiten Teilen rechten, fremdenfeindlichen, nationalistischen Kräften zu Stimmengewinnen verholfen“ hätten. Über das Sommermärchen von 2006 heißt es in dem Leitartikel: „Die Deutschen haben sich damals gut gefallen“, aber dieses Gefühl ließe sich nicht einfach reproduzieren: „Und das ist gar nicht mal schlimm.“

Der Rasen liegt aus: Jetzt fehlt am Brandenburger Tor nur noch die Euphorie.
Minderheiten werden ausgegrenzt
Auch die linke Taz warnt vor „Flaggen am rechten Kotflügel“. Denn: „Wer Fahnen hisst, markiert damit sein Revier. Wenn Schwarz-Rot-Gold gezeigt wird, setzt sich die Mehrheitsgesellschaft über andere Gruppen hinweg.“ Diese Argumentation überrascht, hatten kundige Taz-Leser doch bislang angenommen, dass auch Minderheiten zum Land gehören und darum die Deutschland-Flagge auch im Namen von Schwarzen, Muslimen oder Non-Binären geschwenkt werden kann.
Nun erfahren die Taz-Leser, dass man mit einem Fähnchen am Fenster oder Rückspiegel sein „Reich markiert“. Eine Ausdrucksweise, die sich wohl nicht jeder Deutschland-Fan zu eigen machen würde. Die Deutschland-Flagge zeigt nach Meinung des Autors den „marginalisierten, als nicht normal wahrgenommenen Gruppen, dass diese hier nichts mehr zu lachen haben.“
Diese Sorge erscheint unbegründet: Wenn sich die Medien weiter so ins Zeug legen, werden die Deutschen noch einiges zu lachen haben.
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