Hochwasser-Update: Die Deiche sind weich, die Angst vor neuem Regen ist groß
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Es regnet und regnet, und die Gefahr von Deichbrüchen wächst mit jedem Tag.
Bis Samstag soll der Dauerregen in Teilen Deutschlands nun noch andauern. Ursprünglich hatte der Deutsche Wetterdienst (DWD) seine Warnungen bis Donnerstagnacht herausgegeben. Am Mittwoch wurden sie verlängert. Damit dürfte sich die Lage in den Hochwassergebieten noch einmal zuspitzen. Schon am Mittwoch sind Auswirkungen der Regenfälle messbar gewesen: Einige Flüsse führten noch mehr Wasser.

Hessen, Großenlüder: Wassermassen umspülen nach tagelangen Regenfällen ein Fachwerkhaus.
Land unter wegen Dauerregen
Land unter meldeten Niedersachsen, der Süden Sachsen-Anhalts und der Norden Thüringens auf großen Flächen. Wie groß die Überschwemmungsfläche insgesamt ist, lässt sich kaum abschätzen. Die Behörden in Nordrhein-Westfalen sprachen von wieder stark steigenden Pegelständen wegen des Dauerregens.
Nun blicken auch andere Bundesländer mit Sorge auf ihre Flüsse, die zuletzt von Überflutungen verschont geblieben waren. In Hessen rechneten die Behörden mit steigenden Pegelständen in Fulda und Lahn und ihren Zuflüssen. Auch an den größeren Flüssen Rhein, Main und Neckar erwartete das zuständige Landesamt einen Anstieg des Wasserstands. Im Saarland gab es wegen zu viel Wassers viele Feuerwehreinsätze.

Starkregen sorgt für Hochwasser auf der Saarbrücker Stadtautobahn am Mittwoch (3.1.2024). Die Kanaleinläufe sind verstopft.
100.000 Helfer sind allein in Niedersachsen im Einsatz
Schon seit der Zeit vor Weihnachten haben Niedersachsen und Bremen mit Hochwasser zu kämpfen – die Lage dort ist am schlimmsten. „Wir haben eine Lage, die in den letzten Tagen immer wieder mit drei Worten zusammengefasst werden konnte: kritisch, aber stabil“, sagte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Er sprach von gewaltigen Wassermassen. Vor allem in den Einzugsgebieten der Hunte bei Bremen und Hase im Emsland seien Wasserstände wieder gestiegen, so der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Viele Pegel zeigten die höchste Meldestufe an, etwa die Leine und Oker.

Sandsäcke liegen an einer kleinen Wohnstraße in Sandkrug bei Oldenburg. In der noch immer angespannten Hochwasser-Situation warnt der Deutsche Wetterdienst (DWD) vor Dauerregen in Niedersachsen.
Niedersachsen greift inzwischen auch auf die Reserven von Sandsäcken aus anderen Bundesländern zurück. Bis auf einen kleinen Rest sei die eigene Reserve von rund 1,9 Millionen eingelagerten Sandsäcken seit Beginn der Hochwasserlage vor Weihnachten mittlerweile abgerufen worden, teilte der zuständige Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz mit. Das Land hat inzwischen aber rund 1,5 Millionen weitere Sandsäcke aus anderen Bundesländern erhalten.
Landesweit seien deutlich mehr als 100.000 Helferinnen und Helfer im Einsatz, sagte Ministerpräsident Weil. Er appellierte an Unternehmen, sie weiterhin von ihrer eigentlichen Arbeit für die Bewältigung der Hochwasserlage freizustellen. Dieser Appell gelte für die kommenden Tage und notfalls auch in der nächsten Woche.

In den Aller-Auen Niedersachsens stehen Bauernhöfe unter Wasser.
Wie lange halten die Deiche?
Schlimmeres haben die Deiche verhindert, die überwiegend den Wassermassen standhalten. Die Frage ist, wie lange noch? „Bislang haben wir keine Deichbrüche gesehen, da der technische Hochwasserschutz gut funktioniert“, sagte der Leiter des Ludwig-Franzius-Instituts für Wasserbau, Ästuar- und Küsteningenieurwesen an der Leibniz Universität Hannover, Torsten Schlurmann. „Die Deiche schützen vor Hochwasser hinreichend gut, solange sich Wasser nicht über längere Zeit an ihnen staut.“
Die Standfähigkeit eines Deiches hänge dann von vielen verschiedenen Faktoren ab – zum Beispiel davon, wie groß der Gradient zwischen dem Druck durch den Wasserstand im Fluss und der Landseite des Deiches sei, aus welchem Material der Deich gebaut sei und auf welchem Untergrund dieser stehe. Eine wichtige Aufgabe der Einsatzkräfte sei es daher, die Deiche stetig zu beobachten, etwa durch Deichläufer am Boden oder mithilfe von Drohnen aus der Luft.

An der Talsperre Kelbra wird Wasser in die Helme geleitet.
Scholz will sich Bild von der Lage machen
Von den Wassermassen bedroht sind auch mehrere Orte entlang der Helme, die von Thüringen in die Talsperre Kelbra, anschließend durch Teile des Landkreises Mansfeld-Südharz im Süden Sachsen-Anhalts und dann wieder nach Thüringen fließt. Angefordert wurden Bundeswehrsoldaten. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte angekündigt, sich ein Bild von der Lage in Sachsen-Anhalt machen zu wollen. In Niedersachsen war er bereits. Bedrohlich sei die Situation schon irgendwie, beschreibt eine Anwohnerin in Kelbra die Lage.

Überflutete Straße in Bruecken an der Helme
Auch im Norden stiegen die Pegelstände – wegen einer Sturmflut der Ostsee. Größere Schäden gab es bis Mittwochnachmittag aber nicht. In Großbritannien kam ein Autofahrer ums Leben, als ein Baum wegen des Sturms auf sein Fahrzeug stürzte. Im Norden Frankreichs kam es deswegen zu Überflutungen, örtlich zu Stromausfällen, Evakuierungen und der Unterbrechung der Trinkwasserversorgung.

Das Wasser der Trave schwappt auf die Travepromenade. Die Hansestadt Lübeck hat vor einer Hochwasser-Gefahr am Mittwoch in Teilen der Innenstadt und in Travemünde gewarnt.
Experte: Hochwasser-Ereignisse in Zukunft wohl öfter
Experten fordern als Konsequenz aus dem Hochwasser ein Umdenken beim Schutz vor Überschwemmungen. „Im Zuge des Klimawandels, wo sich die Hochwasser-Prozesse ändern werden, werden wir sicher andere Arten von Hochwässern in Zukunft sehen“, sagte Ralf Merz, Hydrologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle (Saale), im Deutschlandfunk. „Solche langen Hochwasser-Ereignisse wird es auch in Zukunft sicher öfter geben.“ Viele Schäden könnten vermieden werden.
Wie hoch die Gesamtschäden ausfallen, lässt sich noch nicht beziffern. SPD-Haushaltspolitiker brachten ein erneutes Aussetzen der Schuldenbremse ins Gespräch. „Das Hochwasser richtet gerade in Niedersachsen immense Schäden an“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Andreas Schwarz dem Magazin Spiegel. „Für diese Kosten könnten wir die Schuldenbremse aussetzen.“
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