Abnehmen per Spritze? Das sagt ein Experte dazu ...
Ein Beitrag von
Die Diät-Industrie ist eine der kreativsten Branchen, wenn es ums Vermarkten und Verkaufen fragwürdiger Produkte geht. Das Spiel mit der Hoffnung, endlich das Traumgewicht erreichen zu können, zahlt sich aus. Ob Hitze-Gürtel, Erdbeer-Diät oder magische Pillen – immer wieder fluten neue Heilsbringer den Markt. Meist ohne großen Erfolg.
Mit den Abnehmspritzen von Ozempic und Wegovy könnte nun allerdings „ein Gezeitenwechsel“ bevorstehen, wie Ernährungsmediziner Hans Hauner von der Technischen Universität München gegenüber NIUS sagt.

Ernährungsmediziner Hans Hauner von der Technischen Universität München.
Seit Monaten erleben die Präparate mit dem Wirkstoff Semaglutid einen Hype. Ursprünglich für die Behandlung von Diabetes entwickelt, wurde schnell deutlich, dass die Einnahme auch Gewichtsverlust fördert. Prominente wie Elon Musk warben für ihre Wirksamkeit. Die hohe Nachfrage führt teilweise zu Engpässen.
„Wirkstoff senkt Appetit im Gehirn“
Doch was unterscheidet Ozempic oder Wegovy von bisherigen Abnehmen-Medikamenten? „Viele waren zu schwach und hatten starke Nebenwirkungen“, sagt Ernährungsmediziner Hans Hauner. Ein „Durchbruch“ war es außerdem, Semaglutid nur wöchentlich, statt täglich zu injizieren. Der Wirkstoff ahmt das Darm-Hormon GLP-1 nach und arbeitet an verschiedenen Stellen im Körper, so Hauner. „Er senkt den Appetit im Gehirn und führt zu einer schnelleren Sättigung.“ Nebenbei sorge er für eine Verzögerung der Magenentleerung und damit einhergehendem Völlegefühl, was ebenfalls „Sättigung“ im Gehirn signalisiert. Wegovy enthält mehr von dem Wirkstoff und wird daher auch bei Menschen mit Übergewicht eingesetzt. Ozempic ist lediglich für Diabetiker zugelassen.
„Die Spritzen sollten nicht als Lifestyle-Substanz dienen“
Für beide Präparate wird ein Rezept vom Arzt benötigt. Zum Abnehmen kann man es sich ab einem BMI von 27 und Komorbidität, also dem Vorkommen einer Begleit- und Folgeerkrankung, verschreiben lassen. Für Menschen mit Diabetes übernimmt die Krankenkasse die Kosten, Menschen mit Adipositas müssen selbst zahlen – etwa 300 Euro im Monat.

Das Medikament Ozempic ist nur für Diabetiker zugelassen.
Hauner hält das für falsch: „Adipositas ist eine ganz normale Krankheit, da spielt auch Genetik eine große Rolle.“ Er befürwortet die Kostenübernahme bei schwerem Übergewicht. „Es gibt eine neue Studie aus dem November. Die zeigt: Semaglutid senkt auch das Herzinfarkt-Risiko, dadurch gab es weniger Todesfälle“, so der Ernährungsmediziner. „Das kann man den Betroffenen nicht mehr vorenthalten.“
Allein mit der Spritze ist es nicht getan. „Wir fangen immer erst an mit Ernährungsberatung.“ Wenn nach 3 bis 6 Monaten keine ausreichende Gewichtsänderung erfolgt, würde zusätzlich das Medikament verabreicht. „Durch den Medienhype kommen aber Leute, die wollen nur das Medikament haben, teils auch Normalgewichtige, für die das gefährlich sein kann.“ Es sei wichtig, die Spritzen nicht als Lifestyle-Substanz zu betrachten. Auch die Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen und in seltenen Fällen Gallenkoliken sollten bedacht werden.
70 Prozent der Kosten im Gesundheitssystem wären vermeidbar
Trotz der vielversprechenden Wirkung bleibt die Frage, ob die Spritzen letztlich nicht nur ein Symptom bekämpfen. Hauner bejaht. „Wir bräuchten diese Medikamente eigentlich nicht, wenn wir uns alle vernünftig verhalten würden. Aber der Mensch denkt kurzfristig und will den Genuss.“ Evolutionär gesehen sei das Bauchvollschlagen sogar sinnvoll. Nur lebten wir jetzt in einer Überflussgesellschaft, mit der viele weder biologisch noch psychologisch klarkämen, so der Ernährungsmediziner.

Pieksen = dünner, gesünder und weniger Kosten?
Eine Änderung der Zulassung hält er daher dennoch für sinnvoll, denn „70 Prozent des Geldes, das wir im Gesundheitssystem ausgeben, ist vermeidbar und wird ausgegeben für lebensstilbedingte Krankheiten.“ Wenn durch Ozempic und Wegovy Übergewicht, Krankheiten und schließlich Kosten vermieden würden, wäre das in Hauners Augen ein Erfolg.
Mehr NIUS:
Forsa-Studie: Fast jeder zweite Deutsche fühlt sich zu dick
Emilie Brummel
Artikel teilen
Kommentare