ZDF-Intendant Himmler zu Böhmermann-Sendung über Ex-BSI-Chef Schönbohm: „Es ist kein Satz in diesem Beitrag falsch gewesen“
Ein Beitrag von
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland ist mit einem Budget von knapp 9 Milliarden Euro der teuerste der Welt. ZDF-Intendant Norbert Himmler verteidigt im Gespräch mit Table.Briefings-Journalist Michael Bröcker, dass Menschen gezwungen werden, Inhalte wie die Telenovela „Rote Rosen“ oder das Traumschiff zu finanzieren, und warum sich Jan Böhmermann als Satiriker nicht an journalistischen Maßstäben messen muss.
Obwohl immer mehr öffentlich-rechtliche Anstalten sich von sozialen Medien wie X zurückziehen und kritischen Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen, beschreibt Himmler seine Vision einer Reform der Öffentlich-Rechtlichen so:
„Ich würde mehr darauf achten, dass wir eine Dialogfunktion haben, mehr Interaktion mit dem Publikum.“
Einen Zusammenschluss von ARD und ZDF, um Kosten zu senken, lehnt Himmler ab:
„Ich würde das ganze System von ARD, ZDF und Deutschlandradio komplementärer aufstellen.“ Zwei große Nachrichtensendungen seien aus seiner Sicht kein Luxus, sondern eine demokratische Notwendigkeit: „In Zeiten, wo Desinformation und Filterblasen unterwegs sind und die Demokratie in Gefahr ist, da kann man gar nicht genug von unabhängigen Informationen haben.“ Unabhängigkeit sei nicht zu verwechseln mit einer Pluralität der Sichtweisen auf das politische Geschehen, die ARD und ZDF nach Ansicht von Himmler haben, denn ihre Nachrichtensendungen hätten häufig nicht dieselben Aufmacher, die Reihenfolge sei anders und dementsprechend auch der Blickwinkel. „Das hat aber nichts damit zu tun, dass einer weniger unabhängig wäre als der andere.“

Himmler (rechts) im Gespräch mit dem Journalisten Michael Bröcker
ARD und ZDF als Supermarkt mit Vollsortiment
Dass Menschen dazu gezwungen werden, Inhalte wie die Telenovela „Rote Rosen“ oder das Traumschiff zu bezahlen, hält Himmler nicht für problematisch.
„Ich bin gegen die Argumentation, die Öffentlich-Rechtlichen sollen nur das machen, was der Markt nicht bietet“, sagt er. Es gebe gute Gründe, dass in allen Genres unabhängig finanzierte Formate existierten. Würde man sich allein auf Nischeninhalte zurückziehen, so Himmler, „dann hätten wir eine ganz andere Legitimationsdebatte“. Er vergleicht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit einem Supermarkt mit Vollsortiment, der seinen Kunden verschiedene Produkte anbieten muss, damit sie ihm treu bleiben.
Den Vorwurf, dass der britische Sender BBC mit rund zweieinhalb Milliarden Euro Einnahmen auskomme, weist Himmler zurück:
Großbritannien habe deutlich weniger Einwohner, pro Kopf zahlten die Briten also kaum weniger als deutsche Haushalte. Entscheidend sei, „was der Gesellschaft unabhängiger Journalismus wert ist“.
„Die Leute sind nur noch in der Lage, Informationen in Häppchen wahrzunehmen“
Das Bild, das Himmler von seinen Zuschauern hat, kommt in einem Moment zum Vorschein, in dem Bröcker und Himmler über die Sendung „Bares für Rares“ sprechen.
Himmler verteidigt die Sendung mit den Worten: „Der Unterschied (zu den Formaten der Privatsender, d. Red.) ist, dass wir über die Herkunft der Gegenstände, die da versteigert werden, Auskunft geben. Dass wir einen Experten haben, die sagen: Das kommt aus dem und dem Jahrhundert und hat den und den Wert.“ Auf Bröckers Einwand: „Jetzt sagen Sie nicht, das ist Bildungsfernsehen?“, entgegnet Himmler: „Heute, wo die Leute sowieso nur noch in der Lage sind, in Häppchen Informationen wahrzunehmen, würde ich das echt nicht geringschätzen.“
Dann kommt das Gespräch nochmals auf triviale Unterhaltungsformate wie „Rote Rosen“ zurück und Himmler lässt durchscheinen, dass es dem Sender eben nicht nur um politische Bildung und Information geht, sondern dass man auch tiefer dringen möchte, bis in den privaten Bereich der Zuschauer hinein.
Himmler: „In der Fiktion, um jetzt mal die ‚Roten Rosen‘ zu nehmen, glaube ich schon, dass wir zeigen, wie Menschen in einer Daily oder Weekly miteinander interagieren, wie Soziales verhandelt wird, wie mit zwischenmenschlichen Problemen umgegangen wird – ich behaupte auf anständigere Art und Weise als wenn ich mir Dating-Shows anschaue bei RTL2“.
„Objektivität in Teilen ungeeignet“
Himmler über journalistische Objektivität:
„Ich würde mir den Begriff Objektivität nicht zu eigen machen, weil ich ihn zur Definition unserer Arbeit in Teilen für ungeeignet halte. Ich würde ihn heutzutage übersetzen mit Unvoreingenommenheit“. Man sei „in Zeiten angelangt, in denen wir über wissenschaftlich gesicherte Kenntnisse streiten. Dinge, über die wir uns vor 10 oder 15 Jahren noch nicht gestritten hätten. Und selbst bei der Wissenschaft würde ich immer sagen: Wir zeigen den aktuellen Stand der Wissenschaft und Harald Lesch sagt uns am Abend, was zur Quantenphysik momentan der letzte Schrei ist. Das kann aber nächstes Jahr, wenn es einen neuen Stand der Wissenschaft gibt, anders aussehen. Nur: Wir bestreiten nicht, dass zu einem Zeitpunkt X das Ganze objektivierbar ist im Sinne von wissenschaftlich gesicherter Wahrheit. Ich weiß aber, dass selbst dieser Begriff mittlerweile umstritten ist, deshalb sage ich – und der passt vielleicht besser in die Debatte, und auch in die Vorwürfe, die uns gemacht werden – ich verlange von meinen Journalistinnen und Journalisten, unvoreingenommen an die Dinge heranzugehen.“ Er werde niemanden dazu zwingen, seine eigene private politische Meinung zur Seite zu legen.
Himmler lobt ZDF-Satiriker Böhmermann für „sehr gute journalistische Arbeit“
Journalist Bröcker fragt Himmler: „Würden Sie sagen, Jan Böhmermann ist unvoreingenommen in der Auswahl und in der inhaltlichen Akribie und Fokussierung seines Formats?“
Himmler antwortet ohne zu zögern: „Nein. Weil er nicht in einem rein journalistischen Format arbeitet.“ Dass er sich hinter dem Begriff „Satiriker“ verstecke, kommentiert Himmler mit: „Was heißt denn verstecken? Mein Gott!“ Über die Rolle von Böhmermann im Fall Schönbohm sagt Himmler: „Für die Reaktion von Politik auf Recherche kann ich nicht verantwortlich sein.“ Himmler weiter: „Ursache und Wirkung haben in diesem Fall nichts miteinander zu tun.“ Auch das Urteil des Gerichts in München habe nicht gesagt, dass das ZDF etwas Falsches behauptet habe. „Es ist kein Satz in diesem Beitrag falsch gewesen. Kein Gericht hat festgestellt, dass ein Satz falsch war.“
Der Ex-BSI-Chef Arne Schönbohm hatte sich erfolgreich gegen das ZDF und Jan Böhmermann vor Gericht gewehrt. Das Landgericht München gab Schönbohm in vier von fünf Punkten der Anklage Recht und verurteilte das ZDF, dem es erhebliche Verletzungen des Persönlichkeitsrechts Schönbohms ankreidete. Der Sender „hat hier Falschdarstellungen verbreitet!“, schrieb Schönbohm auf X.
Mehr NIUS: Die Causa Schönbohm demonstriert, wie das ZDF auf ganzer Linie versagt

Das Gericht gab Arne Schönbohm in wesentlichen Punkten Recht.
Himmler weiter: „Ich finde es erschreckend, dass wir mittlerweile alleine die Existenz einer einseitigen Sichtweise im Format der Satire komplett hinterfragen und negieren. Ich finde, es gehört zu einer kulturell hochentwickelten Gesellschaft dazu, dass wir uns den Clown leisten, auch wenn er noch so schmerzhaft ist. Die Größe zu haben, dass einer um 23:30 Uhr einmal die Woche im ZDF-Programm Dinge tut, die – aus welchen Gründen – bestimmten Menschen, die davon betroffen sind, wehtun, finde ich, müssen wir ein Stück weit auch aushalten.“
Bröcker erwidert: „Ich kenne keine harte investigative Antifa-Recherche von Jan Böhmermann. Himmler: „Doch. Er hat auch Sendungen gemacht, die sich quasi gegen Links- und Rechtsextremismus gerichtet hat, er hat auch Sendungen gegen die Ampel-Regierung gemacht.“ Wenn Böhmermann Netzwerke aufgedeckt habe, sei das „eine sehr gute aufdeckende journalistische Arbeit“ gewesen.
Mehr NIUS:
So sehen Sie mehr NIUS auf Google News
Youtuber-Paar treibt Baby mit Downsyndrom ab und erhält jetzt Morddrohungen
Wie damals für George Floyd: Tausende Menschen knien jetzt für ermordeten Henry Nowak auf TikTok
Karl Lauterbach teilt bei Lanz aus: „Dieser Zirkus erinnert mich an das Lügen-Gerede von Lindner“
Plötzlich gegen die Brandmauer: Hat die Bild-Zeitung ihren AfD-Kurs geändert?
Die fatale Rolle der UNRWA: ZDF will TV-Doku über das Palästinenserhilfswerk nicht zeigen
Die Empörungswelle gegen die neue NIUS-Werbekampagne
„Ausgelassen gefeiert“: So verharmlost die Tagesschau die Gewalt von Paris
Mehr NIUS:
Karl Lauterbach teilt bei Lanz aus: „Dieser Zirkus erinnert mich an das Lügen-Gerede von Lindner“
Plötzlich gegen die Brandmauer: Hat die Bild-Zeitung ihren AfD-Kurs geändert?
Die fatale Rolle der UNRWA: ZDF will TV-Doku über das Palästinenserhilfswerk nicht zeigen
Die Empörungswelle gegen die neue NIUS-Werbekampagne
„Ausgelassen gefeiert“: So verharmlost die Tagesschau die Gewalt von Paris
Neuer „Digitale Medien-Staatsvertrag“: Greift der Staat schon diesen Sommer nach den Algorithmen?
NIUS jetzt auch auf WhatsApp
CDU-Politiker Roland Koch über Schwarz-Rot bei Lanz: „Wir sind in einer Gefangenschaft mit der SPD“
Redaktion
Artikel teilen
Kommentare