Russland-Experte zum Wagner-Aufstand: Das ist die russische Version des Attentats auf Hitler
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Offene Eskalation in Russland! Bis Freitag kämpften die berüchtigten Söldner der Gruppe Wagner Seite an Seite mit der russischen Armee im Ukraine-Krieg. Jetzt wendet sich Jewgeni Prigoschin, Chef der Privatarmee, gegen Kreml-Führer Wladimir Putin.
„Das ist ein Stoß in den Rücken unseres Landes und unseres Volkes“, sagte Putin am Samstagmorgen. Irrtum, konterte Prigoschin: „Wir sind Patrioten unserer Heimat.“ Der Wagner-Chef kündigte an, „Korruption, Lügen und Bürokratie“ in Russland zu beenden. Es ist ein beispielloser Machtkampf. Ausgang: Völlig offen.
Hier sind die wichtigsten Reaktionen zum Putin-Prigoschin-Konflikt:
Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj: „Die Schwäche Russlands ist offensichtlich“, twitterte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Je länger Russland Truppen und Söldner in der Ukraine halte, «desto mehr Chaos, Schmerz und Probleme wird es später für sich selbst haben». Weiter sagte Selenskyj: „Lange Zeit bediente sich Russland der Propaganda, um seine Schwäche und die Dummheit seiner Regierung zu verschleiern. Und jetzt ist das Chaos so groß, dass keine Lüge es verbergen kann.“ Mit Blick auf Putins Angriffskrieg gegen sein Land sagte er: „Jeder, der den Weg des Bösen wählt, zerstört sich selbst.“ Der Kremlchef verachte Menschen und habe Hunderttausende in den Krieg geworfen, „um sich schließlich in der Region Moskau vor denen zu verbarrikadieren, die er selbst bewaffnet hat“.
Russland-Experte Andreas Heinemann-Grüder vergleicht den Wagner-Aufstand mit dem Attentat auf Hitler: „Was wir hier erleben, ist die russische Version des 20. Juli 1944: Der ist erfolgreich niedergeschlagen worden. Gleichzeitig war es das Vorspiel für das Ende, weil die Sollbruchstellen deutlich geworden sind“, so der Experte im Interview mit n-tv. Der Wagner-Aufstand zeige, „wie sehr die Russen mit dem Rücken an der Wand stehen. Russland hat sich zwar eingebunkert, aber die Zweifel daran, dass dieser Krieg noch zu ihren Gunsten zu drehen ist, die sind erheblich.“
Das britische Verteidigungsministerium: „In den kommenden Stunden wird die Loyalität der russischen Sicherheitskräfte und insbesondere der russischen Nationalgarde entscheidend für den Verlauf der Krise sein.“ Es gebe bisher nur „sehr begrenzte Beweise“ für Kämpfe zwischen Wagner und Sicherheitskräften. Dies deute darauf hin, dass einige russische Truppen wahrscheinlich „passiv“ geblieben seien und Wagner nachgegeben hätten.
Ramsan Kadyrow: Der Machthaber der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, stellte sich an die Seite Putins und kündigte die Entsendung seiner Truppen an, um den Aufstand niederzuschlagen. Tschetschenische Kämpfer sind – wie bis vor kurzem die Wagner-Einheiten – an der Seite der regulären russischen Armee gegen die Ukraine im Einsatz. Der für seinen brutalen Führungsstil bekannte Kadyrow und Prigoschin gelten seit längerem als Kontrahenten.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD): Schweigt bisher. Der Kanzler lässt sich nach Angaben eines Regierungssprechers über die Entwicklung in Russland infolge des Aufstands der Söldnertruppe Wagner „laufend informieren“. „Die Lage bleibt ja recht dynamisch. Insofern beobachten wir das sehr genau und koordinieren uns auch mit unseren engsten Verbündeten“, sagte der Sprecher am Samstag in Berlin. Ein Statement des Kanzlers sei derzeit nicht geplant.
Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP): „Putin gehen die eigenen Söldner von der Fahne. Sie wollen sich nicht länger an der Front in der Ukraine verheizen lassen.“
Mychajlo Podoljak, ukrainischer Präsidentenberater: „Die nächsten 48 Stunden werden über den neuen Status von Russland entscheiden“, twitterte Podoljak. Möglich seien ein „ausgewachsener Bürgerkrieg“, ein „ausgehandelter Machtübergang“ oder auch eine „vorübergehende Atempause vor der nächsten Phase des Sturzes des Putin-Regimes“.
Militärexperte Carlo Masala: „Es besteht die Möglichkeit, dass sich aus dieser Aktion ein veritabler Bürgerkrieg entwickelt.“ Drei Gründe führt der Politik-Professor dafür im Gespräch mit Welt an: Putin spielte die Ereignisse in seiner TV-Ansprache nicht herunter. Er appelliert an seine Streitkräfte, auf der richtigen Seite zu stehen. Und der russische Präsident ruft zur nationalen Einheit auf. Entscheidend sei jetzt, wie sich die russischen Soldaten verhalten. „Putin muss jetzt dafür Sorge tragen, dass sein eigener Machtapparat funktioniert.“ Dass der Kreml-Chef seine eigenen Streitkräfte warnt, könne dafür sprechen, dass er viele Überläufer befürchtet – sowohl in der Armee als auch in der Armee-Führung.
Außenministerin Annalena-Baerbock (Grüne): „Die Entwicklungen in Russland beobachten wir seit gestern Abend sehr aufmerksam und stehen in engstem Austausch dazu mit unseren internationalen Partnern. Deutsche Staatsangehörige in Russland sollten unbedingt unsere angepassten Reise- und Sicherheitshinweise beachten.“ Im Außenministerium tagt der Krisenstab der Bundesregierung.
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