Am Tag, als der Kanzler ins Flutgebiet kam: Warum schippten plötzlich Flüchtlinge Sand?
Ein Beitrag von
Da besucht der Kanzler mit großem Medienrummel die Sandsack-Abfüll-Station in Berga (Sachsen-Anhalt) im Flutgebiet und beinahe zeitgleich kommen gut 20 Asyl-Bewerber an der Abfüll-Stelle an und nehmen die Arbeit an der Schippe auf. Zufall oder die perfekte Inszenierung?
Ein Video der Ankunft der Asyl-Bewerber hat in den sozialen Medien die Runde gemacht und bei Tausenden Usern ebendiese Frage aufgeworfen:
NIUS hat mit Helfern und Beteiligten vor Ort gesprochen und recherchiert, was wirklich passiert ist.
Dass der Besuch eines Bundeskanzlers in einem Krisengebiet auch immer eine politische Show ist, ist traurige Gewissheit – und in diesem Fall besonders: Wie Helfer vor Ort berichten, wurden ehrenamtliche Helfer am Tag des Scholz-Besuchs abgezogen und durch Feuerwehr-Leute in Uniform ersetzt, der Sandsack-Abfüll-Betrieb hatte zwei Stunden Pause.

Sandsack-Abfüll-Station in Berga: Der Kanzler lässt sich medienwirksam erklären, wie man von Hand Sandsäcke befüllt.
Lesen Sie auch: Helfer ärgern sich über Scholz-Besuch: „Als der Kanzler kam, konnten wir zwei Stunden keine Sandsäcke füllen“
Zum ersten Mal seit Beginn der Flut waren an diesem Donnerstag auch 20 Asyl-Bewerber aus dem Nachbarlandkreis Nordhausen (Thüringen) im Einsatz – jedoch, wie die hiesige Feuerwehr, Helfer und der Landkreis versichern, erst nach Scholz’ Abflug mit dem Bundeswehr-Helikopter.
Landkreis spricht von reinem Zufall
„Das war eine völlig spontan geplante Aktion und hatte mit dem Besuch des Bundeskanzlers rein gar nichts zu tun“, sagte Stefan Nüßle, Erster Beigeordneter des Landkreises Nordhausen, zu NIUS. Die Idee sei am Morgen in seinem Büro entstanden. Der Bereichsleiter Asyl beim Landkreis sei selbst aktiver Feuerwehrmann und seit Wochen wegen der Flut im Einsatz.
Nüßle weiter: „Wir haben uns besprochen, wie es denn weitergehen kann, wenn nach den Weihnachts- und Neujahrstagen die Urlaubszeit zu Ende geht und damit möglicherweise auch die Möglichkeit der ehrenamtlichen Helfer, so viele Stunden zu investieren.“ Der zeitliche Zusammenhang mit dem Scholz-Besuch sei reiner Zufall gewesen.

Hier sprechen Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Die Grünen) und Kanzler Olaf Scholz (SPD) mit freiwilligen Helfern bei der zentralen Sandsack-Abfüll-Station in Berga. Wer die Jungen neben Scholz sind, weiß man nicht.
Tatsächlich seien die Asyl-Bewerber sogar in Berga angekommen, als Scholz noch vor Ort war. Weil aber die Polizei die Straße abgesperrt hatte, hätten sie im Feuerwehrgerätehaus der Feuerwehr Berga gewartet – und seien erst zur Arbeit angetreten, als der ganze Trubel vorbei war.
Vor Ort, an der Sandsack-Abfüll-Station, bestätigten Mitglieder der Feuerwehr Berga und freiwillige Helfer, dass die Asyl-Bewerber erst nach Scholz‘ Abflug angekommen seien und lobten sie, einer der Helfer sagte zu NIUS: „Die haben fleißig geschippt und mit angepackt – die dürfen gerne wieder kommen.“
Julius Böhm
Artikel teilen
Kommentare